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Rotkäppchen bringt Kassandra mit

Die Schauspielerin Blanche Kommerell hat Görlitz lieben gelernt. Nun liest sie ihren Lieblingstext im Theater.

Von Frank Seibel

Der Name klingt nach einem großen Auftritt: Blanche Komerell. Ein Künstlername, der extravagant nach Aufmerksamkeit ruft?

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Der Mensch dazu tritt ganz leise auf. Eine zierliche Gestalt, die sich nicht aufdrängt und gut ohne roten Teppich durchs Leben kommt. Die dunklen Augen leuchten, die langen Haare haben etwas Unbändiges: eine große Persönlichkeit, diese kleine Frau. Und der Name wurde ihr tatsächlich in die Wiege gelegt. Blanche, sagt sie mit leiser, fester Stimme, ist im Spanischen ein verbreiteter Vorname. „Meine Großmutter war Spanierin.“ Und Kommerell ist ganz ungekünstelt der Familienname.

Blanche Kommerell steht auf dem Kopfsteinpflaster des Görlitzer Untermarkts und sieht glücklich aus. So sehr wie hier, sagt sie, fühlt sie sich an ganz wenigen Orten zu Hause. „Es passiert mir in keiner anderen Stadt, die ich besuche, dass ich von den Leuten mit Namen angesprochen werde“, sagt sie und ihre dunklen Augen strahlen. Fast hätte sie gesagt: Leute, die mich gar nicht kennen. Aber das stimmt eben nur zum Teil. „Ganz viele Görlitzer kennen mich offenbar noch als Rotkäppchen.“ Für sie selbst liegt das mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, dass sie für die Defa im Filmstudio stand und mit dem bösen Wolf zankte.„Aber viele Menschen haben mich gerade erst wieder im Fernsehen gesehen“, sagt die Frau, die nur deshalb an kühlen Tagen eine rote Kappe trägt, weil ihr die Farbe gut steht, nicht, um mit einem „Rotkäppchen“-Schild durch die Welt zu stolzieren.

Kaum etwas scheint ihr ferner zu liegen als Star-Allüren. Aber die 64-Jährige freut sich über die dezente Art der Görlitzer, in ihr jene Schauspielerin zu erkennen, die seit dem ersten Märchenfilm aus dem Jahr 1962 wohl in jedem Haushalt zwischen Rügen und Fichtelberg mehr als einmal zu Besuch war. Oder sie entdecken in ihr die junge Frau Rosa Frankfurter, die im Film „Jakob der Lügner“ von Frank Beyer aus dem Jahr 1974 eine der Hauptfiguren war. Mit dieser Rolle, spätestens, hatte sich Blanche Kommerell, damals 24 Jahre alt, endgültig vom Rotkäppchen emanzipiert und wurde auch international als gute Schauspielerin wahrgenommen.

Doch auch das ist lange her. Vor 24 Jahren endete ihre Karriere als Filmschauspielerin, nur kurz unterbrochen von Auftritten in der Serie „In aller Freundschaft“ vor zehn Jahren. Dass sie heute nicht mehr vor der Kamera steht, hat einerseits damit zu tun, dass Blanche Kommerell nie dem Ruhm hinterhergelaufen ist – und doch an einem Wendepunkt ihres Lebens selbstbewusst genug war, sich nicht unter Wert zu verkaufen. Schon in der DDR gab es zwar Jahre, in denen die Aufträge weniger wurden, erinnert sich die zierliche Frau mit der warmen Stimme. Das war ausgerechnet eine indirekte Folge ihres großen Erfolgs mit „Jakob der Lügner“. Über den Autor Jurek Becker bekam sie Kontakt zu systemkritischen Künstlern, auch zum Kreis um Wolf Biermann. „Ich habe erst viel später erfahren, dass ich auf so einer Liste stand“, erzählt Blanche Kommerell.

Den großen Einschnitt aber erlebte die Schauspielerin 1990. Der Gedanke, sich von einer Casting-Agentur in eine Kartei aufnehmen zu lassen wie eine Berufsanfängerin, widerstrebte ihr. „Ich war doch jemand!“ Sie erinnert sich an eine Fahrt nach Budapest, mit etlichen anderen Kollegen, die in der DDR noch einen guten Namen hatten. „Ich wusste nicht, was auf uns zukommt“, sagt sie. „Dann stellte sich heraus, dass wir Pornos vertonen und synchronisieren sollten.“ Sie macht eine kurze Pause. „Ich bin in den nächsten Zug gestiegen und zurückgefahren.“

Heute ist Blanche Kommerell kein Star. Aber sie genießt in Feuilletons höchste Anerkennung als Rezitatorin und Regisseurin. Diese Kunst pflegt sie in Berlin, wo sie zu Hause ist; aber auch in Witten/Herdecke im Ruhrgebiet, wo sie vor über zwanzig jahren ein berufliches Refugium fand. An der dortigen Privathochschule bringt Blanche Kommerell angehenden Managern bei, wie man redet, wie man sich präsentiert. Und keineswegs nur nebenbei bringt sie mit den jungen Leuten Theaterstücke auf die Bühne, oft die Klassiker.

Wie Witten ist in den vergangenen zwei Jahren auch Görlitz für Blanche Kommerell ein guter Ort geworden, beinahe ein Stück Heimat. Ein befreundeter Mönch, der von hier stammt, hat ihr damals den Tipp gegeben, diese Stadt und ihre Menschen kennenzulernen. Das werde ihrer Seele guttun. „Und so ist es gekommen“, sagt Blanche Kommerell. Die warme Zuwendung der Görlitzer genießt sie. Zwei dieser guten Geister sind der Technische Direktor des Theaters, Wolfgang Archner, und seine Frau Cordula. Bei ihnen in der Nikolaivorstadt findet sie eine Bleibe, wenn sie hier ist. Dann ist morgens ihr erster Gang durch den Garten über den Pestacker hinaus auf den Nikolaifriedhof. Ein Ort, der so viel Geschichte und Kultur ausstrahlt! Zu Goethes Herzensfrau Minna Herzlieb, die auf dem städtischen Friedhof begraben ist, will Blanche Kommerell demnächst ein literarisches Programm gestalten. Blanche Kommerell liebt es, in alten Zeit-Räumen zu spazieren, die Welt der Klassiker und ihrer Weggefährten zu erkunden. Aber auch klassische Motive in modernem Gewand faszinieren sie. Ihr liebstes Buch: „Kassandra“ von Christa Wolf. „Das hat mich seit 1983 nicht mehr losgelassen.“

An diesem Sonnabend stellt Blanche Kommerell „ihre“ Kassandra im Theater vor. Nicht nur eine Lesung wird das werden, sondern ein szenischer Monolog. Hier kann die Schauspielerin, die 2008 mit dem Deutschen Sprachpreis ausgezeichnet wurde, all ihre Stärken ausspielen.

Szenische Lesung „Kassandra – Monolog nach einer Erzählung“ mit Blanche Kommerell am Sonnabend, 19. April, 19.30 Uhr, im Theater Görlitz „Hinterm Vorhang“. Karten zu zehn Euro (fünf Euro erm.) auch im SZ-Treffpunkt.