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Ein Doppel-Olympiasieger kehrt zurück nach Dresden

Weltklasse-Ruderer Karl Schulze zieht wieder in die Heimat, um mehr Zeit mit der Familie zu verbringen. Dafür nimmt er auch einen Nachteil in Kauf.

Unterwegs in gewohnten Gewässern: Karl Schulze an der Elbe.
Unterwegs in gewohnten Gewässern: Karl Schulze an der Elbe. © Jürgen Lösel

Dresden. Mit einem breiten Lächeln kommt der Kellner an den Tisch und begrüßt Karl Schulze wie einen guten Kumpel. Im Schillergarten mit dem Blick aufs Blaue Wunder wird der Ruderer wieder häufiger sitzen. Der Olympiasieger von 2012 und 2016 im Doppel-Vierer ist seit Juli zurück in seiner Heimat. Und diesmal bleibt er. Denn den Traum vom Olympia-Triple will sich der gebürtige Dresdner hier erfüllen. Noch kein deutscher Ruderer schaffte das Kunststück, dreimal in Folge in derselben Bootsklasse Olympia-Gold zu gewinnen.

Für Tokio 2020 war Schulze mit seiner Familie erst 2018 nach Hamburg umgezogen. Der Deutsche Ruder-Verband (DRV) hat die Residenz in der Hansestadt gewissermaßen zur Pflicht gemacht, um den Vierer optimal vorzubreiten. Für den Dresdner war da schon klar: Die eigenen finanziellen Mittel reichen bis Olympia 2020. So lange hält ihm Lebensgefährtin Marie-Christin Jonekeit den Rücken frei. Das Paar hat mittlerweile zwei kleine Töchter: Leni (zwei Jahre) und Lea Marie (elf Monate) – ein Frauenhaushalt und ein bärenstarker Typ.

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Nun pendelt er doch

Als Schulze noch in Berlin lebte und nach Hamburg pendeln sollte, kam das für den 1,90 Meter großen Modellathleten vor zwei Jahren nicht infrage. „Die wenige gemeinsame Zeit hätte stark darunter gelitten. Zudem ist es körperlich eine echte Herausforderung, vor allem in meinem Alter", sagt Schulze scherzend.

Und nun? Pendelt er doch. Der Bundestrainer eröffnete dem Dresdner die Möglichkeit, sein Individualtraining in der Heimat zu absolvieren. Für das Mannschafts-Training im Vierer fährt er dennoch regelmäßig gen Norden. So oder so wird er viel Zeit auf der Autobahn verbringen. „Trainingsmethodisch ist es ein Nachteil. Das muss man ganz klar so sagen.“ Mit seiner Routine, Erfahrung und seinen hervorragenden physischen Voraussetzungen will Schulze diesen Nachteil auffangen. „Ich weiß, dass es früher funktioniert hat, und denke, dass es wieder funktionieren wird."

Karl Schulze und Marie-Christin Jonekeit besuchen den Semperopernball.
Karl Schulze und Marie-Christin Jonekeit besuchen den Semperopernball. © Robert Michael

Für den Dresdner spielt die mentale Seite inzwischen eine viel größere Rolle. Gemeint ist damit die Zeit zu Hause bei seiner Partnerin Marie-Christin und den beiden Töchtern. „Hier kann ich relaxen und hoffe einfach, dass dieser enorme positive Aspekt den negativen wieder ausgleicht.“

Der Trainingsplan für seine Olympiaform kommt weiterhin vom Bundestrainer. Der ehemalige Heimcoach von Schulze, der Dresdner Bundesstützpunkt-Trainer Egbert Scheibe, übernimmt die Rolle des Betreuers in Cotta. „Der freut sich schon, dass ich wieder da bin“, erklärt Schulze feixend. Mit dem Mann zu trainieren, der ihn vor acht Jahren zum ersten Olympiasieg führte, „ist schon ein bisschen wie nach Hause kommen“.

Karl Schulze zeigt seinen Mitgliedsausweis von Dynamo Dresden.
Karl Schulze zeigt seinen Mitgliedsausweis von Dynamo Dresden. © Robert Michael

Danach hat der Bundespolizist seine Heimat verlassen – auch, weil er trotz der herausragenden Erfolge wenig Unterstützung aus der Stadt spürte. Das Verhältnis zum Spitzensport hat sich verändert. Seit 2016 vergibt Dresden Sportstipendien an international herausragende Athleten der Elbmetropole. Die monatliche Unterstützung ist an die Mitgliedschaft in einem Dresdner Verein gekoppelt. Schulze bleibt allerdings weiter beim Berliner Ruder-Club, für den er seit 2013 startet. Zuvor war Schulze beim USV TU Dresden. „Ich wechsle nicht den Verein, nur, weil einer mehr zahlt oder mich plötzlich haben will", begründet der 32-Jährige und unterstreicht: „Berlin hat die vergangenen Jahre viel für mich getan. Alles andere wäre auch mit den coronabedingten Änderungen meinem Verein gegenüber nicht gerecht.“

Dennoch hat auch die Stadt Dresden dem Spitzenathleten nach seiner Rückkehr eine finanzielle Hilfe zugesagt. Wie und mit welcher Summe, ist noch offen. „Es soll und wird auf eine Art Aufwandsentschädigung für meine Pendelei hinauslaufen“, sagt Schulze. Obwohl der Sachse der älteste Athlet im deutschen Vierer ist, will er nicht ausschließen, dass er nach dem anvisierten Olympia-Finale 2021 noch ein paar Jährchen dranhängt. „Tokio ist für mich definitiv ein Meilenstein, weil sich danach alles ändert. Meine Familie ist dann die Nummer eins. Aber ich habe nie gesagt, dass das mein letztes Rennen wird“, betont Schulze. Er will seine Töchter aufwachsen sehen, seine Freundin bei der Karriere als freie Fotografin unterstützen. Wenn trotzdem Zeit bliebe, seine Ruder-Karriere auf Weltniveau fortzusetzen: Warum nicht?

Karl Schulze zeigt seine Goldmedaillen von 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro.
Karl Schulze zeigt seine Goldmedaillen von 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro. © Robert Michael

Der erfolgreiche Athlet geht davon aus, dass die vier Plätze im Boot für Tokio fest vergeben sind – wenn bis dahin niemand besonders abfällt. „Ich habe mir meinen Platz in dem Vierer erkämpft, aber das heißt nicht, dass der Bundestrainer auf diese Vier zurückgreifen muss, wenn es darauf ankommt", räumt er ein. Ausgewählt und entschieden würde nach den ersten Weltcups im Frühjahr. „Das ist immer so. Wenn du dich in den Vierer gekämpft hast, der aber international nichts wert ist, ist eine Veränderung logisch“, erklärt er.

Training ist nichts, wofür du brennst

Nach der Verschiebung der Olympischen Spiele auf 2021 ist auch Schulze auf der Suche nach dem Antrieb. Wegen der Einschränkungen wurde der Saisonverlauf nachgeahmt. Für den Stichtag des olympischen Rennens stand ein interner Test-Wettkampf an. Stimmung kam in dieser skurrilen Situation keine auf, „weil du dich nicht wirklich heiß machst. Der Adrenalinkick fehlt. Am Ende ist es Training und nichts, wofür du brennst“, sagt Schulze.

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Das wird trotz eines kleinen Saison-Höhepunkts schwierig. Die Ruder-EM im polnischen Poznan (Posen) im Oktober taugt für Schulze nicht als Maßstab. „Ja, es ist ein Wettkampf. Der macht Spaß“, sagt er und ergänzt: „Durch die unterschiedlichen Corona-Einschnitte kann man nicht sagen, wie fit die Leute sind. Das macht die Bewertung der Ergebnisse sehr schwierig.“ Auf dem Weg nach Tokio ist die EM eine Begleiterscheinung – allerdings eine, für die er wieder weg ist von seinen Lieben. Aber diesmal freut er sich umso mehr auf die Rückkehr, darauf, nach Hause zu kommen.

Karl Schulze neben seinem Poster im Treppenhaus der Sportschule.
Karl Schulze neben seinem Poster im Treppenhaus der Sportschule. © Robert Michael

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