merken
PLUS

Röhren, Radio, Rundfunk

Vor 90 Jahren ging die erste Rundfunksendung über den Äther – daran erinnert das Großenhainer Radiomuseum.

Von Udo Lemke

Ganz so schlimm wie bei den ersten Fotografien, als die Köpfe der Delhiquinten minutenlang in Metallgestellen festgespannt wurden, damit die Aufnahmen nicht verwackelten, war es nicht, als der Rundfunk vor 90 Jahren geboren wurde. Aber die ersten Radiohörer mussten doch einen beträchtlichen Aufwand treiben. Da es noch keine Lautsprecher gab, mussten sie sich mit Kopfhörern um die Empfangsgeräte versammeln. Dadurch war das Gemeinschaftserlebnis – ein Grund für den späteren Siegeszug des Radios – nur sehr bedingt gegeben. Außerdem war Radiohören anfangs nicht ganz billig. Volle 780 Milliarden Papiermark musste der erste offizieller Rundfunkteilnehmer in Deutschland, der Berliner Zigarettenhändler Wilhelm Kollhoff, für die Lizenz zum Hören des Programms bezahlen. Das war 1923 auf dem Höhepunkt der Inflation, und diese gigantische Summe entsprach umgerechnet 60 Goldmark – auch kein Pappenstiel.

Anzeige
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?
Sie suchen den perfekten Arbeitgeber?

Das therapeutische Gesundheitszentrum von PPS Medical Fitness in Dresden bietet modernste Möglichkeiten. Hier bringt Arbeiten Spaß und Erfüllung.

Zuchthaus für falsche Sender

Außerdem „mussten alle, die Rundfunk hören wollten, eine Erlaubnis beantragen“, erklärt Kurt Kralik von der privaten Radioausstellung in Großenhain. Eine entsprechende Urkunde hängt dort an der Wand.

Warum in Deutschland dem Rundfunk so restriktiv begegnet wurde, während etwa in den USA schon seit 1920 jeder Privatmann senden und empfangen konnte, was er wollte, hängt mit dem sogenannten Funkerspuk zusammen: Am 9. November 1918 besetzten „Arbeiter die Zentrale des deutschen Pressenachrichtenwesens und verkündeten irreführend den Sieg der radikalen Revolution (USPD, KPD, Spartakusbund) in Deutschland. Als Reaktion auf diese Aktion verschärfte die SPD-Reichsregierung die Kontrolle über das junge Medium“. Im Grunde genommen ist es bis heute dabei geblieben.

In der Großenhainer Radioausstellung veranschaulicht eine lange Reihe von Geräten die Entwicklung des Mediums wie der Technik. Seit 1925 brauchte es keine Kopfhörer mehr zum Radiohören, es gab Lautsprecher. Allerdings waren die noch separat, konnten erst später verkleinert und in die Empfänger eingebaut werden.

Wie jede technische Entwicklung, mit der sich Informationen verbreiten lassen, geriet auch das Radio in die Situation missbraucht zu werden. Als Symbol dafür zeigt die Ausstellung eine „Goebbelsschnauze“. So hieß der „Deutsche Kleinempfänger 38“ im Volksmund nach Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels. Natürlich ließen sich mit dem Radio nicht nur die NS-Hetztiraden empfangen, sondern auch anderes. Darauf verweist eine zeitgenössische Anweisung: „Das Abhören ausländischer Sender ist ein Verbrechen gegen die nationale Sicherheit unseres Volkes. Es wird auf Befehl des Führers mit schweren Zuchthausstrafen geahndet.“

Nach dem Krieg wurden Behelfsempfänger gebaut. Ein Beispiel dafür ist ein Apparat der Großenhainer Firma Sachse, der aus Teilen, die von überall her geholt wurden, gefertigt worden ist.

Die meisten der alten Radios sind von beträchtlicher Größe, und die Gehäuse sind aus Holz. „Das waren ja alles Möbelstücke, die mussten in die gute Stube passen“, erklärt Radiosammler Bertold Klug. Die Größe der Apparate war natürlich auch dem Stand der Technik geschuldet. Gab es doch anfangs noch keine kleinen Transistoren. Die hochfrequenten Signale der Sender wurden noch von Radio-Röhren in niederfrequente, also hörbare, umgesetzt. Deshalb auch mussten die alten Radios quasi „vorgeglüht“ werden. Erst, wenn die Röhren geheizt waren, konnte man einen Ton hören.

Als die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Oktober 1949 gegründet wurde, gab es noch etwa 150 Firmen, die Radios herstellten, erklärt Bertold Klug. Später wurde diese Zahl auf eine Handvoll geschrumpft, auf Firmen wie Sternradio Berlin und Sonneberg oder Rafena Radeberg. Insgesamt wurden bis zum Ende der DDR dennoch mehr als 3 000 verschiedene Modelle produziert. Natürlich kann die Ausstellung davon nur einen Bruchteil zeigen. So etwa das schicke grüne Kofferradio „Rema Trabant“ von 1958, das lief noch mit Röhren, hatte aber schon UKW-Empfang und die Größe einer gefüllten Aktentasche und war auch so schwer.

Mit der Einführung des digitalen Radios ist die ganze Herrlichkeit erst einmal vorbei. „Die Leute werden gezwungen, sich neue Geräte zu kaufen und sie bezahlen für Frequenzen, die sie nicht mehr empfangen können“, sagt Kurt Kralik.

Radioausstellung Großenhain, Herrmannstraße 16, 01558 Großenhain, Öffnungszeiten: nach telefonischer Anmeldung 03552-502172 oder zu angekündigten Sonderöffnungszeiten