merken
PLUS

Rollstuhlfahrer finden keine Wohnung

Nur ein Prozent aller Wohnungen ist für sie gedacht. Trotzdem lehnte der Stadtrat einen Neubau ab. Ist das das letzte Wort?

Von Jenny Thümmler

Die Stadträte waren nicht überzeugt. Im Technischen Ausschuss haben sie ein Projekt auf der Bautzner Straße abgelehnt. Eine Baulücke sollte geschlossen werden, Dieter Gleisberg und vier weitere Räte waren dagegen. „Wenn wir eine moderne Lückenschließung zulassen, wird dort attraktiv und preiswert gebaut. Damit erschweren wir den Eigentümern denkmalgeschützter Häuser die Vermietung. Und die haben es oft schwer genug.“ Günther Friedrich hingegen hat wie vier weitere Stadträte für das Projekt gestimmt. In einer lebendigen Stadt werde eben auch Neues gebaut. „Da wegen drohender Geländerutschungen von der sieben Meter höheren Landeskronstraße sowieso etwas getan werden muss, wäre das doch eine gute Lösung.“ Fünf Ja- zu fünf Nein-Stimmen. Abgelehnt.

Anzeige
Der Sommerurlaub steht vor der Tür
Der Sommerurlaub steht vor der Tür

Urlaub – die schönste Zeit des Jahres. Doch bevor die Reise losgeht, sollte das Auto gründlich durchgecheckt werden. Hier finden Sie wichtige Fahrzeug-Tipps.

Was die Stadträte dabei nicht beachtet haben, ist der Charakter der 16 geplanten Wohnungen. Wie Bauplaner Hagen Aye sagt, sollten es rollstuhlgerechte Wohnungen nach einer genauen DIN-Norm werden. Und von denen gibt es sehr wenige in der Stadt. Behindertenverbände weisen immer wieder darauf hin. Eine allgemeine Statistik führt niemand. Die Wohnungsbaugesellschaft WBG, die mehr als 7 000 eigene Wohnungen besitzt, kann Rollstuhlfahrern nur 22 passende Wohnungen hauptsächlich in Rauschwalde anbieten. Wie Sprecherin Marion Rupprich weiter mitteilt, sind die Wohnungen im Frauenburg-Karree und auf der Jonas-Cohn-Straße zwar altenfreundlich, aber wegen der normalen Türen nicht rollstuhlgerecht. Auch die Wohnungen der GWG sind nur eingeschränkt für Rollstuhlfahrer geeignet. Wie Geschäftsführer Frank Heuer sagt, versucht die Genossenschaft immer wieder, es für körperlich eingeschränkte Mieter angenehmer zu machen. Die Möglichkeiten seien durch den Charakter der Häuser aber gering. „Es sind bei jedem unserer Objekte vor oder im Haus einige Treppenstufen zu überwinden und die Kriterien des Denkmalschutzes zu beachten.“ Bernd Hornig, Geschäftsführer der Genossenschaft WGG sagt es ganz einfach: Rollstuhlgerechte Wohnungen sind im Bestand nicht möglich und daher auch nicht vorhanden. „Wir konzentrieren uns auf die Schaffung von seniorenfreundlichem Wohnraum.“

Genauso schwierig ist es auf dem privaten Wohnungsmarkt. Frank Tews, Geschäftsführer von F.T. Immobilien als einer der größten Verwalter der Innen- und Altstadt, bestätigt das Fehlen rollstuhlgerechter Wohnungen. Der erhöhte Aufwand bei Baukosten und Denkmalschutz an Gründerzeit- und Altstadthäusern mache es Eigentümern bei diesem Thema schwer. Mithin gebe es nur speziell darauf ausgelegte Wohnprojekte, wie seine Firma eines auf der Konsulstraße verwaltet oder Bauherrin Marianne Lutzenberger es anbietet. „Alles in allem schätze ich die Quote der rollstuhlgerechten Wohnungen in Görlitz-Stadt trotz einiger jüngerer Bauprojekte dieser Art auf unter ein Prozent“, so Tews.

Dass Rollstuhlfahrer als Folge des Ganzen oft mit Notbehelfen leben müssen, erlebt Gabriel Krause, Pflegedienstleiter der Caritas Sozialstation. „Rollstuhlfahrer sind eben meist nicht junge kräftige Leute, sondern alte, mehrfach geschädigte Menschen ohne Kraft.“ Wenn ein Fahrstuhl dann im Keller endet und eine schwere Tür aufgeschoben werden muss auf dem Weg nach draußen, ist das ein echtes Problem. Und viele ältere Menschen suchen eine Wohnung, die auch passt, wenn es mit dem Laufen eines Tages nicht mehr klappt. Sie wollen nicht nochmal umziehen. Generell müssten Bauherren konsequenter sein, sagt Gabriel Krause. Wohnen an wenig abschüssigen Straßen. Mit großen Fenstern und hellen Räumen, da viele Rollstuhlfahrer nicht jeden Tag rausgehen. Mit ebenerdigen Duschen. Und bezahlbaren Mieten. Fahrstühle sind aufgrund der häufigen Wartungsintervalle teuer im Unterhalt.

Bauplaner Hagen Aye und der Investor prüfen jetzt, ob sie gegen die Absage vorgehen. Im Stadtplanungsamt würden sie wohl auf offene Ohren stoßen. Amtsleiter Hartmut Wilke hatte schon im Ausschuss die Ablehnung angezweifelt. Gebaut werden muss auf der Bautzner Straße ja auf jeden Fall. Und der Investor saniert seit 20 Jahren Wohnungen in Gründerzeithäusern. Aye will nochmals das Gespräch mit der Stadtverwaltung suchen. „Wir machen auf jeden Fall etwas. Ich weiß nur noch nicht, wie wir es anstellen.“ Auf ein Wort