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Roßwein im Dornröschenschlaf

Wolfgang Scherer hat vor 20 Jahren fast jede Ecke in der Stadt fotografiert. Manches sieht noch genauso aus wie damals.

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Von Heike Stumpf

Wolfgang Scherer ist bekennender Roßwein-Fan. Nicht zuletzt deshalb ist er gern der Bitte nachgekommen, zum wiederholten Mal eine Fotoausstellung zu gestalten. Zwei- oder dreimal waren einige seiner Aufnahmen bereits im Rathaus zu sehen. Jetzt sind Roßweiner und Schulfestgäste ins Heimatmuseum eingeladen – zum Entdecken, Staunen und Plaudern über das, was früher war und wie es heute aussieht.

Scherers Fotos werden dafür ausreichend Gesprächsstoff geben. Denn aus seinem Fundus hat er ungefähr 60 Fotos ausgewählt. Die sind 1995 entstanden, als seine Professur an der hiesigen Außenstelle der Hochschule Mittweida begann. Damals entdeckte er Roßwein sozusagen mit der Kamera. „Nein, erschrocken war ich nicht. Ich hatte Leipzig-Plagwitz kennengelernt, beruflich in Sondershausen und Nordhausen zu tun. Beide Städte sind von Größe und Zustand her vergleichbar“, erzählt der 67-Jährige. Er gibt zu: „Viele Ecken in Roßwein fesselten mich. Nicht wegen Besonderheiten, sondern einfach nur so.“

Zum Heimatfest wollte Scherer dem Betrachter Veränderungen zeigen, sofern es die gegeben hat. So nimmt er ihm Wege ab, alles selbst zu erkunden und zu schauen: Ist alles noch da? So lautet auch der Titel seiner Ausstellung.

Besondere Herausforderung beim Fotografieren war für den Wahl-Leipziger, wieder genau dieselben Punkte zu finden, an denen er vor 20 Jahren auf den Auslöser gedrückt hat. Mit den Fotos von damals ist er losgezogen, hat die jeweiligen Standorte gesucht. „Vom Grundsatz her habe ich alles wiedergefunden“, sagt der 67-Jährige. Die Fototouren hätten ihm riesigen Spaß gemacht. Und obwohl er die Entwicklung der Stadt noch einige Jahre vor Ort begleitete und auch jetzt regelmäßig in Roßwein ist, hat ihn manches erstaunt.

Fast wie ein Suchbild „Finde fünf Fehler“ wirkt der Blick in die Frongasse. Dort hat sich offenbar überhaupt nichts verändert. In unmittelbarer Nähe der Stadtmauer ist manch altes Haus abgerissen worden und hat Platz gemacht für einen grünen Hinterhof oder eine bepflanzte Ecke.

Unstrittig farbenfroher sind im Großteil des Stadtgebietes die Häuserreihen geworden. Zum Beispiel entlang der Etzdorfer Straße sehen die Fassaden viel freundlicher aus als noch vor 20 Jahren.

Eher andersherum ist es mit dem Bahnhof. Der hatte 1995 noch nostalgischen Charme. Zwischen Fenstern, die heute vernagelt sind, war eine hübsche Uhr zu finden. Die inzwischen angebrachte ist in Folie gewickelt und mit Klebeband gesichert. Alles in allem gibt der Bahnhof mit dem früheren Empfangsgebäude und dem Wartebereich einen trostlosen Anblick ab. „Ich habe das Foto von damals häufig als Postkartenmotiv verschickt und viele positive Reaktionen bekommen“, erzählt Wolfgang Scherer. Mit dem Ist-Zustand würde ihm das gewiss nicht passieren.

Etwas überlegt hat der Soziologe auf die Frage, welche Situation ihn am meisten bewegt oder überrascht hat. Seine Wahl fiel auf eine Villa an der Uferstraße. Die Immobilie fand Scherer in einem ruinösen Zustand vor. „Erbärmlich“, versucht er zu beschreiben. „Das Haus stand inmitten eines Trümmerfeldes, weil rundum Gebäude abgerissen waren.“ Sein Eindruck sei deprimierend gewesen. Trotz alledem: Das Haus war bewohnt.

Heute steht die Villa leer. Allerdings nicht wegen ihres Zustandes. Der hat sich gewandelt. Das Gebäude ist saniert, dem Vernehmen nach ist der Eigentümer damit aber nicht bis zum Ende gekommen. Wegen des inzwischen total grünen Umfeldes ist Wolfgang Scherer die französische Version von Dornröschen in den Sinn gekommen: die Schöne im schlafenden Wald. „Dieses Bild ist für mich symbolisch für Roßwein. Die Stadt liegt im Dörnröschenschlaf und weit und breit ist kein Prinz in Sicht, der sie wachküsst.“

Das bedauert der 67-Jährige, zumal er sich ehrenamtlich in der Roßweiner Zukunftswerkstatt für die Kommune engagiert. Er findet es außerdem schade, dass er die Stadt nicht zu DDR-Zeiten kennengelernt hat. „Die Menschen sollen zu Tausenden zum Arbeiten hergekommen sein“, gibt Scherer Erzählungen wieder. Außerdem hat er vom Leben auf Straßen und in Kneipen gehört. „Das hätt ich gern erlebt.“

Wolfgang Scherer wünscht sich, dass er mit seinen Gegenüberstellungen Anregungen geben kann – darüber, was erreicht worden ist, was das heutige Roßwein denen gibt, die hier leben und wie es sich weiterentwickeln könnte.