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Michael Röschs neues Leben als Papa und Trainer

Der Biathlon-Olympiasieger von 2006 steckt nach seinem Rücktritt in einer Findungsphase. Über einen Deal mit seiner Freundin ist der Altenberger froh.

Er ist ein Typ und passt in die Dresdner Neustadt. Michael Rösch kommt zum Interview mit der SZ auf dem Fahrrad.
Er ist ein Typ und passt in die Dresdner Neustadt. Michael Rösch kommt zum Interview mit der SZ auf dem Fahrrad. © dpa/Robert Michael

Er kommt ins Café in der Dresdner Neustadt geradelt. Fast pünktlich, aber abgeschlagen. Der Vollbart ist noch voller als früher, und die tiefen Falten um die Augen verraten, dass der Schlaf bei Michael Rösch in den vergangenen Wochen zu kurz gekommen sein dürfte. „Ich komme gerade vom Kinderdienst“, erzählt er, „der Kleine fängt jetzt an zu feixen. Es ist schön, aber auch viel anstrengender als vorher.“ Willkommen in einem neuen Leben, von dem sich der Olympiasieger, wie er sagt, selbst manchmal noch erschlagen fühlt.

Mitte Januar hatte Rösch seine lange und wechselvolle Biathlon-Karriere beendet. Seine Freundin Hanna brachte im April Levi Fred auf die Welt. „Plötzlich ist alles anders“, meint der 36-Jährige, der vom „Rumtingeln in der Welt“ über „Hotel Mama“ in Altenberg zum ersten Mal das echte Leben kennenlernt. Über einen Deal mit seiner Freundin ist Rösch ziemlich froh. „Sie windelt, ich schaff’ die Dinger weg. Das ist grenzwertig für mich“, sagt er und verzieht dabei das Gesicht. Auch wenn ihn der Alltag als junger Papa noch manchmal stresst, ist er „sehr dankbar und heilfroh“, dass die kleine Familie einen gesunden Sohn hat. „Das ist schnell daher gesagt, aber es ist das höchste Gut.“

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So richtig angekommen im Leben danach ist Rösch noch nicht, er spricht selbst von einer Findungsphase. In 20 Jahren Hochleistungssport habe er immer sportliche Ziele gehabt, die gilt es nun neu zu justieren. „Ich wünsche mir für mich, dass ich selber meinen Weg finde“, sagt er ganz offen. Beruflich hat er ihn als Trainer eingeschlagen, wie einst sein Vater Eberhard am Stützpunkt in Altenberg. „Ja, der Anfang war schwierig. Ich wollte die Welt einreißen, alles besser machen.“

Nach seinem Karriereende hätten ihm mehrere Türen als Trainer im Ausland offen gestanden. Das Angebot aus Altenberg war natürlich für Rösch, der in Dresden wohnt, naheliegend. „Der Job mit den Jugendlichen macht mir Spaß. Ich denke, dass es gut angenommen wird.“

Seine direkte Art und zu jeder Situation ein frecher Spruch – das muss man mögen. Der Vertrag beim sächsischen Skiverband läuft zunächst bis September, sozusagen auf Probe. Danach soll er einen Anschlussvertrag über vier Jahre mit Trainerstudium in Köln bekommen. Im Juli und August macht Rösch aber erst mal wie geplant Elternzeit. Zusammen mit Freundin Hanna, ihrer großen Tochter und Levi geht es „rein in die Karre“ und ab in den Süden. Sie wollen sich treiben lassen, schauen, wo es ihnen gefällt. Ohne Pläne zu sein, ist ein ganz neues Lebensgefühl für Rösch, der über die 20 Jahre ein Buch schreiben kann. Titel: „Vom deutschen Biathlon-Shootingstar zum belgischen Ein-Mann-Unternehmen“.

Nach dem Staffel-Olympiasieg 2006 genießt der 22-Jährige den Empfang in seiner Heimatstadt Altenberg.
Nach dem Staffel-Olympiasieg 2006 genießt der 22-Jährige den Empfang in seiner Heimatstadt Altenberg. © Ronald Bonß (Archiv)

Bei den Spielen 2006 in Turin war Michael Rösch 22 und mit Abstand der Jüngste in der deutschen Goldstaffel. Der Startläufer zeigte keinerlei Nervosität, schoss schnell und sicher. Die Fernsehreporter überschlugen sich mit Lob, und er galt schon als großer Nachfolger von Sven Fischer. Rösch gewann danach zwar noch dreimal WM-Bronze mit der Staffel, aber mit der verpassten Olympia-Teilnahme 2010 ging es erst sportlich bergab, dann auch finanziell. „Sponsoren sprangen ab, der Druck wurde größer, das ging an die Nerven. Teilweise habe ich nur noch funktioniert und stand kurz vorm Burnout.“

Rösch hatte sich auch mit seinem Hausbau im Ort Waldidylle nahe Altenberg übernommen. In dieser Zeit überwarf er sich zudem mit dem Deutschen Skiverband. „Es gab schon einige Fehler, die ich gemacht habe“, gibt er zu. Rösch war aber damals stur und entschied sich 2012, die Nation zu wechseln, was sich in Belgien fast zwei quälende Jahre hinzog.

Sein Dasein als Biathlet hatte sich damit radikal gewandelt. Von der Fürsorge des deutschen Verbandes und der Rundum-Betreuung war plötzlich gar nichts mehr übrig geblieben.

Und er verlor nicht nur seinen Beamtenstatus auf Lebenszeit, sondern auch viele Sponsoren. Rösch hatte sich verschuldet, stand kurz vor der Privatinsolvenz. Erst vor zwei Monaten überwies er seine letzte Rate mit einem „tiefen Durchatmen“. Den Schritt nach Belgien bereut der Sachse trotzdem nicht, „weil es mich geprägt und zu dem Menschen gemacht hat, der ich heute bin“. Der Sprücheklopfer wirkt gereifter, umsichtiger, dankbarer.

Als Neu-Belgier schafft Michael Rösch nach langem Anlauf den Sprung in die erweiterte Weltspitze.
Als Neu-Belgier schafft Michael Rösch nach langem Anlauf den Sprung in die erweiterte Weltspitze. © dpa/Martin Schutt

Die Rückkehr in die erweiterte Weltspitze dauerte viel länger als erhofft. Erst als sich Rösch 2016 fürs Training den Schweizern anschloss, ging es bergauf, selbst wenn der Neu-Belgier nie mehr an die alten Erfolge anknüpfen konnte. Dass er es aber quasi im Alleingang und mithilfe von Spenden 2018 noch einmal zu Olympia schaffte, empfindet er als Genugtuung.

Im Januar gab er unter Tränen seinen Rücktritt bekannt. „Es ist im Kopf gereift, dass es leistungsmäßig nicht mehr reicht. Ich hatte schon Angst vor dem Abschied“, meint Rösch. Doch er hätte keinen besseren Moment finden können. In Ruhpolding lief er vor 15 000 Zuschauern dann sein letztes Rennen – übrigens das erste, bei dem die komplette Familie mit Eltern, Bruder, Schwester und Freundin dabei war. „Das hätte ich mir vor sieben Jahren nicht erträumen lassen, dass so viele Leute applaudieren und mich respektieren.“

Fehlen wird er als Typ, auch wenn er dem Biathlon erhalten bleibt – ob als Trainer, wird die Zukunft zeigen. Er könnte sich auch einen Job als Co-Kommentator im Fernsehen vorstellen. Selbst als Sprecher bei Vorträgen, in denen es um Motivation und Rückschläge geht, ist er vereinzelt schon angefragt worden.

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Was er als Ex-Sportler nicht vermisst, ist der Leistungsdruck. Selbst das Abtrainieren fällt schwer. „Ich habe keinen Bock, in der Heide zu joggen. Dafür muss ich mich überwinden. Mich aber mal mit meinen Sportlern kurz auskotzen, also noch mal voll auspowern, das geht.“ Seinen Ausgleich findet er auf seiner Enduro-Maschine, die er sich vor ein paar Jahren angeschafft hat. „Da kann ich die Birne ausschalten.“ Für sein neues Hobby bleibt momentan genauso wenig Zeit wie für Biergartenbesuche. Das mag er an der Stadt, obwohl er doch ein Dorfkind sei.

Seinem Traumhaus im Grünen trauert er jedoch nicht mehr nach. Das einsame Grundstück mit dem großen Haus hat damals ein Freund gekauft, den er auch ab und zu besucht. „Ich gehe jetzt mit einem Lächeln rein und auch wieder raus.“

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