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Dresden

„Sehenden Auges in die Katastrophe“

Turbulenter Tag im Prozess gegen mutmaßliche Nazi-Schläger – fragwürdiger Alibi-Zeuge, abgewatschter Verteidiger.

Verteidiger Peter Fricke (l.) mit seinem Mandanten René H., hat nun die Geduld des Gerichts endgültig überspannt.
Verteidiger Peter Fricke (l.) mit seinem Mandanten René H., hat nun die Geduld des Gerichts endgültig überspannt. © Benno Löffler

Seit November 2018 verhandelt das Landgericht Dresden gegen drei mutmaßliche Rechtsextremisten, denen neben Angriffen auf Ausländer, Polizisten und Andersdenkende auch Mitgliedschaft beziehungsweise Unterstützung einer kriminellen Vereinigung, der „Freien Kameradschaft Dresden“ (FKD), vorgeworfen wird. Die Männer um den Hauptangeklagten René H., einem 32-jährigen Wachmann mit eigener Firma, haben allen Grund zur Sorge. Nachdem nun das Urteil gegen die Rechtsterroristen der Gruppe Freital rechtskräftig ist – der Bundesgerichtshof hat vor Kurzem die Revision der Verurteilten verworfen – werden die Freitaler nun auch als Zeugen im Prozess gegen die drei Angeklagten aussagen müssen. Am 18. Oktober 2015 haben die Freitaler einen nächtlichen Überfall auf das alternative Wohnprojekt „Mangelwirtschaft“ in Übigau verübt und wurden dabei auch von Mitgliedern der rechtsextremen FKD unterstützt.

Auch René H. soll an dem Anschlag mitgewirkt haben. Der Wachmann, der bereits seit Dezember 2017 in Untersuchungshaft sitzt, behauptet jedoch, er sei nur kurz an dem Parkplatz an der Flutrinnenbrücke gewesen. Als dort plötzlich Dutzende Vermummte auftauchten, sei er mit seinem Kumpel Sven S. fluchtartig weggerast. H. behauptete, sie seien zur Geburtstagsparty ihres Freundes Stefan R. gefahren. Dort habe es Pizza gegeben.

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Sven S. (36) und Stefan R. (40) sind „Alibi-Zeugen“ des Security-Mannes, ein Foto zeigt ihn mit Kumpel Sven und einem unbekannten Dritten, wie sie mit einer Hitler-Torte mit fettem Hakenkreuz-Belag posieren. Nachdem der 36-Jährige bereits im April H. kein wirklich gutes Alibi geliefert hatte, wurde nun auch Stefan R. vernommen. Der 40-Jährige hatte zwar die Pizza-Rechnung jenes 18. Oktobers 2015 organisiert. Doch die steigerte die Verwirrung. R. hatte nämlich schon um 19.05 Uhr die Pizza bestellt. Der „Alibi-Zeuge“ beantwortete fast jede Frage mit: „Ich kann mich nicht mehr erinnern.“ Dabei muss der Abend einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen haben. Von vielen geladenen Freunden – an Namen kann er sich nicht erinnern – kamen René H. und Sven S. Man feierte zu dritt, mit Chicken-Curry und Bacon-Eggs, in Familiengröße. R. kann, oder will, nicht einmal sagen, ob seine Gäste länger als eine halbe Stunde bei ihm waren.

R. sagt, er sei auch mit H.s Verteidiger Thomas Moschke befreundet, sehe ihn regelmäßig. Warum er seinem Kumpel René H. nicht schon früher mit dem vermeintlichen Alibi geholfen habe, war wieder so eine Frage, die er nicht beantwortete. H.s zweiter Verteidiger Peter Fricke – und jetzt wird es wirklich kurios – bezeichnete den Alibi-Zeugen seines Mandanten als absolut nicht glaubwürdig.

Fricke hat sich kurz darauf auch noch eine peinliche Abfuhr des Vorsitzenden Richters Thomas Mrodzinsky abgeholt. Fricke bat das Gericht, die Zeugenvernehmung eher zu beenden, er müsse noch zu einem Prozess in Freiberg. Ein Weiterverhandeln sei nicht möglich, weil Verteidiger Moschke im Urlaub sei. Mrodzinsky lehnte es jedoch ab, den Zeugen an einem späteren Tag nochmals zu laden. Es wäre Frickes Aufgabe gewesen, sich mit Moschke abzustimmen. Dieser Landgerichts-Termin sei bereits Ende 2018 bestimmt worden. Die Kammer habe allen Angeklagten zwei Verteidiger beigeordnet, um den Prozess zu sichern und um genau diese Probleme zu vermeiden. Mrodzinsky: „Sehenden Auges in die Katastrophe zu rennen und zu sagen, es sei unverschuldet, ist hier fehl am Platz!“

Übrigens: Ohne das ganze Theater, das Fricke veranstaltet hatte, wäre die Befragung des Zeugen viel früher beendet gewesen und Anwalt Fricke hätte wohl noch seine Verhandlung in Freiberg erreicht.

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