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Rotwild als Versuchskaninchen

Stundenten wollen wissen, wie die Tiere ohne Zäune von Bahngleisen und von Straßen ferngehalten werden können.

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Von Sven Görner

Mathias Ehrlich muss nicht nur sicher mit Spritze und Skalpell hantieren können. Der Vertragstierarzt des Wildgeheges in Moritzburg hat auch beim Umgang mit dem Blasrohr und dem Gewehr eine ruhige Hand. Die braucht er, wenn es darum geht, große Wildtiere ruhig zu stellen. Für eine notwendige Behandlung oder wenn sie auf Reisen in eine andere Einrichtung gehen sollen.

Eine solche unblutige Jagd fand jetzt im Wildgehege statt. Weil das Rotwild zu scheu ist, den Schützen nahe genug an sich heranzulassen, musste der Tierarzt statt zum lautlosen Blasrohr zum etwas geräuschvolleren Gewehr greifen. So konnte er die Pfeile mit dem Betäubungsmittel sicher ins Ziel bringen. Das waren vier ausgewachsene Rotwild-Damen und ein Spießer – also ein zwei Jahre alter Junghirsch.

Nach der gelungenen Immobilisierung wurden die Tiere mithilfe von Studenten des Instituts für Waldbau und Forstschutz der Technischen Universität Dresden verladen und, nachdem sie wieder aufgewacht waren, nach Grillenburg im Tharandter Wald gebracht. Dort tummeln sie sich inzwischen in einem neuen, neun Hektar großen Wildgatter der Forstuniversität. Das alte ging seinerzeit durch den Orkan Kyrill zu Bruch, wobei die Tiere das Weite suchten. Nun wurde es wieder aufgebaut.

Den Grund dafür nennt Richard Georgi, vom Institut für Waldbau und Forstschutz: „Die Tiere aus Moritzburg sind der Grundstock für eine neues Rudel, das den Studenten für Forschungsprojekte dienen soll“. Eines beschäftigt sich aktuell mit dem Problem, wie Rotwild von Bahnstrecken ferngehalten werden kann. An Autobahnen verhindern oft kilometerweit aufgestellte Zäune, dass Wild auf die Fahrbahn gelangt. Trotz einiger Wildbrücken hat diese Methode neben der Kosten aber einen großen Nachteil. Es entstehen riesige Reservate, zwischen denen kaum ein Austausch stattfindet. Georgi: „Mit dem Forschungsprojekt solle untersucht werden, wie das Rotwild durch Töne von den Gleisen vertrieben werden kann, wenn ein Zug naht“. Dafür werden auch wechselnde Frequenzen getestet, da sich die Tiere sehr schnell an gleichbleibende Töne gewöhnen.

Der Vorteil der Gleise ist, dass dort schon Strom vorhanden ist. Perspektivisch könnten die Forschungsergebnisse aber zur Vergrämung von Wild an Straßen genutzt werden. Dass dabei dem Rotwild soviel Aufmerksamkeit geschenkt wird, liegt u.a. daran, dass diese mächtigen Tiere in großen Rudeln leben.

Die Moritzburger Einrichtung des Staatsbetriebes Sachsenforst arbeitet seit Jahren mit der Forstuniversität zusammen. „Das gehört laut EU-Richtlinien zu unseren Aufgaben“, sagt Gehegechef Rüdiger Juffa. „Denn die Tierhaltung soll auch dabei helfen, die in Freiheit lebenden Bestände besser zu bewirtschaften.