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Riskier doch was!

Jugendliche folgen dem Beispiel Gleichaltriger, Erwachsene haben da nichts zu melden. Das zeigt eine Dresdner Studie. 

Ob Alkoholtrinken oder Rauchen: Jugendliche lassen sich gern von der Clique anstecken.
Ob Alkoholtrinken oder Rauchen: Jugendliche lassen sich gern von der Clique anstecken. © 123rf/Joshua Resnick

Freitagabend. Während sich die Eltern auf einen gemütlichen Fernsehabend einrichten, steht für den Nachwuchs ein Treffen mit der Clique an. Vielleicht Disco, auf jeden Fall Party, abhängen und quatschen. Es klingelt an der Tür, die Freunde sind zum Abholen da. Bevor es losgeht, haben Mama und Papa noch wichtige Hinweise: bitte vorsichtig fahren, nicht rauchen, keine Drogen. Die Jugend verdreht die Augen und geht. Na ja, wir sind ja immer gute Vorbilder gewesen, denken die Eltern. Doch reicht das? Oder ist der Einfluss der Gleichaltrigen größer? Genau das haben sich nun Dresdner Wissenschaftler genauer angeschaut.

Babys und Kleinkinder, Erwachsene und ältere Menschen – alle sind gut erforscht. Doch die Jugend ist bisher noch relativ unentdecktes Forschungsfeld. „Dabei ist es eine Zeit, in der hormonell viel passiert und ein Umbau im Gehirn stattfindet“, sagt Andrea Reiter, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Professur für Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaft der Lebensspanne an der TU Dresden. In der Jugendzeit verändert sich vor allem in sozialer Hinsicht viel für die Menschen. Alles evolutionär begründbar, sagt die Psychologin. „Die Jugendlichen lösen sich vom Elternhaus und bilden eigene Gruppen, verbringen mehr Zeit mit Freunden.“ In der Tierwelt sei das nicht anders. Auch dort umgeben sich die Tiere mit Gleichaltrigen. Ältere Studien zeigten bereits, dass Jugendliche möglicherweise durch andere Jugendliche beeinflussbarer sind. Doch wie sieht das Ganze aus, wenn es darum geht, etwas zu riskieren?

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In einer jetzt erstmals veröffentlichten und durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft finanzierten Studie haben sich Andrea Reiter und ihre Kollegen mit dieser Frage beschäftigt. Ihre Annahme: Jugendliche sind nicht per se risikobereiter, aber sie lassen sich leichter anstecken, etwas zu riskieren. Ob das stimmt oder nicht, wurde mithilfe eines Computerspiels getestet. Jeweils vier Jugendliche wurden dafür als Probanden eingeladen. Sie kannten sich vorher nicht, sahen sich zum ersten Mal. Die Teilnehmer spielten danach in verschiedenen Räumen ein Roulette-Spiel am Rechner, bei dem es darum ging, Geld zu setzen und damit zu riskieren, es zu vermehren oder zu verlieren. Wurde den Jugendlichen mitgeteilt, ein anderer der gerade Kennengelernten hat sein Geld gesetzt, folgten sie meist diesem Beispiel. Der Effekt war allerdings nicht da, wenn die anderen vorsichtig agierten.

Wie verhält es sich, wenn Erwachsene mitspielen? Auch das wollten die Wissenschaftler wissen. Das Ergebnis: Ihrem Beispiel folgten die Jugendlichen nicht. „Wir haben gesehen, dass es also Ansteckungseffekte unter Gleichaltrigen gibt“, sagt Andrea Reiter. Die Laborsituation ließe sich auch ins reale Leben übertragen. Jugendliche folgen in Sachen Risiko also dem Beispiel anderer Jugendlicher. „Das ist etwas Gesundes und ist Teil des Älterwerdens.“ Trotzdem spricht sich die Psychologin dafür aus, diese Effekte künftig noch genauer zu beleuchten. Denn sie könnten auch für Positives genutzt werden.

Andrea Reiter sieht beispielsweise eine Chance, neue Lernmethoden für Jugendliche zu entwickeln, bei denen sich viel stärker Dinge von Gleichaltrigen abgeschaut werden. „Zum anderen könnte man spekulieren, dass Gruppentherapien mit Gleichaltrigen eventuell mehr Effekte auf das Verhalten Jugendlicher haben als andere Therapieformen“, fügt sie hinzu.

In den nächsten Monaten will sich die Dresdner Wissenschaftlerin während eines Forschungsaufenthalts in London weiter mit dem Thema beschäftigen. Woran liegt es, dass sich Jugendliche genau so verhalten und nicht anders? Wollen sie sich anpassen? Sind sie unsicher und froh, wenn sie anderen Jugendlichen folgen können? „Während der Studie haben wir gesehen, dass sie nach dem Beobachten relativ lange überlegen, ob sie dem Beispiel folgen.“ Sie würden also durchaus im Kopf durchspielen, was sie tun.

Dass Forschung in diesem Fall zwei Seiten hat, darüber ist sich Andrea Reiter bewusst. So sind die Ergebnisse durchaus auch interessant für die Werbewirtschaft, die schon heute mit sogenannten Influencern versucht, Einfluss auf die Jugendlichen zu nehmen. Zu wissen, wie das noch besser gelingt, wäre für sie ein Gewinn. „Deshalb muss es auch dazu dringend Studien geben“, rät Andrea Reiter.