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Stones-Gitarrist kommt ins Kino

Die Doku „Ronnie Wood: Somebody Up There Likes Me“ kommt dem Kult-Musiker sehr nahe, ohne jemals aufdringlich zu sein.

Die Doku „Ronnie Wood: Somebody Up There Likes Me“ setzt auf die Essenz, die Zwischentöne und die Nähe zu einem der einflussreichsten weißen Blues- und Rock ’n’ Roll-Gitarristen.
Die Doku „Ronnie Wood: Somebody Up There Likes Me“ setzt auf die Essenz, die Zwischentöne und die Nähe zu einem der einflussreichsten weißen Blues- und Rock ’n’ Roll-Gitarristen. © Andy Muggleton

Von Andreas Körner

Beschränkung ist schwer, vor allem im Film und dort sehr gern im Dokumentarischen, genauer Porträtierenden. Regisseure sammeln mit ihren Helfern tonnenweise Material, wühlen sich durch Archive, sichten Hunderte Stunden bewegte Bilder, treffen mindestens genauso viele Menschen und schleppen die meisten davon auch noch vor die Kamera, auf dass sie über den Protagonisten sprechen mögen. Familie, Freunde, Kollegen, Kenner. Deshalb sehen Porträtfilme oft so uniform und gehetzt aus.

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Auf den ersten Blick folgt auch „Ronnie Wood: Somebody Up There Likes Me“ des britischen Regisseurs Mike Figgis diesem Ansatz. Doch schnell wird klar, dass sein Porträt eines der einflussreichen weißen Blues- und Rock ’n’ Roll-Gitarristen auf die Essenz zielt, auf Zwischentöne und Nähe zur Person setzt und eine extrem sympathische Beiläufigkeit im Stil präsentiert.

Alkohol, Pillen, Spritzen

Bei Mike Figgis mag es nicht überraschen. Er ist ein Filmemacher und Künstler, der sich im Überschreiten der Genres seit Jahrzehnten absolut fit zeigt, der Spielfilme drehte („Leaving Las Vegas“) und die Soundtracks dafür selbst komponierte, der Bücher schrieb über Kunst und Kino („The 36 Dramatic Situations For Cinema“) und schon die englische Blueshistorie röntgte („Red, White & Blues“). Doch selbst diesen Blick von innen heraus stellt er hier nie zu offensichtlich in den Fokus. Nicht in gerade einmal 72 Laufminuten.

Das Gesicht, eine Landschaft! Die meisten Aufnahmen für „Somebody Up There Likes Me“ entstanden kurz vor oder kurz nach Ronnie Woods 70. Geburtstag. Ein Leben, das im Grunde Überleben war. Natürlich lag es an Alkohol, Pillen, Spritzen, dem Tempo eines Rockstars, an getroffenen Entscheidungen. „Komisch“, sagt Wood, „surreal ist das, es ging zu schnell.“ Irgendwo fühle er sich eher wie mit 29 stehen geblieben und das, wo Stehenbleiben alles andere als Woods Sache ist.

Irgendjemand müsse ihn „dort oben“ mögen und „unten auch“, sagt er lächelnd und spielt auf eine geglückte Operation nach Lungenkrebs an. Schwarz-weiße Fotos und verwackelte Homevideo-Aufnahmen zeigen seine Familie, den Vater, der Unmengen wegtrinken und noch die verrücktesten Typen aus den Bars heimschleppen konnte. Erste Mitschnitte von frühen Bands sind zu sehen, in denen Ronnie Wood spielte: The Birds, die Jeff Beck Group, The Faces. Nach 23 Minuten – erst – erscheint Mick Jagger auf der Leinwand, bald darauf Keith Richards und Charlie Watts. Eher beiläufig. Die nächsten Landschaftsgesichter! Sie sprechen auf die ihnen gegebene Art über den Kumpel und Kollegen: ironisch, knapp, intim, ehrlich.

Genialer Schachzug

Sally Wood, die Ehefrau, möchte ihren Mann lieber als reale Person, nicht im Korsett einer Nüchternheit, sagt sie. Ihn, der immer fröhlich sei. Regisseur Figgis, der sich offensiv in den Film einschleust und trotzdem die Grenzen zur Aufdringlichkeit nicht überschreitet, lässt Ronnie Wood spielerisch drei Karten ziehen, auf denen Begriffe stehen. Er hatte sie für ein anderes Projekt entworfen. Eine der Karten trägt die Aufschrift „Rivalität“.

Was folgt, ist ein genialer Schachzug. Denn in nur wenigen Minuten wird klar, was die besondere Konstellation zweier elektrischer Gitarren bei den Rolling Stones ausmacht und was es bedeutet, dass ausgerechnet Keith Richards und Ronnie Wood sie bedienen. Es ist ein Tanz. Der Film bekommt hier seinen akustischen Kern, denn Mike Figgis nimmt sich volle fünf Minuten Zeit für die 78er-Konzertversion des Stücks „When The Whip Comes Down“. Kein Hangeln an Hits entlang, sondern – die Essenz.

In der Auswahl der Gesprächspartner nicht minder. Bis auf die drei Stones und die Ehefrau sind nur noch Damien Hirst, Rod Stewart und die irische Sängerin Imelda May dabei. Letztere war gerade ein Jahr jung, als Ronnie Wood 1975 bei den Rolling Stones anheuerte.

„Somebody Up There Likes Me“ zeigt auch Ronnie Wood, den Maler. Nicht im Vorüberhuschen, sondern so, dass man erfühlen kann, das andere Metier ist ihm Bedürfnis. Wenn er exklusiv für die Kamera spielt und singt, ist es der Blues, der ihm unter den Nägeln sitzt und nie verschwand, als er sich zigfach die Finger verbrannte.

Übrigens: Die Rolling Stones und Ronnie Wood sind gerade mit „Living In A Ghost Town“ – einem Stück von 2019, das Corona mutmaßlich vorausahnte – in den deutschen Single-Charts auf eins gelandet, erstmals seit 1968. Man hat sich immer wieder gefragt, wann der Rock ’n’ Roll-Geist der ersten echten Spielergeneration verdampfen würde. Scheint so, dass nie …

Der Film ist jetzt zu sehen in der Dresdner Schauburg.

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