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Der Röhrsdorfer Dreiklang

Die Kirchenglocken haben Ostern eine besondere Bedeutung. In Röhrsdorf schwiegen sie notgedrungen immer wieder. Dafür zog nun die Moderne ein.

Verschwunden und zum Stillsein verurteilt geben die Röhrsdorfer Glocken nun wieder den Rhythmus vor.
Verschwunden und zum Stillsein verurteilt geben die Röhrsdorfer Glocken nun wieder den Rhythmus vor. © Norbert Millauer

Die Röhrsdorfer Kirche ist für Cornelius Neumann eine zweite Wohnstube. Nicht nur, dass  er hier alle kirchlichen Feiertage verbringt, er kennt sie wie seine Westentasche. Über jeden Stein, jedes Bild und Fenster kann er etwas erzählen. Und natürlich über die Glocken. Die gehören zum Alltag der Dörfer seit dem späten 15. Jahrhundert. Ihr Läuten machte auf frohe und traurige Feste aufmerksam, warnten vor Unwetter oder einem Brand, riefen zu den Gottesdiensten und teilten so die Tage ein. Sie waren die Uhren der einfachen Leute. Ursprünglich waren sie gedacht, die Menschen zum Gebet zu rufen. 

In der Röhrsdorfer Kirche, die mit Borthen und Burgstädtel zur Schlosskirchgemeinde Dresden-Lockwitz gehört, hängen drei Glocken. "Damit sind wir gut ausgestattet", sagt Neumann. Jede Glocke hat ihre Funktion. Die größte Glocke eines Geläuts ist die „Domenica“. Sie erklingt zu Gottesdiensten und ruft zum Gebet. Die Röhrsdorfer Domenica ist aus Bronze und wiegt 316 Kilogramm. Sie wurde 1780 in der Dresdner Glockengießerei von August Sigismund Weinhold gegossen. Gestiftet wurde sie von der damaligen Herrschaft derer von Carlowitz. Diese Glocke ergänzte die vorhandenen zwei Glocken der 1749 neu errichteten Röhrsdorfer Kirche.

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Klein und fast etwas versteckt liegt die Röhrsdorfer Kirche, deren nicht nur Glocken viel zu erzählen haben.
Klein und fast etwas versteckt liegt die Röhrsdorfer Kirche, deren nicht nur Glocken viel zu erzählen haben. © Norbert Millauer

Die mittlere Glocke ist das Sterbeglöcklein und war das Sorgenkind der Röhrsdorfer. Sie wurde mitten im Dreißigjährigen Krieg 1621 in Bronze gegossen, wiegt 195 Kilogramm und klingt in e.  Sie wurde vor über zehn Jahren zum Schweigen verurteilt, da der Ring, auf den der Glockenklöppel schlägt, völlig kaputt war und die Glocke zu zerspringen drohte. Das Besondere der mittleren Glocke ist die sichtbare lateinische Inschrift „Da pacem domine in diebus nostris“ – "Gib Frieden, Herr, in unseren Tagen.“

Die kleinste und leichteste Glocke ist zugleich die älteste und hat sogar einen Namen. Die nur 45 Kilogramm schwere Tauf- und Trauglocke heißt Anna nach dem auf ihr angebrachten Schriftzug mit dem Namen der Heiligen Anna. Gegossen wurde die Glocke 1518.  Als sie in der kleinen Kapelle auf dem Kirchberg aufgehängt wurde, hieß Röhrsdorf noch Rüdigersdorf und es wohnten nur wenige Menschen hier. Diese Kapelle wurde 1748 abgerissen. Vor zwei Jahren wurde dem 500-jährigen Anna-Glocke-Jubiläum gedacht. 

Zwei Mal zum Schweigen verurteilt

Dass die Röhrsdorfer Glocken all die Zeiten überstanden, ist ein mehrfaches Wunder, sagt Cornelius Neumann. Im Zweiten Weltkrieges wurden die Bronzeglocken abgenommen, um für „kriegswichtige“ Aufgaben eingeschmolzen zu werden, sagt er. Sie verschwanden und niemand hätte geglaubt, sie je wiederzusehen. Doch 1947 wurden sie auf einem sogenannten Glockenfriedhof bei Hamburg gefunden. Dort lagen insgesamt 420 sächsische Bronzeglocken. Ein Jahr später kamen die ersten Glocken mit dem Schiff von Hamburg nach Dresden. 1950 erklangen erstmals nach zehn Jahren wieder Ostern wieder die Röhrsdorfer Glocken. 

Egal ob Weihnachten oder Ostern oder dazwischen: Cornelius Neumann zündet im Gemeinderaum und in der Röhrsdorfer Kirche immer eine Kerze an.
Egal ob Weihnachten oder Ostern oder dazwischen: Cornelius Neumann zündet im Gemeinderaum und in der Röhrsdorfer Kirche immer eine Kerze an. © Marko Förster

Nach 65 Jahren mussten die Röhrsdorfer Glocken abermals verstummen. Der Glockenstuhl war völlig marode, der Weiterbetrieb verboten. Im März 2017 hingen die alten Glocken im neuen Glockenstuhl - mit neuen Klöppeln. Deren Installation war ein mehrstündiges Prozedere, erinnert sich Neumann. "Im Pfarrhof stand ein Mann am Schwingungsmessgerät und prüfte die Ton-Schwingungen beim Läuten der einzelnen Glocken und beim Zusammenklang der Glocken. Ein zweiter und dritter Mann wechselten die Klöppel, sie liefen immer wieder vom Pfarrhof auf den Kirchturm und wieder hinunter." Im Pfarrhof stand ein Transporter mit unzähligen Klöppeln. Gleichzeitig wurden zwei elektrische Antriebe montiert für die große und mittlere Glocke. Sie ersetzen seither den mühseligen Glockenhandseilzug. Auch die "Anna" erhielt einen elektrischen Antrieb. Seither kann jede Glocke per Funke an- und abgeschaltet werden.

Am Ostersonntag läuten die Glocken besonders früh. Es ist das Läuten zur Auferstehungsstunde 6 Uhr. "So begleitet uns das Geläut unserer Glocken auch heute noch durch den Alltag und die Fest- und Feiertage", sagt Cornelius Neumann. "Sorgen wir dafür, dass uns nachfolgende Generationen diese Tradition bewahren und unsere Glocken noch viele Jahrzehnte erklingen lassen."

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