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„Plötzlich wurde er totgeschwiegen“

Der Umgang mit der Biografie des Dresdner Wunderläufers Rudolf Harbig war lange Zeit sehr wechselhaft - Teil 3 der großen Harbig-Serie.

Ulrike Harbig zeigt die Fotos ihres berühmten Vaters Rudolf Harbig.
Ulrike Harbig zeigt die Fotos ihres berühmten Vaters Rudolf Harbig. © Ronald Bonß

Die Kinder von prominenten Athleten und Sportlerinnen haben oft das gleiche Problem: Sie werden fast zwangsläufig mit ihren Vätern und Müttern verglichen. Auch Ulrike Harbig ging es so. „Meine Erinnerungen an meinen Vater sind immer mit Schwermut verbunden“, sagt die Tochter des Weltrekordläufers Rudolf Harbig aus Dresden, der in den 1930er-Jahren als Wunderläufer galt. Beim Besuch von Sächsische.de in ihrer Gröditzer Wohnung lehnt sich die hochgewachsene Frau, der man ihr Alter nicht ansieht, in ihrer Couch zurück und blickt auf die Erinnerungsstücke ihres Vaters, die sie auf einem großen Tisch ausgebreitet hat.

Dann spricht sie darüber, was ihr immer wieder passierte und was sie lange Zeit auch bedrückte: „Fast jeder, der mir in jungen Jahren aus eigenem Erleben erzählte, wie schnell und elegant mein Vater laufen konnte, kam dann mit der Frage: Und du?“ Ulrike Harbig wusste um ihr Dilemma. „Ich sah ihm wohl ähnlich, habe lange Beine. Man erwartete also auch von mir Wunderdinge, am liebsten in der Leichtathletik“, erzählt sie. In jungen Jahren waren die offen ausgesprochenen Hoffnungen allerdings zu einer zunehmenden und dauernden Belastung geworden.

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Die hohen Erwartungen an das potenzielle sportliche Erbgut führten dazu, dass sie ständig das Gefühl hatte, „meinem Vater keine gute Tochter sein zu können“, sagt Ulrike Harbig, und sie beschreibt die Konsequenz: „Das hat mich eher gehemmt beim Sport, ich wehrte mich innerlich dagegen, wollte das alles nicht.“ Andererseits versuchte sie, mit dem Andenken an ihren Vater zu leben, so gut es eben ging. „Ich wollte ein braves Mädchen sein, ihm gerecht werden.“

Der Nachname bleibt

Und doch blieb immer diese Ahnung, „dass ich das nie leisten kann, was andere von mir erwarten und wollen. Das hat mich lange belastet.“ Erst in der Fremde, später als Studentin in Prag, legte Ulrike Harbig das schlechte Gewissen so langsam ab und entwickelte ein eigenes Verhältnis zum Sport. Sie begann zu laufen, spielte Squash. „Ich konnte gut pfeffern“, erinnert sie sich an ihre Schmetterschläge und ergänzt lächelnd: „Da war ich auch schlanker als heute.“ Mit einem Augenzwinkern meint sie: „Nur auf alten Bildern schaut man jung aus.“

Das Andenken Rudolf Harbigs, der 1944 an der Ostfront ums Leben kam, zu bewahren, blieb für sie und ihre Mutter Gerda ein großes Lebensthema. Beide behielten den Namen Harbig. Gerda Harbig fand einen neuen Partner, eine Hochzeit kam für sie aber nicht infrage. Die Tochter heiratete zwar, wohnt nun mit ihrem dritten Ehemann in Gröditz. Doch bei jeder Eheschließung behielt sie ihren Geburtsnamen. „Das war ich meinem Vater schuldig“, sagt sie.

Harbigs Ruf als besonderer Athlet wurde auch in beiden deutschen Staaten gepflegt. Der westdeutsche Leichtathletik-Verband vergab seit 1950 den Rudolf-Harbig-Gedächtnispreis an Athleten, die durch Haltung und Leistung über Jahre hinweg Herausragendes geleistet haben.

In Dresden erhielt am 18. September 1951 die wiederhergestellte Ilgen-Kampfbahn den Namen Rudolf-Harbig-Stadion. „Damit wurde dem größten Leichtathleten in der deutschen Sportgeschichte ein bleibendes Denkmal gesetzt“, schrieb das Fachblatt Leichtathletik und befand, „das allen Sportlern, die dieses Stadion betreten, Verpflichtung sein wird, ihre ganze Kraft wie im Kampf um Sieg und Titel so auch im Kampf für die Einheit Deutschlands, für Frieden, Freiheit und Völkerverständigung einzusetzen und diesen Kampf mit ganzer Hingabe zu führen.“

Zur Namensgebung waren 20.000 Zuschauer gekommen. Den erstmals ausgetragenen Harbig-Gedenklauf über 800 Meter gewann der Oberhausener Rolf Lamers, der sich mit einigen weiteren Athleten dem Startverbot des westdeutschen Sportbundes widersetzt hatte.

Bankett mit „Täve“ Schur

Ulrike Harbig erinnert sich gern an die Harbig-Sportfeste. Ihre Mutter war dann als Ehrengast eingeladen, die Tochter durfte mit. „Das volle Stadion war immer ein Riesenerlebnis. Toll war aber auch, dass ich nicht in die Schule musste, meist war es auch die Zeit der Kartoffelernte, bei der wir helfen mussten. Da brauchte ich nicht mit“, erzählt sie.

1951 waren die Harbigs nach Berlin gezogen. Bei den Dresden-Besuchen während der Harbig-Sportfeste wohnten sie im inzwischen abgerissenen Hotel Astoria. „In der Fürstensuite“, wie Ulrike Harbig betont. „Das waren schöne Zeiten, ich habe sie genossen. Aber ich war noch jung und gehemmt, während dieser offiziellen Besuche nicht ich selbst.“ Bei Banketts durfte sie zweimal mit, erlebte DDR-Sportgrößen wie Skispringer Helmut Recknagel oder Radsport-Legende Täve Schur aus der Nähe. Anfangs war es schwierig für die Heranwachsende, mit der Fülle an Gläsern und Bestecken umzugehen. „Meine Mutter beruhigte mich. Ich sollte sie beobachten und alles genauso handhaben wie sie.“

Rudolf Harbig diente auch als Motiv für Briefmarken, Sonderdrucke und Ersttagsbriefe in Ost wie West. Ulrike Harbig zeigt die Stücke, einige Briefmarken hat sie verschenkt. Den Namen Rudolf Harbig tragen aber auch Straßen, Sporthallen, Schulen und später sogar ein ICE der Bundesbahn, Und es gibt einen ganzen Stapel mit Korrespondenzen. „Meine Mutter schrieb sich mit Brigaden, Einrichtungen, Lernaktiven, mit den Räten der Kreise wie Riesa, Meißen oder Zwickau – immer ging es um den Namen Harbig, an den erinnert wurde. Vieles habe ich erst jetzt gesichtet und schätze es nun mehr wert“, erzählt Ulrike Harbig und verweist auf eine lange Liste ihrer Mutter.

Kurioses auf der Namensliste

Und auch die Tochter hielt nach der Wende regen Kontakt zu Harbig-Namensträgern, besonders zu Schulen wie in Ribnitz-Damgarten oder auch Sportstätten, zum Beispiel im thüringischen Triptis, wo das Stadion den Harbig-Namen trägt. „Im Heimatmuseum dort kann man das einzige Ölbild von meinem Vater bewundern“, erzählt Ulrike Harbig, und sie weiß: „Wo der Name Rudolf Harbig fällt, weisen die Initiatoren auf die Tugenden hin, die von ihm überliefert worden sind. Dazu gehören respektvoller, korrekter Umgang miteinander, Disziplin, Ordnung und Sauberkeit.“

Auf der Namensliste steht auch der Jugendwerkhof „Rudolf Harbig“ auf Schloss Glücksburg in Thüringen, den es bis 1961 gab. Glücklich dürften die wenigsten Bewohner in diesem Straf- und Erziehungsheim in Römhild bei Hildburghausen gewesen sein. Ulrike Harbig findet dennoch einen Bezug. „Mein Vater muss als Kind ein Draufgänger gewesen sein“, sagt sie und erzählt: „Bei den damals üblichen Rangeleien der halbwüchsigen Kinder war er meist ein Anführer. Er wollte ja eigentlich auch Boxer werden. Dabei hatte er gar keine Boxerfigur und bekam schnell eine blutige Nase. Seine ältere Schwester hat sich geschämt, wenn der kleine Bruder mal wieder nachsitzen musste in ihrer Klasse. Er war wohl ein richtiger Lausbub. Jugendwerkhof und Harbig – das passt eigentlich nicht zusammen. Aber Disziplin und ein faires Kräftemessen ist dann schon sein Thema.“

Am 22. April 1951 wurde das Nationale Olympische Komitee der DDR gegründet, gut anderthalb Jahre nachdem in Bonn das westdeutsche NOK etabliert worden war. Gerda Harbig wurde vom ersten Präsidenten des NOK der DDR, Kurt Edel, als Chefsekretärin nach Berlin geholt und arbeitete dort bis zu ihrem frühen Tod 1962 in einem Gebäude neben dem Roten Rathaus. „Ich war sehr froh von Dresden nach Berlin zu ziehen. Mit den Kindern von Kurt Edel bin ich aufgewachsen. Nach den vielen Jahren haben wir heute noch Kontakt“, erzählt Ulrike Harbig. Ihre Mutter hätte beim NOK „viel Organisatorisches“ zu tun gehabt für die Vorbereitungen der damals gesamtdeutschen Mannschaften für die Olympischen Spiele 1956 und 1960. Zu den Sommerspielen in Rom 1960 durfte sie sogar mitfahren.

Ulrike Harbig, die Tochter von Weltrekordläufer Rudolf Harbig, öffnet ihr Privatarchiv in ihrer Wohnung in Gröditz.
Ulrike Harbig, die Tochter von Weltrekordläufer Rudolf Harbig, öffnet ihr Privatarchiv in ihrer Wohnung in Gröditz. © Ronald Bonß

Danach sei ihre Mutter sehr depressiv geworden, berichtet Ulrike Harbig und sagt nachdenklich: „Ich weiß nicht, was ihr Opfer war und was sie seelisch in sich reingefressen hat. Sie war nie in der Partei, kam oft heulend nach Hause. 1962 ist sie an einer Krebserkrankung gestorben, sie wurde nur 42 Jahre alt.“

Zu viele Schicksalsschläge für die Oma

In den Zeiten der offenen Grenzen in Berlin, der permanenten System-Konfrontation, der deutsch-deutschen Spannungen auch im Sportverkehr hatte Gerda Harbig dafür gesorgt, dass ihre Tochter von den politischen Scharmützeln ferngehalten wurde. Wie andere Kinder ihrer Klasse wollte Ulrike Harbig auch zu den Jungpionieren. Sie bettelte dafür bei der Mutter, die gab nach. Aber der Agitations-Einsatz in Westberlin wurde ihr verboten, wie auch eine Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Sport und Technik (GST), eine vormilitärische Massenorganisation der DDR. „Sie hat bestimmt viel durchgemacht mit mir. Sie spürte politischen Druck, sicher auch durch die Stasi. Ich will aber nicht durch die Akten wissen, was da alles los war“, sagt Ulrike Harbig rückblickend.

Drei Monate nach dem Tod von Gerda Harbig starb auch deren Mutter. „Das Herz wollte nicht mehr, es waren sicher zu viele Schicksalsschläge für die Oma“, erzählt Ulrike Harbig. Ihre Großmutter hatte in den 1920er-Jahren drei Kinder geboren und einige Fehlgeburten gehabt. Zwei Schwiegersöhne waren im Krieg geblieben, danach war ihr Mann an einer Krebserkrankung elend verhungert. Ende der 1940er-Jahre hatte sie zudem eine Tochter im Alter von 26 Jahren verloren.

Die Mutter von Rudolf Harbig erlebte indes noch den Niedergang der Harbig-Sportfeste. Zum letzten Mal gewann 1966 Manfred Matuschewski aus Erfurt den aus Kristall geschliffenen Wanderpokal, der bei einem Transport zu Bruch ging. Auch ein kleines Duplikat dieser gläsernen Trophäe, das Ulrike Harbig besaß, hat einen ihrer vielen Umzüge nicht überstanden.

Der Name am Stadion fehlte ohne es umzubenennen

Der zweifache Europameister Matuschewski siegte beim Länderkampf gegen die CSSR im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion, wo auch der jährliche Gedenklauf eingebettet war. Danach wurde Harbigs Name jedoch getilgt, obwohl es nie eine offizielle Umbenennung des Stadions gegeben hatte.

„Meine Harbig-Oma, die in der Hubertusstraße im Dresdner Norden wohnte, hat das natürlich mitbekommen“, erzählt Ulrike Harbig. „Ich empfand das als grausam. Ihr Sohn, den ihr der Krieg genommen hatte, der wurde doch die ganzen Jahre in der DDR und vor allem in Dresden immer in Ehren gehalten und von vielen Menschen in der ganzen Welt bewundert. Und plötzlich wurde er totgeschwiegen. Das war alles sehr, sehr schwierig für die alte Frau.“ So war in der ersten Auflage der „Kleinen Enzyklopädie Körperkultur und Sport“ aus dem Jahr 1960 noch Harbigs Biografie zu lesen, in der Auflage von 1979 fehlt der Name dann.

Der frühere Dresdner Sportfunktionär Werner Fritzsche hatte Anfang der 1990er-Jahre über die Gründe gesprochen, warum Rudolf Harbig zur Unperson geworden war. Bei den Harbig-Sportfesten seien nie sowjetische Sportler gestartet, erzählte er. Das fiel irgendwann auf, es wurde nachgefragt. „Über das staatliche Komitee für Sport hieß es, dass es prinzipielle Vorbehalte gegen die Dresdner Sportfeste von sowjetischer Seite gebe“, berichtete Fritzsche. „Harbig sei mit seinem Fallschirmjäger-Regiment an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen, obwohl gegen Rudi persönlich nie konkrete Anschuldigungen vorgebracht wurden.“ Fritzsche vermutete außerdem, dass „mit der Anerkennungswelle der DDR das Harbig-Sportfest nicht mehr gebraucht wurde. Die DDR-Sportführung ließ es sterben.“

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Und als Ulrike Harbig 1966 in den Westen geflohen war, verschwand der Name Harbig endgültig – nur nicht vom Stadion und im Dresdner Telefonbuch. Auch die Gedenk-Linde, die 1954 zum Harbig-Sportfest von den Frauen der Jenaer Motor-Zeiss-Staffel an Gerda Harbig übergeben worden war und die am Stadion Wurzeln geschlagen hatte, musste weichen. Eines Tages war sie weg, einfach abgeholzt. Die Erklärung: Angeblich brauchten Dynamos Fußballer neue Trainingsflächen.

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