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Richard Jecht war der Rathausprofessor

Am Sonnabend vor 75 Jahren starb der erste hauptamtliche Ratsarchivar, dem Görlitz viel zu danken hat.

Der Maler Otto Engelhardt-Kyffhäuser porträtierte Professor Richard Jecht 1924
Der Maler Otto Engelhardt-Kyffhäuser porträtierte Professor Richard Jecht 1924 © Ratsarchiv Görlitz

Das heutige Augustum-Annen-Gymnasium Görlitz entstand 2004 aus dem Zusam- menschluss von Augustum und Annenschule. Beide Schulen hatten eine lange Vorgeschichte. Die Annenschule entwickelte sich ab 1730 mit Bezug zur Annenkapelle zunächst als Armen- und Waisenhausschule und erhielt nach Umbauten 1903 den Status einer Mädchenmittelschule.

Das Gymnasium Augustum entwickelte sich ab 1458 aus einem Studienkomplex des katholischen Franziskanerklosters nach der Reformation entsprechend der Vorgaben von Philipp Melanchthon zu einer evangelischen Lateinschule und dann zu einem renommierten Gymnasium, das nach der Gründung der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften (OLGW) 1779 eng mit dieser verknüpft war. Viele Lehrer und Rektoren der Schule waren gleichzeitig Mitglieder der Wissenschaftsgesellschaft. Dabei gewannen die naturwissenschaftlichen Schulfächer an Bedeutung.

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Historiker, Stadtarchivar und Görlitzer Ehrenbürger Richard Jecht (1858-1945)
Historiker, Stadtarchivar und Görlitzer Ehrenbürger Richard Jecht (1858-1945) © Foto: Stadtverwaltung Görlitz

Zu den herausragenden Lehrern am Ende des Kaiserreiches gehörte Richard Jecht. Er etablierte sich in Görlitz als überaus angesehener Gymnasiallehrer, erlangte in der OLGW eine Schlüsselstellung und genoss in der gesamten Region den Ruf des „bedeutendsten Oberlausitzer Historikers seiner Zeit“. Mehr noch: Wegen der akribischen Erschließung des Görlitzer Ratsarchivs in der Weimarer Republik bezeichneten ihn die Görlitzer Zeitgenossen als „Rathausprofessor“. Mit seiner damit verbundenen Lebensleistung erreichte der Gelehrte auch über seinen Tod vor 75 Jahren hinaus bis in die Gegenwart eine beträchtliche Nachwirkung.

Gehörleiden führt zur Pensionierung

Richard Jecht wurde am 4. September 1858 im Dorf Neuglück (heute Ortsteil von Bornstedt) im Mansfelder Land geboren. Sein Vater war in den umliegenden Bergwerken als Bergfaktor tätig und ermöglichte dem Sohn eine umfassende Schulbildung. Nach dem Besuch des Gymnasiums im nahen Eisleben studierte der Bergmannssohn in Halle vor allem Geschichte, Philosophie und Sprachen und wurde zum Abschluss zum Dr. phil. promoviert. Anschließend wurde Jecht an das Gymnasium Augustum in Görlitz als Lehrer vermittelt. Er überzeugte mit seinem Unterricht, betätigte sich nebenbei wissenschaftlich und trat bereits 1884 voller Tatendrang der OLGW bei. Fünf Jahre später fungierte er als deren geschäftsführender Sekretär.

Jecht lehrte, forschte, organisierte den Wissenschaftsbetrieb und veröffentlichte zahlreiche Fachschriften. In Anerkennung seines Wirkens wurde er zum Professor erhoben. 1891 übernahm er die Herausgabe des Neuen Lausitzischen Magazins, des Publikationsorgans der Gesellschaft. Damit waren drei Arbeitsfelder für ihn verbunden. Das war auf Dauer zu viel. Er hatte im zunehmenden Maße gesundheitliche Probleme. Deshalb erlangte Jecht 1904 mit Hinweis auf sein wachsendes Gehörleiden seine Pensionierung vom Schulbetrieb.

In Dresden überlebt er knapp den Feuersturm 1945

Die Stadtoberen, Schulbehörde und OLGW einigten sich für Jecht auf leicht veränderte Arbeitsschwerpunkte. Er wurde zum ersten hauptamtlichen Ratsarchivar von Görlitz ernannt, verwaltete damit die Archivschätze der Region und nutzte deren Erschließung für eine Fülle eigener Publikationen. Dabei folgte er seiner Überzeugung: „Die Grundlage aller geschichtlichen Formen ist die Kenntnis und richtige Einschätzung der Quellen.“

Der Görlitzer Ehrenbürger Richard Jecht (Bildmitte) mit Freunden und Verwandten
Der Görlitzer Ehrenbürger Richard Jecht (Bildmitte) mit Freunden und Verwandten © Stadtverwaltung Görlitz

Die Palette seiner Publikationen umfasst ein Werk über Jakob Böhme und Görlitz, die Schriften „Görlitz in der Franzosenzeit“, „Die wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt Görlitz im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts“, „Oberlausitzer Hussitenkrieg“, „Allgemeine Geschichte der Stadt Görlitz im Mittelalter“ und „Die Topographie der Stadt Görlitz“.

Jecht war bis ins hohe Alter unermüdlich tätig. Veränderungen in der gesellschaftlichen Wirklichkeit nahm der Historiker nur am Rande wahr. 1938 erfolgte seine feierliche Verabschiedung. Da war er 80 Jahre alt. Dann kam der Krieg, der ihn Anfang 1945 bewog, bei seinem Sohn in Dresden Zuflucht zu suchen. Das war ein Fehler. Er geriet mitten in den alliierten Bombenangriff und überlebte nur mit Glück den Feuersturm. Anschließend blieben ihm nur noch wenige Monate, bis er am 25. Juli 1945 starb.

Enkel brachte 2018 Jechts Nachlass nach Görlitz

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