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Wellness aus der alten Weberei

Ringenhainer Stoffe waren einst weltweit gefragt. Eine Nachfahrin des Fabrikbesitzers betreibt jetzt an selber Stelle eine Manufaktur - für Naturprodukte.

Saskia Riethmüller stellt in Ringenhain Naturkosmetik aus Beinwell her. Sie verkauft sie auf Märkten und im Internet.
Saskia Riethmüller stellt in Ringenhain Naturkosmetik aus Beinwell her. Sie verkauft sie auf Märkten und im Internet. © SZ/Uwe Soeder

Ringenhain. Endlich darf Saskia Riethmüller wieder auf Märkte fahren. Die LebensArt vom 26. bis 28. Juni in Großharthau ist für sie der dritte große Markt in diesem Jahr. "Ansonsten bin ich ab März an jedem Wochenende unterwegs",  sagt sie. Doch bedingt durch Corona wurde in diesem Jahr eine Veranstaltung nach der anderen abgesagt.  

Dank ihrem Onlineshop kann Saskia Riethmüller auch jetzt mit ihrem kleinen Unternehmen BioWell Heilkräuterkosmetik bestehen. Außerdem fährt sie sonnabends nach Bautzen zum Wochenmarkt - auch um zu zeigen, dass es ihre Firma gibt. "Ich tue das auch für mein Seelenheil",  sagt sie.

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Salben, Seifen und Cremes in Handarbeit

Hygiene beim Abfüllen einer Salbe ist oberstes Gebot. Nicht erst seit Corona-Zeit nutzt Saskia Riethmüller dafür einen Mund-Nasen-Schutz.
Hygiene beim Abfüllen einer Salbe ist oberstes Gebot. Nicht erst seit Corona-Zeit nutzt Saskia Riethmüller dafür einen Mund-Nasen-Schutz. © SZ/Uwe Soeder

Alles das, was Saskia Riethmüller verkauft, stellt sie in Ringenhain selbst her: Salben, Öle, Seifen, Cremes, Gesichtswasser und Körperpflegelotionen auf der Basis von Beinwell, einer Heilpflanze, die seit über 2.000 Jahren genutzt wird. Mehrere Produkte werden vegan angeboten. Alles ist Handarbeit, ohne Duft-, Farb- und Konservierungsstoffe, wie sie betont.  Verwendet wird Beinwell, das auch Wallwurz, Beinheil oder Schmerzwurz genannt wird, bei Erkrankungen der Knochen und Gelenke. Es hilft auch bei der Wundheilung und bei Hautproblemen.

Beinwell baut Saskia Riethmüller selbst bei Dresden, Arnsdorf und Volkersdorf an. Die Pflanzen werden in Ringenhain getrocknet und verarbeitet. Aus den Blättern extrahiert sie die Wirkstoffe in Mandelöl, aus der Wurzel in Wollfett. 

Saskia Riethmüller, die in Ringenhain aufgewachsen ist, arbeitet in einem Fabrikgebäude an der B 98,  das vor fast 150 Jahren als Leinen-, Baumwoll- und Frottierweberei  Holtsch & Riethmüller errichtet wurde. Im ehemaligen Speisesaal für die Arbeiter ließ sie Zwischenwände einziehen und richtete dort ihre kleine Manufaktur ein.  Auf dem Grundstück, auf dem ihr Bruder eine Maschinenbaufirma betreibt, kann sie die Räume kostengünstig nutzen. 

Labor in traditionsreicher Textilfabrik

So saht die Textilfabrik Holtsch & Riethmüller in Ringenhain früher einmal aus. Im Gebäude an der Straße hat Saskia Riethmüller ihre Manufaktur eingerichtet.
So saht die Textilfabrik Holtsch & Riethmüller in Ringenhain früher einmal aus. Im Gebäude an der Straße hat Saskia Riethmüller ihre Manufaktur eingerichtet. © SZ/Uwe Soeder

Holtsch & Riethmüller war eine Größe im Oberland. Halb Ringenhain und viele Menschen von außerhalb arbeiteten in der Fabrik. Mitte der 1920er-Jahre beschäftigte die Firma 320 Mitarbeiter. Produziert wurde  vor allem hochwertige Tisch- und Bettwäsche. Die Fabrik stattete damit die Passagierschiffe von Hapag-Lloyd aus. Ringenhainer Stoffe wurden bis in die USA und Südamerika exportiert. Auf der Weltausstellung 1937 in Paris wurde Holtsch & Riethmüller für ein Teegedeck mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. 

Bis zur Verstaatlichungswelle 1972 in der DDR wurde der Betrieb privat geführt - zuletzt von Klaus Riethmüller (1929 bis 2010) in dritter Generation. Dann wurde er enteignet und  als Betriebsteil der Damastweberei Oberoderwitz weitergeführt. Produziert wurde bis zur Übernahme durch die Treuhand 1990/91. Danach wurde der Betrieb abgewickelt. 

Im August 1990, noch vor dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, stellte Klaus Riethmüller einen Antrag auf Rückübertragung des Betriebes - der Beginn eines Kampfes, der 16 Jahre dauern sollte. Zwischenzeitlich kümmerte er sich als Mieter der eigenen Immobilie um Instandsetzungs- und Reparaturarbeiten, um Gebäudeteile weiter nutzen und vermieten zu können. 

Produkte werden regelmäßig getestet

Eine Beinwellpflanze - der Ursprung der von Saskia Riethmüller hergestellten Naturkosmetik. Die Pflanzen baut sie selbst an.
Eine Beinwellpflanze - der Ursprung der von Saskia Riethmüller hergestellten Naturkosmetik. Die Pflanzen baut sie selbst an. © SZ/Uwe Soeder

Sohn Robert gründete auf dem Gelände 1999 sein Unternehmen, Tochter Saskia folgte zehn Jahre später.  Die Firma BioWell gibt es aber schon länger. Gegründet wurde sie im Jahr 2002 von Christine Schramm, damals 58 Jahre,  in Berlin. Saskia Riethmüller, die von Haus aus Diplom-Designerin ist, übernahm  die Kosmetikmanufaktur im Jahr 2009. 

Sie wohnt seit Jahren in Dresden, kommt aber einmal in der Woche in ihren früheren Heimatort, um die Pflanzen anzusetzen, die Mixturen zu rühren und in Dosen abzufüllen. An den anderen Tagen arbeitet sie auf dem Feld oder kümmert sich um den Versand. Sie beliefert private Kunden, aber auch einen Pharmagroßhändler. Kunden aus Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien bestellen bei ihr.

Die Qualitätsmaßstäbe sind hoch. Alle Rezepturen, die ihre Grundlage in traditionellen Kräuterbüchern haben, wurden geprüft. Die Erzeugnisse haben eine Sicherheitsbewertung, werden regelmäßig dermatologisch von einem unabhängigen Labor getestet und sind bei der Europäischen Union registriert.

Aktuell überlegt Saskia Riethmüller, mit einer Freundin in Dresden ein Geschäft zu eröffnen. Damit wäre sie von Großveranstaltungen unabhängig. Der Gedanke: Textilien und Naturkosmetik in einem gemeinsamen Ladenlokal. "Wir schauen zurzeit nach passenden Räumen", sagt sie. 

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