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Riesas Billigkaufhaus

Bis zu 400 Kunden zählt die Secondhandhalle täglich. Dort gibt es Möbel, Hausrat – und einen Fernseh-Darsteller.

Blick in die Secondhandhalle Riesa: Mitarbeiterin Manuela Jobst bringt gerade neue Waren aus einer Haushaltsauflösung heran, die nun aus- und in die Regale einsortiert werden müssen.
Blick in die Secondhandhalle Riesa: Mitarbeiterin Manuela Jobst bringt gerade neue Waren aus einer Haushaltsauflösung heran, die nun aus- und in die Regale einsortiert werden müssen. © Sebastian Schultz

Riesa. Es ist kurz vor neun, und die ersten Kunden begutachten bereits kritisch das Sortiment. In den Einkaufswagen vor der Secondhandhalle stehen Blumentöpfe, Vasen und Glasschalen. Daneben stapeln sich Eimer in allen Größen und Farben, Bierkrüge und Krimskrams – und das ist nur ein kleiner Vorgeschmack.

 Denn drinnen weiß man bei der Masse an Hausrat, Büchern, Möbel und Kleidung gar nicht, worauf man zuerst schauen soll. „Was wir nicht haben, braucht man auch nicht“, sagt Thomas Richter selbstbewusst, „es ist zwar nicht alles schön, was wir haben. Aber es gibt alles für’n schmalen Taler.“ Für zehn Cent gehen bereits einzelne Teller oder Werkzeug raus. Für 350 Euro eine komplette Küche.

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2 000 Quadratmeter misst Riesas größte Trödelhalle an der Merzdorfer Straße. Das, was einst Elektrogroßhandel, Tennishalle und Teppichhandel war, liegt nun in den Händen von Jenny und Thomas Richter, die gemeinsam vier Filialen betreiben: die beiden Secondhandhallen in Riesa-Gröba und Oschatz sowie zwei höherpreisige Trödelmärkte in Riesa-Weida und Wurzen. Den Grundstein dazu legte Thomas Richter vor 14 Jahren.

Die Secondhandhalle in Riesa-Gröba zieht täglich Hunderte Kunden an.
Die Secondhandhalle in Riesa-Gröba zieht täglich Hunderte Kunden an. ©  Sebastian Schultz

Der Riesaer ist gelernter Landwirt. „Ich wollte Veterinär werden. Doch nach der Wende ging es von Punkt null los“, erzählt der 49-Jährige, „ich habe viele Sachen probiert und auch viele Fehler gemacht.“ 

Mit Diskotheken in Frauenhain oder Falkenberg sei es bis zur Euro-Einführung ganz gut gelaufen, danach aber wurde es für die Familie mit zwei kleinen Söhnen finanziell eng. „Ich musste aus der Not heraus auf Flohmärkte gehen“, erinnert sich Thomas Richter. 

Irgendwann organisierte er selbst welche, kaufte die Halle in Riesa aus einer Insolvenzmasse heraus und eröffnete mit ein paar selbst gebauten Regalen und etwas Kleidung die Secondhandhalle. „Das war am Anfang nur ein Job zum Überleben. Dass daraus mal unser Lebensinhalt wird, hätte ich nicht gedacht.“ Doch mittlerweile dreht sich sieben Tage die Woche alles rund um Trödel.

Die vier Läden werden durch insgesamt 15 Mitarbeiter geführt und vor allem immer aufs Neue gefüllt. Tag für Tag stehen deshalb Haushaltsauflösungen an. Zudem klopft immer mal wieder das Fernsehen an. 

Inhaberin Jenny Richter steht an der Kasse der Trödelmarktes.
Inhaberin Jenny Richter steht an der Kasse der Trödelmarktes. ©  Sebastian Schultz

Thomas Richter stand bereits für „Die Trödelprofis“ vom ZDF vor der Kamera, für den RTL-II-„Trödeltrupp“ und „Schätze unterm Hammer“ von Kabel 1. In der Region hat er durchaus Bekanntheitsgrad, auch wenn es bei der Stadtratskandidatur für die FDP nicht für einen Sitz im Gremium gereicht hat. „Aber es ist schön, wenn die Leute manchmal hundert Kilometer fahren, um zu sehen, wie es hier ist“, sagt Thomas Richter. 

Und was macht die Secondhandhalle seiner Meinung nach aus? Dass die Leute hier wühlen können, sagt der 49-Jährige sofort und zeigt auf die rappelvollen Tische und Regale. Er habe mal versucht, mehr System reinzubringen, das war aber nicht gewünscht. So kommen die Kunden manchmal sogar mehrmals am Tag und können immer was Neues entdecken.

300 bis 400 Kunden zählt Thomas Richter täglich in der Secondhandhalle. Die meisten kommen zwischen 12 und 14 Uhr. Zur Happy Hour. Dann sind auch die Langschläfer wach, und es gibt 20 Prozent Nachlass auf alles. Das Publikum sei von Alter und Einkommen grundsätzlich gemischt, schließlich findet man in der großen Halle auch alte Schallplatten, Ersatzteile, die es so nicht mehr im Geschäft gibt, oder bei Studenten angesagte Retro-Klamotten. 

Einen großen Anteil machen aber eben auch Hartz-IV-Empfänger und Asylbewerber aus, die mit den Pauschalen vom Sozialamt auskommen müssen, um sich einzurichten. „Für 800 Euro kriegt man bei uns schon eine komplette Wohnungsausstattung. Und der Bedarf ist groß“, so Thomas Richter und fügt an: „Jeder darf herkommen, jeder wird gleich behandelt. Hier funktioniert Multikulti.“

Beim Gros der Kleidung gilt: Jedes Teil ein Euro.
Beim Gros der Kleidung gilt: Jedes Teil ein Euro. ©  Sebastian Schultz

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