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Röderner Seniorenheim gewinnt Bundespreis

Das Pflegeheim Rödern hat unter 93 Bewerbern vom Verband der Ersatzkassen den zweiten Bundes-Preis für sein Wohnkonzept „näherdran“ erhalten. Sechs bis acht Ältere leben hier in Wohngruppen mit ihrem Betreuer zusammen.

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Das Pflegeheim Rödern hat unter 93 Bewerbern vom Verband der Ersatzkassen den zweiten Bundes-Preis für sein Wohnkonzept „näherdran“ erhalten. Sechs bis acht Ältere leben hier in Wohngruppen mit ihrem Betreuer zusammen. Im alten Heim gab es einen langen Gang, rechts Zimmer, links Zimmer. Das neue Haus ist schöner, kleinteilig – und es war zunächst uneffektiv. 2008 startete die AWO Elbe-Röder GmbH als neuer Betreiber aus der Insolvenz heraus.

2008 tief in roten Zahlen

Pflegedienstleiter Igor Geyer und Heimleiterin Birgit Kummerlöw merkten schnell, dass Abläufe nicht stimmten, dass Spannungen bestanden. Jeweils drei Mitarbeiter waren ständig in vier Gruppen unterwegs. Die Mitarbeiter hatten so einen Bereich nie unter Kontrolle. Die Bewohner hatten das Gefühl, dass die Mitarbeiter „immer weg sind“. Das Heim sei ein typischer Bau aus der Euphoriephase, sagt Igor Geyer: Man wollte Individualität, kleine Wohnbereiche.

Doch 80 Prozent der Bewohner sind altersbedingt psychisch schwierig, manche bettlägerig, ein Großteil dement, andere geistig wiederum völlig beweglich. Selbst die 50 Mitarbeiter (etwa 30 Vollzeitkräfte) konnten die 60 Bewohner nicht optimal versorgen. Doch mehrere Mitarbeiter in jeder Gruppe – das war nicht bezahlbar. Das Haus steckte 2008 bei der Übernahme „tief in den roten Zahlen“. Gelöst haben Mitarbeiter und Heimleitung das Problem durch die Auflösung der klassischen Trennung von Pflege und Hauswirtschaft/sozialer Betreuung. Das hört man nicht überall gern in der Branche, doch Igor Geyer ist überzeugt, es war in Rödern der einzige Weg. In einem 62-Stunden-Kurs wurde das Nicht-Pflege-Personal geschult.

Heute arbeitet Gerd Hunger (44) zum Beispiel nur in „seiner“ Wohngruppe ‘Weidenpfad’. Die Gruppen haben so schöne Namen wie Lindenstraße, Pappelweg oder Birkenallee und auch sonst mehr persönliches. Die alten Leute haben alle ihr Einzelzimmer mit einigen eigenen Möbeln, einer gemeinsamen Teeküche mit Sitzgruppe, etwas Atmosphäre, Radio, Blumen, Bildern.

Betreuer Gerd Hunger kennt die meisten alten Herrschaften von früher, viele kennen ihn. Der gebürtige Schönfelder und heutige Ebersbacher hat in der Textima Zerspaner gelernt. Sein früherer Meister wohnt in der Nachbargruppe. Manchmal geht er rüber auf ein paar Worte über die „alten Zeiten“.

Seine eigene Oma hat Gerd Hunger auch zwölf Jahre lang im Heim gepflegt. Es ist besser geworden, sagt er heute, viel besser und die Mitarbeiter freuen sich wirklich über den Bundespreis, der mit so viel Umdenken und Mühe verbunden war. Abgeschlossen ist dieser Prozess nicht und der Bundespreis kann auch nicht über die gravierenden Probleme hinwegtäuschen, die generell auf uns zukommen. Im Jahr 2025 wird allein im Landkreis Meißen fast ein Drittel der Bevölkerung älter als 65 Jahre sein.

Künftig fehlen Angehörige

Das heißt, es werden von vornherein viel weniger Angehörige da sein. Abgesehen davon, ob sie die Pflege leisten können. Nicht nur das. Pflegedienstleiter Igor Geyer sieht, dass die Bewohner schon an ihre finanzielle Leistungsgrenze kommen. Gerade der Landkreis-Tag als kommunaler Vertreter war es, der bei den Kostenverhandlungen enormen Druck auf die Kassen ausgeübt hat – gegen „mehr Luxus“.

Klein-Wohngruppen-Heime wie Rödern sind mit Blick auf den künftigen riesigen Bedarf, nicht zu finanzieren, so Igor Geyer. „Wir müssen in die Kommunen hinein, vielleicht in Tagesgruppen mehrere Ältere zusammennehmen, was auch immer“, sinniert er. Doch größere Heime, mit dem Anspruch auf Individualität – das werde nicht funktionieren. Auch für Rödern sieht der Pflegechef noch vieles zu tun: bewusste Angebote für Nicht-Demente beispielsweise, an die bisher keiner so richtig gedacht hat.

Birgit Ulbricht