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Röntgenblick ins Feriengepäck

Es kommt nicht selten vor, dass die Kundschaft von Margit Schmädig schäumt. Meist vor Ungeduld darüber, dass vor dem Abflug ins Ferienglück noch eine Amtshandlung ansteht: Kontrolle, Check, Überprüfung.

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Von Doreen Hübler

Es kommt nicht selten vor, dass die Kundschaft von Margit Schmädig schäumt. Meist vor Ungeduld darüber, dass vor dem Abflug ins Ferienglück noch eine Amtshandlung ansteht: Kontrolle, Check, Überprüfung. Koffer auf das Gepäckband, dann durch die magnetische Schleuse und noch mal abtasten lassen – von Margit Schmädig, vielleicht auch von einem ihrer Kollegen am Dresdner Flughafen.

Ein kritischer Punkt, der in den vergangenen Jahren für mindestes einen Passagier so aufregend war, dass er sich an Ort und Stelle mit seinem Duschbad übergossen hat und plötzlich ganz offensichtlich und wohlduftend schäumte. Kann passieren, wenn Sicherheitsbestimmungen nicht akkurat eingehalten werden und das Team von Margit Schmädig höflich darauf hinweisen muss, dass Flüssigkeiten in der Luft nur in kleinen Dosen erlaubt sind.

„Die Leute sind eben nicht immer entspannt“, sagt sie. „Auch, wenn sie auf dem Weg in den Urlaub sind.“ Eine von vielen Situationen im Alltag der Fluggastkontrollkraft, die sie mittlerweile gelassen pariert. Seit 17Jahren steht Margit Schmädig fest auf dem Boden des Airports. Kurz bevor es täglich für Tausende Passagiere hoch hinaus geht, ist sie ganz nah dran am hochheiligen Privaten. Sie fertigt Touristen und Vielflieger ab, manchmal Stars und inzwischen auch etliche Stammgäste. In Hunderte Koffer, Rucksäcke und Taschen schaut sie jeden Tag per Röntgenblick, ein Teil wird im Zweifelsfall mit wachsamen Augen nachkontrolliert.

„Man lernt viel über Menschen“, sagt Margit Schmädig über ihren Beruf. Zum Beispiel, dass manche Vorurteile durchaus berechtigt sind, Damen tatsächlich oft ausgiebiger packen, um gerüstet zu sein für den Fall aller Fälle. Könnte ja sein, dass das Hauptgepäck verloren geht. Andere Klischees heben sich wiederum auf. „Die Handtaschen von Frauen sind ein wenig chaotischer“, sagt Margit Schmädig. „Aber dafür haben Männer die Unordnung in ihrer Hosentasche. Und noch eine andere Weisheit bestätigt sie: Der schöne Schein trügt. In den Taschen der feinsten Geschäftsleute hat sie schon das allerbeste Durcheinander gefunden. „Wie hat meine Mutter schon gesagt … außen hui, innen pfui.“

Papierkrieg ohne Ende

Das Interesse an allen möglichen Innenansichten des Lebens war auch ein Grund, warum sie sich 1993 für den Job am Flughafen bewarb. Zuvor hatte sie beim Zoll gearbeitet, noch früher in einer Zahlstelle der NVA und ganz am Anfang als Schweinezüchterin in der Landwirtschaft. Ein halbes Jahr dauerte die Umschulung für den Airport-Posten – eine Zeit voller Regeln und Bestimmungen. „Das war ein Papierkrieg ohne Ende“, sagt die 48-Jährige. So komplex wie die sensiblen Sicherheitskriterien der Luftfahrt, aber längst nicht der heikelste Punkt der Ausbildung – das war die erste Kontrolle in der Praxis.

„Man hat eine natürliche Hemmschwelle, die man erst einmal überwinden muss“, sagt Margit Schmädig. Plötzlich in die Privat-, nicht selten sogar in die Intimsphäre fremder Menschen treten, dabei gründlich, aber nie unhöflich sein, sich, wenn es sein muss, auch mal auf die Zunge beißen. Und trotzdem immer genau hinschauen, denn Neugier gehört zum Handwerkszeug. „Wir müssen immer beobachten, das ist unserer Job“, sagt sie. Und dabei alles sehen – gelegentlich Bizarres und Seltsames.

Katzen und Meerschweine, die in Koffern auf dem Fließband geparkt werden und plötzlich als Skelette auf dem Kontrollschirm auftauchen. Oder allerlei Gegenstände, die eigentlich in die Schublade des Nachtschränkchens gehören.

Aber selbst beim Anblick von Handschellen und vibrierendem Spielzeug für sinnliche Stunden reagiert Margit Schmädig mittlerweile souverän – genau wie ein Teil der Passagiere. „Manchen ist das peinlich“, sagt sie. Andere wiederum gehen offensiv mit dem delikaten Thema um und geben Auskunft zur Handhabe der Stücke. Für Laien sind diese auf dem Röntgenbild erst auf den zweiten, dritten Blick erkennbar. Einen Koffer nach dem anderen klickt Margit Schmädig auf ihrem Computerschirm durch, orange gefärbte Quadrate, in denen sich blaues Wirrwarr, also jegliches Metall, versteckt. Moderne Kunst? Nein, hier eine Gürtelschnalle, dort eine Kamera und da hinten, die Krümel in der Ecke sind die Reißverschlüsse der Tasche, erklärt die Beamtin der Bundespolizei.

Nutella in der Tonne

Immer wieder entdeckt sie bei den Kontrollen Kandidaten, die ihr Handgepäck noch immer nicht richtig gepackt haben – obwohl die aktuellen Bestimmungen seit vier Jahren gelten und als regelmäßige Ansagen durch den Flughafen schallen: „Bitte achten Sie darauf, dass die Flüssigkeiten in Ihrem Handgepäck…“ Mitleid habe sie nur mit Leuten, die seit vielen Jahren zum ersten Mal wieder fliegen, sagt Margit Schmädig. Alle anderen müssten die neuen Regeln eigentlich längst verinnerlicht haben.

Und trotzdem füllt sich der Abfallcontainer an der Sicherheitsschleuse täglich aufs Neue mit Rasierschaum, Nutella, streichbarer Leberwurst, Lotions, Wasser und anderen, im weitesten Sinne, liquiden Mitbringseln. Wegwerfen will nicht jeder, also wird das ein oder andere Getränk im Eiltempo vor den Beamten geleert, mitunter auch eine Whiskeyflasche auf Ex. Ein sparsamer Zug vom betreffenden Passagier, ungünstig nur, dass er später vom Personal an Bord wieder nach Hause geschickt wurde – viel zu betrunken für den Flug.