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"Riesa hat schon zu viel Handelsfläche"

Andree Schittko ist Verwalter der Elbgalerie - und wirft den Stadträten eine Fehlentscheidung vor.

Andree Schittko ist Manager der Elbgalerie in der Riesaer Hauptstraße. Als selbst involvierter Handelsfachmann sieht er den geplanten Bau eines weiteren Einkaufsmarkts sehr kritisch.
Andree Schittko ist Manager der Elbgalerie in der Riesaer Hauptstraße. Als selbst involvierter Handelsfachmann sieht er den geplanten Bau eines weiteren Einkaufsmarkts sehr kritisch. © Sebastian Schultz

Riesa. Die Elbgalerie ist das Zentrum des Riesaer Innenstadt-Handels - rund um Kaufland, Mediamarkt, C&A gruppieren sich Dutzende kleinere Geschäfte vom Schuhladen bis zur Apotheke, vom Fleischerimbiss bis zur Lottoannahmestelle. Centermanager Andree Schittko macht sich wegen einer Entscheidung der Stadträte allerdings Sorgen um die Zukunft.

Herr Schittko, in Riesa wurde heftig über den geplanten Bau eines Edeka-Markts auf dem Widmann-Gelände debattiert. Was sagen Sie dazu?

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Mir geht es nicht um die Kette Edeka. Mir geht es um die prinzipielle Entscheidung: Wenn man das fortgeschriebene Einzelhandelskonzept für Riesa etwas genauer liest, wird klar, dass ein weiterer Verbraucher- oder Lebensmittelmarkt in der Innenstadt eigentlich ausgeschlossen ist.

Weil kein Bedarf da ist?

Ja. Das sagen die aktuellen Zahlen deutlich: Laut Prognose sinkt die Zahl der Riesaer Einwohner bis 2025 um 2.500. Gleichzeitig steigt der Anteil der Einwohner im Alter von 65 und älter auf dann 35 Prozent.

Und Rentner kaufen weniger ein?

Sie kaufen anders ein. Das merkt man auch beim Lebensmitteleinkauf. Ältere Leute essen oft weniger, die Haushalte sind in aller Regel ausgestattet, so dass nicht mehr so viel gebraucht wird. Gleichzeitig betrachtet das Einzelhandelskonzept auch das Umland. Riesa und Umland verlieren 5.000 Leute bis 2025. Und zu all dem kommt eine Umsatzverteilung, sollte ein neuer Lebensmittel- oder Verbrauchermarkt gebaut werden: Dann werden alle jetzt vorhandenen Läden in der Innenstadt noch einmal fünf bis zehn Prozent ihres Umsatzes abgeben müssen.

Sie meinen den geplanten Edeka an der Pausitzer Straße ...

Das ist egal, wer auf die Fläche zieht. Dabei ist die Kaufkraft in Riesa schon jetzt deutlich unterdurchschnittlich: Die Kennziffer liegt aktuell bei 83,5, das ist in Sachsen die Kleinste. 100 wäre der deutsche Durchschnitt.

Das heißt, der Riesaer kann nur 83 Prozent des deutschen Durchschnitts ausgeben?

Genau. Und das Konzept prognostiziert, dass die Riesaer Kaufkraft noch weiter sinkt. So liegt das sogenannte Nachfragepotenzial - so viel Umsatz kann insgesamt in der Region generiert werden - aktuell bei 734,6 Millionen Euro im Jahr. Bis 2025 wird es um 30 Millionen Euro sinken.

Diese Werte kann man nun aber kaum verändern, oder?

Verändern nicht. Aber man kann steuernd eingreifen. Riesa hat schon jetzt 3.100 Quadratmeter Verkaufsfläche pro 1.000 Einwohner, der deutsche Durchschnitt liegt bei 1.800 Quadratmetern! Bei der Nahversorgung liegt der deutsche Durchschnitt bei 540 Quadratmetern pro 1.000 Einwohner. Riesa hat zur Zeit - ohne eine Neuansiedlung - 910 Quadratmeter! Das ist alles kein Geheimnis, sondern steht im Einzelhandelskonzept. Und dann gibt es noch eine Faustregel: Eine Nahversorgung in einer Stadt ist abgedeckt, wenn jeder Einwohner mit 500 Meter Fußweg einen Lebensmittelmarkt erreicht. In der Innenstadt sind wir da schon jetzt völlig überdimensioniert. Und ausgerechnet dort, wo es am dichtesten ist, diskutiert man über einen neuen Standort. Liest man das Einzelhandelskonzept richtig, ist für mich nur eine Schlussfolgerung erlaubt: Eine weitere Bebauung mit einem Lebensmittler in der Innenstadt nicht zuzulassen.

Nun hat der Stadtrat aber erlaubt, dass der Interessent für die Widmann-Fläche ein Planungsverfahren beginnen darf.

Das ist für mich eine große Fehlentscheidung. Ich kann mir nur vorstellen, dass dabei Interessen von Lobbyisten oder selbsternannten Handelsexperten eine große Rolle gespielt haben. Gut ist das für Riesa mit Sicherheit nicht.

Ein Investor möchte auf der Widmann-Brache an der Pausitzer Straße einen Edeka bauen. Zumindest planen darf er das Vorhaben jetzt schon, so ein Stadtratsbeschluss.
Ein Investor möchte auf der Widmann-Brache an der Pausitzer Straße einen Edeka bauen. Zumindest planen darf er das Vorhaben jetzt schon, so ein Stadtratsbeschluss. © Lutz Weidler

Ein Argument war, dass ein attraktiver Markt auch neue Kunden nach Riesa ziehen könne ...

Attraktivität zieht immer. Aber das ist langfristig zu betrachten. Das ist für mich aber ein Blick in die Glaskugel. Zumal der Handel wegen Corona derzeit in einer mehr als schwierigen Situation ist. Sowohl Einzelhändler aus Riesa als auch deutschlandweit vertretene Ketten schauen derzeit sehr genau darauf, wo ihre Standorte noch wirtschaftlich sind. Wo die Reise da hinführt, weiß noch keiner. Und das trifft auch die Vermieter: Fast 90 Prozent unserer Mieter in der Elbgalerie sind an den Vermieter herangetreten, um über Mietvertrag und Mietzahlungen zu verhandeln.

Gebaut würde der Markt aber doch erst in einigen Jahren, oder?

Dennoch ist diese Entscheidung für mich eine Fehlentscheidung. Man sollte die Entscheidung über das Widmann-Gelände erst in zwei Jahren treffen, wenn die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie absehbar sind. Dann sollte man sich den Standort Riesa noch einmal neu anschauen. Wir wissen nicht, welcher Einzelhändler und welcher Verbrauchermarkt in zwei Jahren noch in Riesa vorhanden ist. Die Zahlen aus dem Einzelhandelskonzept können sich bis 2021 oder 2022 noch drastisch verändern. Auf deren Grundlage sollte man eine neue Entscheidung treffen.

Anfangs war ja noch ein Aldi neben dem Edeka geplant, der ist jetzt  weggefallen. Ein richtiger Schritt?

Damit reduziert man das Problem um ein paar Quadratmeter, das macht für mich nicht viel aus.

Der Edeka wäre mit 1.300 Quadratmetern nicht mal ein Drittel so groß wie das Kaufland in der Elbgalerie. Warum sehen Sie ihn trotzdem als Herausforderung?

Ob das für Kaufland eine Herausforderung ist, kann ich Ihnen nicht sagen. Da hält sich das Unternehmen mit seinen Zahlen bedeckt. In der Branche liegt der zu erwartende Gewinn aber nur im niedrigen zweistelligen Prozentbereich des Umsatzes. Wenn wir dann von einer Umverteilung von fünf bis zehn Prozent des Umsatzes reden, wirkt sich schon die Ankündigung eines solchen Wertes aus! Allein schon die Diskussionen um den Standort von Kaufland hat mir unzählige Telefonate mit Mietern beschert, deren Zentralen in ganz Deutschland verteilt sind. Zwar investiert Kaufland in Riesa in Millionenhöhe in den Standort für neue Laufwege, Kühlmöbel, Regale, Lüftung- und Klimaanlage. Außerdem hat Kaufland einen Mietvertrag bis 2028. Wenn man aber in Riesa zusätzliche Konkurrenz-Angebote schafft und sich nicht auf den Bestand des Einzelhandels konzentriert, ist dennoch die Gefahr groß, dass wir über kurz oder lang einen Leerstand in der Elbgalerie haben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Stadträte oder Verwaltung ein Interesse an einem leerstehenden Einkaufszentrum in der Innenstadt haben können.

Was würden Sie sich denn für die Widmann-Fläche wünschen?

Ich würde es für die Stadtentwicklung Riesas wesentlich besser finden, wenn das innerstädtische Filetstück dazu genutzt würde, dem demografischen Wandel entgegenzuwirken: Hier könnte eine Bebauung mit Einfamilienhäusern oder einem attraktiven Wohnpark realisiert werden. Auch eine Gestaltung als Sportpark (Skater, Volleyball - Bolzplatz, Kinderspiele, Freilandschach etc.) oder Kulturpark für die Riesaer Freilandkünstler kann ich mir gut vorstellen, um hier die Attraktivität der Innenstadt zu erhöhen und Lebensqualität zu schaffen. Eine Bebauung mit Handelsflächen erachte ich sowohl jetzt als auch in zwei Jahren als falsch.

Ein Blick auf den Riesapark am Stadtrand. Dort gibt es eine Real-Filiale, deren Zukunft nach dem Verkauf der Kette offen ist.
Ein Blick auf den Riesapark am Stadtrand. Dort gibt es eine Real-Filiale, deren Zukunft nach dem Verkauf der Kette offen ist. © Lutz Weidler

Eine andere spannende Frage beim Handel ist es, wie es mit dem Real im Riesapark weiter geht. Dort steht noch nicht fest, ob die Filiale von Kaufland oder Edeka übernommen oder gar geschlossen wird. Was wäre aus Ihrer Sicht die beste Variante für Riesa?

Der Standort Real ist für die Nahversorgung im Stadtteil Weida wichtig. Den Riesapark als Ganzes bewerte ich da anders. Wichtig ist es - nicht nur in Riesa - den Handel in der Innenstadt zu stärken. Zentrenrelevanter Einzelhandel gehört in die Innenstadt, an den Rand der Stadt gehört nicht-zentrenrelevanter Handel.

Sie meinen so etwas wie Baumärkte?

Da reden wir über Baumärkte, Möbelhäuser, Gartencenter, Teppich- und Fußbodenleger. Alle die, die eine großflächige Mieteinheit brauchen, die man in einer Innenstadt gar nicht darstellen kann. Da geht es auch um großflächige Parkplätze, Liefer- und Abholzonen. Diese Vorteile bietet der Riesapark. Man muss versuchen, den Charakter des Riesaparks zu verwandeln, das ist eine Aufgabe der Steuerung. Alle Mieter, die dort zentren-relevantes Sortiment bieten, sollte man versuchen, in die Leerstände der Innenstadt zu holen.

Mir fallen da etwa Mode und Schuhe ein ...

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Ja, aber auch Friseure, Blumengeschäfte, Eiscafés. Der Riesapark hat durchaus seine Existenzberechtigung und durch die gute Anbindung an die B 169 eine Ausstrahlung ins Umland, Richtung Oschatz und Brandenburg. Riesa braucht einen attraktiven Riesapark - und einen attraktiven Branchenmix in der Innenstadt, um ins Umland zu wirken.

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