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Riesaer Konzert mit zwei Zuschauern

Musiker der Elbland Philharmonie spielen vor fast leerem Saal - und wollen damit in der Corona-Krise ein Zeichen setzen.

Bereit zur Aufnahme? Bei der Elbland-Philharmonie warten Yoko Yamamura-Litsoukov, Zofia Konieczna, Katalin Orban und Vladimir Litsoukov (v.l.) darauf, dass Marco Branig (M.) und Mario Teich von Riesa-TV ihre Technik parat haben.
Bereit zur Aufnahme? Bei der Elbland-Philharmonie warten Yoko Yamamura-Litsoukov, Zofia Konieczna, Katalin Orban und Vladimir Litsoukov (v.l.) darauf, dass Marco Branig (M.) und Mario Teich von Riesa-TV ihre Technik parat haben. © KD BRUEHL

Riesa. Die Instrumente sind gestimmt. Die Violinen, das Violoncello, die Bratsche. Das ist Routine. Aber der leere Saal vor der Bühne ist es nicht. Wo sonst lange Stuhlreihen für die Proben des Orchester stehen, gähnt nun leerer Teppichboden. Nur ein Transportbehälter der Riesaer Elbland Philharmonie steht in der Mitte. Und der Kameramann, der dort seine Technik auf dem Stativ ausrichtet, gehört auch nicht zur Routine. Und schon gar nicht die Ankündigung, die der zweite Mann im ansonsten leeren Saal jetzt macht. "Ich werde Ihnen ab und an mit der Kamera näher rücken", sagt Marco Branig, der Chef von Riesa-TV.

"Aber so nahe kommt sonst beim Konzert niemand", protestiert Vladimir Litsoukov, der als Gast die Bratsche spielt. Das lenke womöglich ab. Und ohnehin: Wer wolle denn Musiker von so nahem sehen? 

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"Das gehört beim Filmen dazu, das verlangen die  Sehgewohnheiten der Zuschauer", erklärt Marco Branig gern. Und lässt sich nicht bei den Vorbereitungen seines neuesten Projekts stören: Nach der Übertragung von zehn Gottesdiensten aus leeren Kirchen kommt jetzt in Zeiten der Corona-Krise als nächstes ein Konzert der Elbland Philharmonie ins Netz.

So sieht der Kameramann von Riesa-TV die Aufzeichnung des Kammerkonzerts der Elbland Philharmonie. Hinten rechts Violonistin Zofia Konieczna.
So sieht der Kameramann von Riesa-TV die Aufzeichnung des Kammerkonzerts der Elbland Philharmonie. Hinten rechts Violonistin Zofia Konieczna. © Klaus-Dieter Brühl

"Wir wollen unseren Zuschauern in der Region zeigen, dass wir noch da sind", sagt Julia Gläßer von der Elbland Philharmonie. Denn den Verboten infolge der Pandemie sind sämtliche Konzerte des Riesaer Orchesters zum Opfer gefallen: vom Orchesterball über etliche philharmonische Konzerte bis zu den Auftritten mit der Landesbühne Sachsen.

Freuen sich da die Musiker über neu gewonnene Freizeit? "Ganz sicher nicht", sagt die Sprecherin. Die komplette Elbland Philharmonie ist von Kurzarbeit betroffen. Und außerdem wollten die Musiker spielen. "Das ist ihre Passion." 

Reguläre Konzerte sind allerdings derzeit nicht möglich, selbst Orchesterproben sind kaum zulässig. "Die Leute proben einzeln zu Hause, auf Anmeldung sind auch Proben bei uns im Haus möglich - aber nur in Kleinstgruppen", sagt Julia Gläßer.

Ohnehin gelten im Orchestersitz an der Kirchstraße in Gröba strenge Regeln: Alle paar Meter weisen Plakate auf den Mindestabstand von 1,50 Metern hin. Im Eingangsbereich regeln auf den Fußboden aufgeklebte Pfeile die Laufrichtungen. Desinfektionsspray steht bereit. Und im Aufenthaltsraum verteilen sich nur noch vier Stühle in großem Abstand um einen großen Tisch - alle anderen wurden beiseite geräumt und mit rot-weißem Flatterband abgesperrt.

Im großen Probensaal hat Konzertmeisterin Yoko Yamamura-Litsoukov an der Violine mittlerweile den Einsatz gegeben: Es erklingt der 1. Satz des Lerchenquartetts von Joseph Haydn. Und die Profis lassen sich natürlich nicht von den beiden Kameraleuten ablenken. Auch wenn die Aufzeichnung eine Premiere ist: "Wir wollen künftig häufiger Kammerkonzerte nach Hause bringen", sagt Gläßer.

Noch sei nicht absehbar, wie lange die Konzertsperre dauert. Man bereite sich aber vor, alle zwei Wochen ein neues Kammerkonzert ins Netz zu stellen. "Geplant haben wir jetzt bis zum Sommer", sagt die Sprecherin.

 Bei der Premiere, die am Sonnabend, 9. Mai ab 18 Uhr bei Riesa-TV und zwei Wochen lang auf der Orchester-Homepage zu sehen ist, erklingen neben Haydn auch ein Streichquartett von Beethoven, ein weiteres von Borodin und die Pizzicato-Polka von Johann und Joseph Strauss.

Und die Videoaufzeichnung ist nicht das Einzige, womit die Musiker den Kontakt zum Publikum halten: Bei Facebook sind Videos von Elbland-Philharmonikern zu sehen, die aus dem heimischen Probenzimmer Stücke für die Öffentlichkeit spielen oder in sicherem Abstand Auftritte vor Senioreneinrichtungen haben. 

Und da gibt es neuerdings eine Serie von Musiker-Porträts, in der man Privates von ihnen erfährt - etwa, dass Dirigent Ekkehard Klemm gern paddelt, Solo-Pauker Andreas Pleyl Harley fährt und sich Solo-Bassklarinettist Christoph Pohl in seiner Freizeit am liebsten ans Steuer einer Tatra-Straßenbahn in Dresden setzt.

Und für Kinder ist auch etwas dabei: Sie können sich seit wenigen Tagen ihr eigenes Orchester basteln - mit einem Bastelbogen auf dem Facebook-Auftritt der Elbland Philharmonie. Denn auch die ganzen Grundschul-Konzerte hatten zuletzt wegen Corona gestrichen werden müssen. Und auch die Besuche von einzelnen Musikern in den Schulen, wo sie sonst regelmäßig ihre Instrumente vorstellen.

"Als Ersatz dafür zeichnen wir jetzt unser Projekt 'Musik im Klassenzimmer' mit unseren Streichern auf, um es Musiklehrern zur Verfügung zu stellen", sagt Julia Gläßer. Die könnten es zum Beispiel über das sächsische Online-Schulportal Lernsax für den Musikunterricht verwenden.

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An das Hantieren von Kameraleuten werden sich die Musiker wohl jetzt gewöhnen, auch wenn sie am liebsten wieder "richtige" Auftritte hätten: In der Corona-Zeit ist eben einiges anders.

elbland-philharmonie-sachsen.de

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.

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