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Riesa

Richterin verhandelt wegen Corona im Freien

Weil die Verteidigerin des Angeklagten vor Kurzem in Österreich im Skiurlaub war, wurde der Prozess kurzerhand nach draußen verlegt.

Richterin Ingeborg Schäfer (links) spricht unter freiem Himmel den neuen Verhandlungstermin mit der Staatsanwältin (2.v.l.) und den beiden Schöffen (rechts) ab.
Richterin Ingeborg Schäfer (links) spricht unter freiem Himmel den neuen Verhandlungstermin mit der Staatsanwältin (2.v.l.) und den beiden Schöffen (rechts) ab. © Jörg Richter

Riesa. Zeuge Thomas B. steigt auf dem Parkplatz vorm Amtsgericht Riesa in seinen Transporter. Er ist, milde ausgedrückt, ungehalten. Er hatte sich extra Zeit genommen, um bei der Gerichtsverhandlung dabei zu sein. Angeklagt ist ein 33-jähriger Riesaer, dem mehrere Ladendiebstähle und andere Einbrüche vorgeworfen werden. Der Fall hatte in der Stadt für große Aufmerksamkeit gesorgt. Dass der abschließende Verhandlungstag, an dem das Urteil verkündet werden sollte, jetzt verschoben wurde, macht Thomas B. wütend. "So ein Zirkus!", schimpft er und fährt davon.

Der Anlass seiner Wut ist ein Novum in Riesa. Erstmals ist am hiesigen Amtsgericht eine Verhandlung wegen des Coronavirus an die frische Luft verlegt und nach wenigen Minuten auf einen späteren Termin verschoben worden. Der Grund: Die Verteidigerin des Angeklagten, die Riesaer Rechtsanwältin Beatrice Rauch, ist in der vergangenen Woche aus ihrem Skiurlaub in Österreich zurückgekehrt.

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"Ich fahre für mein Leben gern Ski und seit 22 Jahren immer in den gleichen Ort", erzählt sie. Die Alpengemeinde heißt Steeg und befindet sich in der Nähe von St. Anton am Arlberg, einem der beliebtesten Skigebiete Österreichs. In der Wintersaison würden dort täglich bis zu 4.000 Leute auf dem Skihang unterwegs sein, weiß die Rechtsanwältin. An Wochenenden bis zu 5.000.

Der 18. März 2020 geht mit Sicherheit in die Annalen des Amtsgerichtes Riesa ein. Wegen des Coronavirus fand erstmals eine Gerichtsverhandlung außerhalb des Gebäudes statt. 
Der 18. März 2020 geht mit Sicherheit in die Annalen des Amtsgerichtes Riesa ein. Wegen des Coronavirus fand erstmals eine Gerichtsverhandlung außerhalb des Gebäudes statt.  © Jörg Richter

Am vergangenen Donnerstag wurde dort der erste Coronafall im Skigebiet St. Anton bekannt. Einen Tag später verhängte Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz die Quarantäne über das Skigebiet. Tausende Urlauber mussten es sofort verlassen. Auch Beatrice Rauch.

Nach ihrer Rückkehr informierte die Juristin sofort alle Gerichte, in denen sie in den darauffolgenden zwei Wochen zu tun hatte, dass sie aus einem Quarantänegebiet gekommen ist. Am Dienstag hatte sie einen Termin am Landgericht Chemnitz. "Der Richter hätte die Verhandlung durchgeführt, aber die Schöffen waren dagegen", erzählt sie.

400 Corona-Fälle im Skigebiet

Auch die Riesaer Richterin Ingeborg Schäfer ging lieber auf Nummer sicher und verlegte die Verhandlung am Mittwochmorgen kurzerhand unter den freien Himmel. "Die Situation ist schon skurril", sagt die Amtsrichterin. "Das ist eine Erfahrung, die wir auch noch nicht hatten." Zum Glück regnete es nicht. Der blaue Himmel über Riesa zeigte sich bei morgendlichem Sonnenschein von seiner schönsten Seite.

Ingeborg Schäfer hatte sich nach der Information von Beatrice Rauch im Internet selbst ein Bild von der Quarantäne in Tirol gemacht. Inzwischen soll es in ganz Tirol rund 400 Menschen geben, bei denen das Coronavirus nachgewiesen wurde.

Die Verteidigerin selbst betont, dass sie bislang keinerlei Symptome auf eine Corona-Erkrankung hat. Deshalb war sie auch zu der Verhandlung an der frischen Luft erschienen, wahrte aber vorsichtshalber mehrere Meter Abstand zu den anderen Anwesenden, auch zu dem Mann, den sie verteidigt.

Am Eingangsportal ist dieser gelbe Zettel geklebt. Darin werden alle, die sich in den letzten 14 Tagen in einem Corona-Risikogebiet aufgehalten haben, gebeten, das Amtsgericht nicht zu betreten.
Am Eingangsportal ist dieser gelbe Zettel geklebt. Darin werden alle, die sich in den letzten 14 Tagen in einem Corona-Risikogebiet aufgehalten haben, gebeten, das Amtsgericht nicht zu betreten. © Jörg Richter

Die Riesaer Rechtsanwältin hat ihre Gastgeber in Steeg angerufen und nach ihrem Wohlbefinden gefragt. Die Antwort hat sie erleichtert: "Dort gibt es bis heute keinen einzigen Corona-Fall. Aber die Skisaison ist definitiv beendet." Das seien schwere Tage und Wochen für den Tourismus in Österreich. Aber sie will auch im nächsten Jahr dort wieder ihren Skiurlaub verbringen.  

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Am Amtsgericht Riesa geht derweil die Arbeit weiter. Ein gelber Zettel an der Eingangspforte informiert darüber, dass der Publikumsverkehr eingeschränkt wurde. Richterin Schäfer verschob den Verhandlungstag im Fall des 33-jährigen Ladendiebs auf den 1. April. Auf die Frage, ob dieses Datum überhaupt für Urteile geeignet sei und nicht etwa als Aprilscherz abgetan werden könnte, antwortet die erfahrene Richterin: "Keine Sorge, die Urteile am 1. April werden auch ernst genommen."

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