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Zu Hause im Land der Überfahrerinnen

Die Dominanz deutscher Rodler ist erdrückend – aber vielleicht nicht mehr lange, obwohl das nächste Talent aus Altenberg schon drängelt.

Von Tino Meyer
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Es ist Rodel-Weltcup und das Podest eine deutsche Angelegenheit – mit Tatjana Hüfner, Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger.
Es ist Rodel-Weltcup und das Podest eine deutsche Angelegenheit – mit Tatjana Hüfner, Natalie Geisenberger und Dajana Eitberger. © dpa/Martin Schutt

Drei Deutsche auf den ersten drei Plätzen ist im Rodeln ein Stück weit Normalität – gewesen. Die Zeiten der Dominanz sind vorbei, die internationale Konkurrenz im Eiskanal hat nicht nur aufgeholt, sie überholt sogar regelmäßig. Selbst die traditionell erfolgreichen Frauen haben diese neue Erfahrung machen müssen, auch wenn die Weltcups auf den Bahnen in Deutschland zuletzt die Entwicklung noch einmal kaschieren konnten.

Dass eine Ausnahmefahrerin wie Tatjana Hüfner bei der WM den zehnten Platz belegt, schien vor einigen Jahren undenkbar. Nun beendet die Olympiasiegerin von 2010 ihre Karriere – verbunden mit einer guten, einer vorerst beruhigenden Nachricht. Denn ihre Nachfolgerin steht mit der 13 Jahre jüngeren Julia Taubitz schon bereit. Und mit Jessica Tiebel vom RRC Altenberg, dreimal hintereinander Junioren-Weltmeisterin, gibt es die nächste Anwärterin. „Einzelne Athleten rücken immer wieder nach. Doch wir haben eine starke Mannschaft sowohl bei den Frauen als auch bei den Doppeln und den Männern. Da muss man erst mal reinkommen, das geht nicht so leicht“, sagt Bundestrainer Norbert Loch.

Tiebel, für die nächste Woche in Sotschi die erste vollständige Saison im Weltcup-Team zu Ende geht, bestätigt das. „Der Umstieg ist mir nicht leicht gefallen, und ich werde noch etwas Zeit brauchen. Aber das ist vielleicht auch normal“, sagt die 20-Jährige, die in Geising zu Hause ist.

Taubitz ist schon einen Entwicklungsschritt weiter – was nicht nur die zwei Silbermedaillen bei der WM vor zweieinhalb Wochen beweisen. Die bald 23-Jährige aus Annaberg-Buchholz gilt als die große Hoffnung auf den Olympiasieg 2022 – und wäre damit wirklich Hüfners Nachfolgerin. „Sie wird ihre eigenen Fußstapfen hinterlassen und braucht keine anderen ausfüllen“, sagt Hüfner über Taubitz, mit der sie während der Saison eine Wohngemeinschaft bildet.

Die Hoffnung für Olympia 2022 und schon jetzt zweimal WM-Zweite: Julia Taubitz aus Annaberg-Buchholz.
Die Hoffnung für Olympia 2022 und schon jetzt zweimal WM-Zweite: Julia Taubitz aus Annaberg-Buchholz. © dpa/Caroline Seidel

Der nächste Generationswechsel ist also voll im Gang, und so geht das im Grunde seit Jahrzehnten im Land der Überfahrerinnen. Ortrun Enderlein, Margit Schumann, Steffi Walter, Silke Kraushaar, Sylke Otto, dann Hüfner und jetzt Natalie Geisenberger – eine deutsche Dominatorin gibt es immer, der Übergang ist fast nahtlos.

Wobei sich in naher Zukunft erste Risse auftun könnten – und, wenn man sehr kritisch ist, bereits aufgetan haben. Bundestrainer Loch hat sich unlängst bei der Junioren-Weltmeisterschaft persönlich davon überzeugen können. Wenn die besten Talente um Titel fahren, ist er Stammgast. „Er will sich selbst ein Bild vor Ort machen, will den Bezug zu den Athleten herstellen und schauen, wer aus internationaler Sicht nachkommen könnte“, erklärt Steffen Wöller, einst selbst Weltklasse im Doppel mit dem Neu-Bärensteiner Steffen Sartor und seit dieser Saison verantwortlich für die deutsche B-Mannschaft. Auch wenn seine Schützlinge einmal mehr alle drei Junioren-Titel eingefahren haben, warnt er. „In Deutschland gibt es nicht mehr die große Masse an Talenten wie noch vor zehn, 15 Jahren. Damals hatten wir fünf, sechs in jedem Jahrgang, jetzt sind es nur noch eins bis zwei“, verdeutlicht Wöller. Zudem haben sich die internationalen Konkurrenten verbessert. „Auch andere Nationen betreiben diese Sportart mit viel Aufwand“, sagt er.

Vor allem bei den Männern ist das offensichtlich. Zwar sind die Deutschen weiter vorn dabei und stellen mit Felix Loch wieder den Weltmeister, nur mischen Österreicher, Letten, Italiener und Russen munter an der Spitze mit. So viele verschiedene Weltcup-Sieger wie in den vergangenen zwei Jahren gab es jedenfalls noch nie. Der Sportart samt dem Spannungsbogen tut das zweifellos gut, und der Bundestrainer relativiert. „Unsere Männer sind nicht stabil genug. Das gilt es einiges aufzuarbeiten“, betont Loch. Von Sorgenkindern aber mag er nicht sprechen – weil eben auch die Konkurrenz inzwischen deutlich stärker sei, speziell im Männerfeld .

Oder sind doch die Deutschen nur nicht mehr so gut und damit nicht so überlegen?

Rodeln ist - wenn die Deutschen jubeln können. Stimmt immer noch, aber nicht mehr ausschließlich.
Rodeln ist - wenn die Deutschen jubeln können. Stimmt immer noch, aber nicht mehr ausschließlich. © dpa/Martin Schutt