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Riesenantenne wird abgerissen

Lange wurde um die Landmarke an der A 4 bei Wilsdruff gerungen. Nun bekommt der Besitzer seinen Willen.

Der Sender Wilsdruff ist eine Landmarke. Diese wird aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr fallen.
Der Sender Wilsdruff ist eine Landmarke. Diese wird aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr fallen. © Foto: Andreas Weihs

Der Mittelwellensender Wilsdruff ist seit mehr als 65 Jahren ein Wahrzeichen von Wilsdruff. Nicht nur die Wilsdruffer bekommen heimatliche Gefühle, wenn sie auf der Autobahn A 4 fahrend zum ersten Mal den Mast erspähen. Ähnlich geht es den Dresdnern und anderen Bewohnern des Elbtals. Nun steht fest: Die 153 Meter hohe, rot-weiß lackierte Landmarke wird in diesem Jahr verschwinden. Das bestätigen die Stadt Wilsdruff und der Besitzer der Sendeantenne, die Media Broadcast GmbH. Das Landratsamt Pirna, das den Abriss genehmigte, hat bis Mittwochnachmittag nicht auf eine Anfrage reagiert.

Eine mögliche Nachnutzung des 2013 stillgelegten Senders sei geprüft worden, versichert ein Sprecher von Media Broadcast. Doch aufgrund der technischen Beschaffenheit ist der Antennenmast für andere Funknutzungen wie UKW, DAB+ oder Mobilfunk nicht geeignet. „Der Mast ist kein Antennenträger“, so der Sprecher.

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Angebot ausgeschlagen

Obwohl die Anlage nicht mehr genutzt wird, verschlingt sie Geld. „Die jährlichen Kosten liegen im sechsstelligen Euro Bereich“, sagt Media Broadcast. „Hinzu kommen Kosten im umgerechnet fünfstelligen Bereich pro Jahr für Wartung und Instandhaltung sowie für turnusmäßige Bauwerksprüfungen.“ Das sei viel Geld.

Doch so einfach war es nicht, eine Abrissgenehmigung zu bekommen. Weil die Bauten als frühe Zeugnisse der DDR-Architektur gelten und aufgrund ihrer gestalterischen Qualität und Ursprünglichkeit eine baukünstlerische Bedeutung haben, wurde die Anlage unter Denkmalschutz gestellt. Das Landratsamt tat sich offenbar sehr schwer, diesen aufzuheben und den Abriss zu genehmigen. Der Media Broadcast dauerte es jedenfalls zu lange. Wie Wilsdruffs Bürgermeister Ralf Rother (CDU) in der jüngsten Stadtratssitzung erklärte, verklagte das Unternehmen den Landkreis wegen Untätigkeit. Der Fall landete vor Gericht. Anfang Dezember trafen sich die beteiligten Seiten vor dem Verwaltungsgericht in Dresden. Weil das Gericht dem Landkreis andeutete, dass die Klage des Unternehmens erfolgreich sein werde, gab der Landkreis nach und genehmigte den Abriss.

Zugegen war auch der Grundstückseigentümer des früheren Funkamtes. Denn die Sache mit dem Mast ist komplex, sagt der Sprecher der Media Broadcast. Sein Unternehmen ist nur Besitzer der Antennenanlage. Der Sockel und das Gebäude, auf dem die Antenne steht, gehören der Deutschen Funkturm GmbH, die eine Tochter der Deutschen Telekom ist. Ein Privatmann ist Besitzer des Grundstücks, auf dem die Antenne steht. Diesem machte das Ministerium ein Angebot. Es signalisierte, einen Betrag von 250 000 Euro an den Grundstückeigentümer für die Erhaltung des Funkturmes auf die Dauer von 15 Jahren zu zahlen. Dies wurde dem Anwalt des Grundstückseigentümers angetragen. Dieser stellte aber aufgrund der den Betrag übersteigenden Kosten keine Zustimmung in Aussicht.

Damit ist auch dieser Rettungsversuch gescheitert. In Wilsdruff löste die erteilte Abrissgenehmigung unterschiedliche Reaktionen aus. Bürgermeister Rother trug die neuste Entwicklung sehr sachlich vor. Kein Stadtrat zeigte Bedauern, bis auf Stadtrat Matthias Schlönvogt (Freie Wähler), der auch im Technikverein Sender Wilsdruff mitarbeitet. Schlönvogt bedauerte die Entscheidung. Ähnlich reagierte Harald Strehle, der den Verein als Stellvertreter leitet. „Es gibt keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun“, sagt er. Sein Verein kämpfte über Jahre für den Erhalt des Denkmals. Gern hätte der Verein die Anlage erhalten, weil es nichts Vergleichbares mehr in Deutschland gibt.

Sowohl die interessante 1950er-Jahre-Architektur der Gebäude als auch die Landschaftsgestaltung des Gesamtobjektes und die Sendetechnik seien von hohem historischen Wert. Nach Vereinsangaben befinden sich im Hauptgebäude noch Senderöhren, riesige Kondensatoren und Schaltpulte. Zudem stünden dort noch zwei große U-Boot-Dieselmotoren. Diese dienten dem Sender als Notstromaggregate und stünden seit Jahrzehnten still.

Der Verein wollte daraus ein Museum machen. Eine Übernahme der Anlage könnte sich der Verein aber aus finanziellen Gründen nicht leisten, sagte Strehle. Er hofft, dass es dem Verein ermöglicht wird, wenigstens Teile der Technik zu bergen, um sie an anderen Stelle zeigen zu können.

Der Sender Wilsdruff wurde 1952/53 gebaut. Am 8. Mai 1954 ging er mit dem Programm des Landesstudios Dresden in Betrieb. Ab 1959 wurde von hier aus das Programm Radio DDR 1, ab 1978 auch der Berliner Rundfunk ausgestrahlt.

Vom 21. August 1968 bis zum 12. Februar 1969 wurde vom Sender das Programm Radio Vltava ausgestrahlt. Es richtet sich gegen die Reformbewegungen in der CSSR. Das Programm kam aus Berlin.

Von 1990 bis 1991 wird von Wilsdruff aus das Programm von Radio Aktuell ausgestrahlt. Ab 1992 wird MDR Info ausgestrahlt.

Am 30. April 2013, 6 Uhr, endete die Mittelwellenübertragung von MDR Info. Der Sender wurde am 6. Mai 2013 eingestellt. Quelle: SZ/Radiomuseum

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