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Rheumakranke in Unruhe

Ihre Fachärztin ist 75 Jahre alt. Hört sie bald auf? Diese Sorge treibt manche zum Protest. Doch es gibt Hoffnung.

Von Jenny Thümmler

Irene Kindermann möchte nicht mehr bitten. Sie fordert jetzt. Seit Jahrzehnten leidet die 70-Jährige an Rheuma und hat Angst, bald nicht mehr angemessen versorgt zu werden. Denn Rheumatologen sind selten: Renate Drahonovsky in Rothenburg nimmt als einzige im Landkreis neue Patienten auf. Ihre Kollegen in Mittelherwigsdorf und Bautzen lehnen ab, sodass Betroffene nach Dresden fahren müssen. „Gerade für diese Patientengruppe ist das ein Unding!“, sagt Irene Kindermann. Als jetzt noch die Nachricht auftauchte, dass die 75-jährige Renate Drahonovsky ihre Praxis schließt, hat Irene Kindermann eine Petition gestartet. Titel: „Görlitz braucht einen Rheumatologen“. Denn für Rheumakranke sind regelmäßige Untersuchungen wichtig. Medikamente müssen angepasst, Wirkungen kontrolliert werden. Gerade in den schmerzhaften Schüben dieser unheilbaren Krankheit sind Betroffene auf jede Hilfe angewiesen. „Viele alte Menschen resignieren, bleiben im Bett und machen mit Schmerzmitteln ihre Organe kaputt“, sagt Kindermann. „Das darf doch nicht sein.“

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Die Petition läuft im Internet auf der Plattform „Open Petition“, zusätzlich hat Irene Kindermann Unterschriftenlisten verteilt, unter anderem im Ärztehaus Rauschwalde, im Sanitätshaus Scheinpflug und der Physiotherapie Knorr. Als Dankeschön fürs Auslegen hat sie überall ein Glas selbst gemachter Marmelade abgegeben. Bis Ende Juni werden nun Unterschriften gesammelt. Rund 160 hat Irene Kindermann bereits von ihren Vorträgen in verschiedenen kirchlichen Gemeinden. Alles will sie per Einschreiben an die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) schicken, die die Zulassung von Ärzten regelt. „Wir Rheumakranken haben ein Recht auf fachgerechte und wohnortnahe medizinische Versorgung durch einen Rheumatologen“, steht in der Petition, „und fordern mit der Unterschrift dieses Recht bei der KVS ein.“

Ein Stück weit kann Renate Drahonovsky aus Rothenburg Betroffene beruhigen. Die Nachricht vom Entzug ihrer Zulassung ist falsch. Die Schließung ihrer Praxis steht noch nicht fest, was auch die KVS bestätigt. „Wenn ich weiß, wann es so weit ist, sage ich es meinen Patienten rechtzeitig“, sagt Renate Drahonovsky. Lieber wäre es ihr allerdings, wenn eine Ärztin einspringt, die ihre Facharztausbildung derzeit im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt absolviert, wohin viele Görlitzer Rheumakranke regelmäßig zu Behandlungen kommen. „Sie wäre ein Glückstreffer“, sagt Renate Drahonovsky, „eine junge Frau aus unserer Region, die hier auch arbeiten will.“ Darum setzt sie sich jetzt bei der KVS dafür ein, dass die junge Kollegin sich in Rothenburg einarbeitet, um die Praxis eines Tages zu übernehmen. Es sehe momentan auch gar nicht schlecht aus, dass sie schon im nächsten Jahr in Rothenburg hospitiere.

Es ist momentan die einzige Hoffnung. Das Städtische Klinikum Görlitz hat Rheumasprechstunden nicht im Leistungsspektrum. Und die Kassenärztliche Vereinigung sieht keinen Handlungsbedarf. Für Rheumatologen gibt es keine gesonderte Bedarfsplanung. Und im Falle der Internisten, zu denen Rheumatologen gehören, ist der Kreis Görlitz durch 27 Fachinternisten mit 170 Prozent deutlich überversorgt, teilt die KVS mit. Inwieweit polnische Ärzte zur besseren Versorgung beitragen könnten, müssten andere Gremien und die Krankenkassen der Betroffenen klären.

Irene Kindermann möchte jetzt abwarten, wie ihre Petition läuft. 5 000 Unterschriften sind das Ziel. Diese Zahl ist für die Görlitzerin aber eher eine zufällige Wahl. „Es ist bisschen hoch, aber ich bin enthusiastisch.“ Bislang läuft es nicht schlecht: Aus 138 Unterschriften am Montag sind gestern schon 161 geworden. 30 Tage ist noch Zeit. Menschen aus Berlin, Dresden, Halle oder Bremen sind darunter, und natürlich viele Görlitzer verschiedener Altersklassen. Eine davon ist Cindy Rosenthal. „Ich habe unterschrieben, weil ich einen generellen Fachärztemangel in der Stadt wahrnehme“, sagt sie. Wartezeiten seien extrem hoch. Sie hat eine Kollegin, deren Rheuma und Osteoporose in der Wirbelsäule erst nach einer langen Arztodyssee, vielen Ohnmachtsanfällen und extremen Rückenschmerzen erkannt wurden, erzählt Cindy Rosenthal. „Dieses Beispiel zeigt, wie überlastet die Ärzte im Alltag sind und welch fatale Fehldiagnosen dadurch entstehen können.“ Da Görlitz eine Stadt mit vielen älteren Bewohnern sei, komme ein Rheumatologe dem Bedarf eindeutig entgegen.

Hier geht’s zur Petition: http://sz-link.de/rheuma