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Roscher-Gelände füllt sich wieder

Ein halbes Jahr nach dem Großbrand in Görlitz ist die Firma Robak zurückgekehrt. Sie ist beliebt bei Siemens – und bei Bastlern.

Inhaber Roland Schulze (r.) und sein Mitarbeiter Torsten Herrmann sind mit ihrer Firma Robak an die Reichenbacher Straße zurückgekehrt.
Inhaber Roland Schulze (r.) und sein Mitarbeiter Torsten Herrmann sind mit ihrer Firma Robak an die Reichenbacher Straße zurückgekehrt. © Nikolai Schmidt

Roland Schulze hat gut lachen: Sein Verkaufsraum ist fertig, die neue Technik installiert, Kugellager in unterschiedlichen Größen stehen auf dem neuen Verkaufstresen. „Nur Wasser und Toilette haben wir noch nicht, ansonsten ist alles da“, sagt der Chef der Firma Robak. Sie handelt mit Kugellagern, Keilriemen, Rollenketten, Simmerringen und ähnlichem – und war beim Roscher-Großbrand am 25. Februar buchstäblich abgesoffen. „Gebrannt hat es bei uns nicht, aber das Löschwasser hat die meisten Räume erreicht“, sagt Schulze und zeigt auf die Decke im Lager, an der noch immer die Farbe abblättert.

Fast 16 Tonnen Kugellager musste er verschrotten, hinzu kamen dreieinhalb große Container mit Müll, der mal seine Einrichtung war: Die große Theke, die Büromöbel und sogar die verschimmelten Aktenordner musste er entsorgen. Nur seinen Büroraum konnte er retten: Er liegt ganz hinten, dort tropfte nichts von oben. Und er hat eine vielleicht drei Zentimeter hohe Schwelle zum Verkaufsraum. Die Schwelle hat den Raum mitsamt Mobiliar und Technik gerettet: „Ich habe mit einem Schneeschieber die ganze Zeit Wasser rausgeschoben, damit es nicht bis ins Büro steigt“, erzählt der 58-jährige Görlitzer. 

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Wie es für ihn und seinen Mitarbeiter Torsten Herrmann weitergehen soll, war nach dem Brand zunächst unklar. „In den ersten vier Wochen habe ich mit meiner Frau alles privat von mir zu Hause aus gemanagt“, sagt Schulze. Einfach pausieren sei gar nicht möglich: „Dann suchen sich die Kunden einen anderen Händler.“ Die Rettung kam schließlich in Person von Martin Kliemt. Er ist Inhaber der Firma Kliemt Nutzfahrzeugteile auf dem Flugplatz – und hat Robak von Ende März bis vorigen Freitag Asyl gewährt. „Ohne ihn hätten wir nicht gewusst, ob wir weiter existieren können“, sagt Schulze. Ebenso voll des Lobes ist er für Anke Klaus, der Verwalterin der Maschinenfabrik Roscher (Maro): „Sie hat viel dafür getan, dass es in unseren alten Räumen zügig vorwärtsgeht.“ Unter anderem habe sie die Handwerker koordiniert.

Dank dieser beiden wichtigsten Unterstützer, aber auch dank der Kunden, die zu Robak gehalten haben, blickt Schulze nun wieder optimistisch in die Zukunft: Seit Montag ist er wieder am alten Firmensitz auf dem Roscher-Gelände zu finden und kann wieder fast alles so wie vor dem Brand anbieten – bis auf historische Lager, die gerade bei Oldtimer-Bastlern beliebt waren und von denen er einige auf Lager hatte. Die aber sind durch das Löschwasser zerstört worden – und nicht in jedem Fall kann Schulze sie irgendwo bestellen. Doch er tut, was möglich ist. Die Bastler sind freilich nicht seine Hauptkunden. Vor allem lebt er von großen Firmen wie Siemens und Bombardier, vom Kraftwerksanlagenbau in Boxberg und Schwarze Pumpe oder Havlat in Zittau. „Für die Kunden sind Zuverlässigkeit und Schnelligkeit wichtig“, sagt er. Geht irgendwo ein Kugellager kaputt, muss es möglichst noch am gleichen Tag ersetzt werden. Bei Siemens und Bombardier ist die räumliche Nähe optimal, beide sitzen quasi um die Ecke.

Als das Löschwasser das Robak-Lager zerstört hatte, konnte Schulze nicht mehr sofort liefern, sondern musste die gewünschten Teile woanders bestellen. Das konnte schon mal einen Tag dauern. „Die Kunden haben das mitgemacht“, lobt er. Das dürfte damit zu tun haben, dass er in der Branche gut bekannt ist. Ab 1977 machte er seine Lehre im Roscher-Gelände, kennt sich hier also bestens aus. 1990 gründete er mit seiner Schwiegermutter die Firma Robak, allerdings in der Melanchthonstraße. Die Schwiegermutter ging 1999 in Rente, für sie kam ein Mann. Als der 2007 ebenfalls in Rente ging, stellte Schulze dessen Sohn Torsten Herrmann ein, der bis heute dabei ist. 

So blieb die Firma immer ein Zwei-Personen-Unternehmen. „Nur in den Übergangsphasen waren wir zum Einlernen des jeweils neuen Kollegen zu dritt“, sagt er. Als Robak in der Melanchthonstraße aus allen Nähten platzte, zog die Firma 2002 auf das Roscher-Gelände in die Räume einer ehemaligen Fernseher-Werkstatt. Hier ist Schulze seither sehr zufrieden: Roscher liegt zentral und ist für neue Kunden gut zu finden, außerdem gibt es Parkplätze vor der Tür und die Belieferung mit großen Fahrzeugen ist auch kein Problem. All das waren auch nach dem Brand wichtige Faktoren bei der Suche nach neuen Räumen. Schulze fand schlichtweg nichts Passendes – und zog schließlich zurück zu Roscher, wo sich Anke Klaus so für ihn ins Zeug gelegt hatte.

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Hier geht es nun Schritt für Schritt vorwärts. „Am Freitag kommt die neue Schiebetür zwischen Verkaufsraum und Lager“, sagt er. Damit verschwinde der letzte Schandfleck. Regalböden baut er nebenbei mit ein, danach füllt er die Regale, sodass im Büro irgendwann wieder Ordnung einkehrt. Auch die Kücheneinrichtung fehlt noch. „Es dauert bestimmt noch drei, vier Monate, bis wir mit allem fertig sind“, sagt der Chef. Er hofft, dass zumindest Wasser und Toilette eher kommen. Und, dass die Versicherung zahlt, vor allem die Wareninhaltsversicherung, von der er bisher erst einen Teilbetrag erhalten hat. Die Kunden bekommen von alledem nicht viel mit: Der Verkaufsraum ist fertig, das Lager wieder ganz gut bestückt. Wenn sie nicht gerade eine Toilette suchen, kann ihnen Schulze wieder vieles anbieten wie vor dem Brand.

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