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Warum das Möbelhaus Fahrendorff schließt

Nach 30 Jahren läuft in dem Familienunternehmen der Räumungsverkauf. Nicht, weil die Firma pleite ist.

Schilder an der Strehlaer Straße weisen auf den Räumungsverkauf in der "Möbelwelt Fahrendorff" hin.
Schilder an der Strehlaer Straße weisen auf den Räumungsverkauf in der "Möbelwelt Fahrendorff" hin. © Sebastian Schultz

Riesa. Die Tränen kann Thurid Fahrendorff nicht unterdrücken. Sie kommen immer wieder. Die 53-Jährige wischt sie schnell weg und sagt kurz: "Alles gut. Es ist nur schade." Vor 30 Jahren hatte sie das Möbelhaus zusammen mit ihrer Mutter Heidi aufgebaut. Zuerst richteten sie eine Verkaufshalle im Riesaer Hafen ein, später in der Speicherstraße. 1997 zogen sie in die ehemalige Konsum-Großbäckerei an der Strehlaer Straße und bauten sie zur "Möbelwelt Fahrendorff" aus.

Seitdem behauptet sich das Familienunternehmen hier abseits der großen Einkaufszentren in der Innenstadt und im Riesapark - und war mehr als nur ein Geheimtipp. "Das Geschäft ist gut gelaufen", sagt Thurid Fahrendorff, die 2004 von ihrer Mutter die Möbelwelt übernahm. Viele Kunden hätten sie weiterempfohlen. Die Mund-zu-Mund-Propaganda funktionierte. Wer besondere Möbel suchte, die es nicht überall zu kaufen gibt, wurde hier fündig.

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Auch die liebevoll gestalteten Verkaufsräume, in denen Wohnbeispiele präsentiert wurden, fanden großen Anklang. Nicht selten hörten Fahrendorffs ihre Kunden loben: "Bei Ihnen ist alles ganz anders."  Das lag wohl auch daran, dass die Familie mit privaten Dingen, wie einem Klavier oder einer historischen Nähmaschine, die Räume ausschmückten und sehr viel Herzblut mit einbrachten.

Es sieht aus, als würde diese Schaufensterpuppe überlegen, was nun aus ihr werden soll.
Es sieht aus, als würde diese Schaufensterpuppe überlegen, was nun aus ihr werden soll. © Sebastian Schultz

Das alles ist bald vorbei. Die "Möbelwelt Fahrendorff" - nicht zu verwechseln mit dem Apart-Küchenstudio von Thurid Fahrendorffs Bruder Holger Fahrendorff am Puschkinplatz - schließt. Seit Mitte Juni läuft der Ausverkauf. Schilder an der Strehlaer Straße weisen darauf hin. 

Von den einst 1.400 Quadratmetern Verkaufsfläche sind noch ungefähr ein Viertel übrig geblieben. Viele Möbel sind schon zum Schnäppchen-Preis rausgegangen. Doch es gibt hier immer noch Schränke, Tische, Stühle, Sofas, Küchen, Gartenmöbel, Kinderbetten, Spiegel, Bilder und einiges mehr. Allerdings sind sie in die vorderen Räume zusammengestellt worden. Vom einstigen Flair der Möbelwelt ist nicht viel übrig geblieben. Nur ein paar Palmen und Wände mit Tapeten erinnern daran. 

So schnell wie möglich alles raus

Voraussichtlich bis zum Jahresende wird die Totalräumung dauern, bis alles verkauft ist. "Vieles geht sicherlich zum Einkaufspreis raus, damit nichts mehr übrig bleibt", sagt Thurid Fahrendorff. Geht es nach ihrer Tochter Sandra, dann sollen alle Waren möglichst schnell veräußert werden. "Am liebsten bis Ende August", sagt die 32-Jährige.     

Seit dreieinhalb Jahren ist Sandra Fahrendorff die neue Chefin der Möbelwelt. Die junge Frau mit den bunten Filzsträhnen war sehr gut vorbereitet auf diesen Posten. Immerhin hat sie an der Berufsakademie Riesa studiert und als Handels- und Dienstleistungsmanagerin abgeschlossen. Sie weiß, worauf es ankommt, um erfolgreich zu sein. 

"Ich wollte das Möbelhaus unbedingt übernehmen und habe mich richtig reingekniet", erzählt sie. Das habe ihr am Anfang auch Spaß gemacht. Von morgens bis spät in die Nacht ging ihr Arbeitstag. Das schreckte sie nicht. "Ich habe immer nur gearbeitet. Das hat mir nichts ausgemacht", sagt die junge Frau. 

Sandra Fahrendorff sitzt inmitten von Gartenmöbeln, die noch zum Verkauf stehen. Die junge Mutter scheint froh, die Last einer Geschäftsfrau bald nicht mehr tragen zu müssen.
Sandra Fahrendorff sitzt inmitten von Gartenmöbeln, die noch zum Verkauf stehen. Die junge Mutter scheint froh, die Last einer Geschäftsfrau bald nicht mehr tragen zu müssen. © Sebastian Schultz

Doch dann wurde sie schwanger. Seit 15 Monaten ist der kleine Paco die Nummer eins in ihrem Leben und nicht mehr der Laden. Sie gibt unumwunden zu, dass gleichzeitig Mutter und Geschäftsfrau zu sein, enorm stressig ist. Dass sie diesen Stress nicht mehr will, sei ihr in der Corona-Anfangszeit bewusst geworden, als alle Läden, bis auf die Bäcker und Lebensmittelgeschäfte, nicht mehr öffnen durften. 

In dieser Zeit konnte sie sich ihrem Sohn und ihrem Lebenspartner mehr widmen und sei aus dem Hamster-Rad ausgestiegen und aufgewacht. Sie hat für sich entschieden, einen anderen Lebensweg zu gehen. Sie möchte mehr Zeit für ihre kleine Familie haben und mit ihr die Welt bereisen. Das Geld, das sie für diesen Lebensstil benötigt, möchte sie als Internet-Verkäuferin von ätherischen Ölen verdienen. 

Mutter Thurid ist zwar enttäuscht und bald arbeitslos, sagt aber: "Ich kann sie  verstehen." Sie weiß, wie schwer es ist, als Mutter eine Firma zu leiten. Die 53-Jährige will nur eines klarstellen: "Wir schließen nicht, weil wir pleite sind, sondern weil meine Tochter es so will." Was aus den Räumen der ehemaligen Großbäckerei wird, stehe noch in den Sternen.     

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