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Die Geschichte von Dresdens einstigem Wunderläufer

Eine neue Serie: In Gröditz erzählen Erinnerungsstücke von der Zeit, als Rudolf Harbig der ganzen Welt davonlief. Zu Besuch bei seiner Tochter.

Ulrike Harbig hat ihren Vater Rudolf nie kennengelernt, seine Pokale und Trophäen wie den Handballer aber hält sie in Ehren. „Mein Lieblingsmann. Den habe ich schon mein ganzes Leben.“
Ulrike Harbig hat ihren Vater Rudolf nie kennengelernt, seine Pokale und Trophäen wie den Handballer aber hält sie in Ehren. „Mein Lieblingsmann. Den habe ich schon mein ganzes Leben.“ © Ronald Bonß

Dresden. Die Einladung kam überraschend. Ulrike Harbig sprach sie aus, die Tochter des einstigen Wunderläufers Rudolf Harbig. Sie wollte in ihrem Gröditzer Zuhause der Sächsischen Zeitung zeigen, welche Erinnerungsstücke ihres Vaters noch existieren. Es war nicht die erste Begegnung. Die hatte es vor 30 Jahren bei einem langen Telefon-Interview gegeben, als sie noch in Augsburg wohnte. Es war in die SZ-Serie „Wer war Rudolf Harbig?“ eingeflossen, die nach der Rückbenennung des Dynamo-Stadions 1990 veröffentlicht wurde.

Am Eingang ihres schmucken Einfamilienhauses am Gröditzer Stadtrand hält Ulrike Harbig die Tür weit auf. Seit 2011 wohnt die gebürtige Dresdnerin wieder in Sachsen. Sie ist zurück, ihr Lebenskreis hat sich damit geografisch nach einer weiten Reise durch die Welt mit Umwegen und Sackgassen geschlossen. Für den Besuch hatte sie die Erinnerungsstücke ihres Vaters im Haus zusammengesammelt. Auf einem großen Tisch liegt nun im geräumigen Wohnzimmer all das vereint, was nicht dem Krieg zum Opfer fiel oder nicht bei den zahlreichen Umzügen für immer verschwand: Pokale, Medaillen, Urkunden, Fotos, Zeitungsausschnitte, Bücher, Korrespondenzen, Alben.

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Es sind Zeugnisse einer unvollendeten Karriere mit grandiosen Momenten. Rudolf Harbig hatte 1939 in Mailand für eine sporthistorische Sternstunde gesorgt, als er den offiziellen Weltrekord über 800 Meter gleich um sagenhafte drei Sekunden verbesserte. Es gab zwar noch eine Retortenzeit aus den USA, für die mit freier Innenbahn und Handicap-Vorsprung der Mitläufer irreguläre Wettkampfbedingungen geherrscht hatten. Doch selbst die pulverisierte Harbig – und katapultierte die neue Topmarke auf damals unglaubliche 1:46,6 Minuten. Diese Zeit blieb scheinbar ewige 16 Jahre lang der globale Spitzenwert.

Harbigs Stoppuhr, inklusive Rundenzeiten-Funktion. Der Weltklasseläufer und sein Trainer waren ihrer Zeit voraus.
Harbigs Stoppuhr, inklusive Rundenzeiten-Funktion. Der Weltklasseläufer und sein Trainer waren ihrer Zeit voraus. © Ronald Bonß

Der langbeinige Sprinter und Läufer hielt als bisher einziger Mensch – und das gleich fünf Jahre lang – die Weltrekorde über 400 Meter (46,0 Sekunden), 800 Meter und 1.000 Meter (2:21,5 Minuten). Die Kilometer-Bestzeit war Harbig in Dresden gelaufen, auf der Ilgen-Kampfbahn, dem Standort des heutigen Harbig-Stadions. Doch der Karriere blieb die Krönung versagt. Bei den Olympischen Spielen in Berlin war er 1936 gesundheitlich angeschlagen, schied geschwächt im 800-Meter-Vorlauf aus, gewann aber zumindest mit der 4x400-Meter-Staffel die Bronzemedaille. Die Spiele 1940 in Tokio oder Helsinki verhinderten die Weltkriegs-Vorboten. So blieben die beiden EM-Titel von 1938 über 800 Meter und mit der 4x400-m-Staffel die einzigen internationalen Titel von Rang.

„Das ist alles, was ich noch von ihm habe“, sagt Ulrike Harbig. Sie zeigt auf die Erinnerungsstücke und fügt wehmütig klingend hinzu: „Es ist das Leben meines Vaters, den ich nie kennenlernen durfte.“ Und dennoch hat sie ein Bild von ihm, das sich aus Erzählungen, Geschichten, Anekdoten zusammensetzt. Sie zeigt auf ein Foto, das ihren Vater mit Vereinskamerad Helmut Schön zeigt. Der Fußballer war mit dem Dresdner SC 1943 und 1944 deutscher Meister geworden, 1974 führte er als Trainer die bundesdeutsche Auswahl zum Weltmeistertitel. Ein Foto, das die beiden Athleten in jungen Jahren zeigt. Selbstbewusst, locker, frisch, voller Lebensmut.

„Sie haben sich gegenseitig die Daumen gedrückt und geholfen“, erzählt Ulrike Harbig, die von vielen einstigen Sportfreunden und deren Kindern gehört hatte, dass es „ein besonderes Vereinsleben beim DSC gegeben haben muss. Da machte es keinen Unterschied, ob sie Leichtathleten, Fußballer, Turner oder Athleten aus anderen Sportarten waren. Viele erzählten mir in einer Lebendigkeit von dieser Zeit – das muss ein ganz enges Zusammengehörigkeitsgefühl gewesen sein.“ Der Weltrekordler übernahm sogar Trainingsstunden bei den DSC-Fußballern, um deren läuferische Kondition zu stärken.

Aus dem Stapel Fotos zieht Ulrike Harbig scheinbar zufällig eines heraus. „Hier ist mein Vater als Gasableser in Dresden unterwegs. Und er bekommt eine Zigarette angeboten“, beschreibt sie das Motiv. Eine demonstrative Bewegung ist zu sehen. Der ausgestreckte Arm, die zum Stoppsignal aufgestellte Handfläche signalisieren deutliche Ablehnung: „Ich doch nicht!“ Gesund habe der Läufer gelebt, sportgerecht, die Ernährung war dem Training angepasst, soviel man damals eben darüber wusste. „Er soll am liebsten Haferschleim mit Leinöl gegessen haben“, erzählt Ulrike Harbig eine der Anekdoten, die in der Familie kursieren. „Das war sein Doping. Es kamen ja wegen seinem enormen Leistungssprung immer mal wieder Mutmaßungen auf, ob er gedopt hätte. Das kann überhaupt nicht wahr sein. Fairness bei einem sportlichen Wettkampf – das war das oberste Gebot von meinem Vater! So wurde er von seinen Eltern erzogen, und das hatte auch mir meine Mutter beigebracht.“

Verliebt, verlobt, verheiratet

In der Familie wurden Alltags-Geschichten weitergegeben. „Mein Vater muss ein Kumpel gewesen sein, habe ich immer wieder gehört“, sagt die Harbig-Tochter. „Er soll viel von Kameradschaft gehalten haben. Da gab es stärkere, persönlichere Beziehungen als heute, wo die neue Technikwelt für eine völlig andere Kommunikation untereinander sorgt. Er muss in seinen Gruppen und Gemeinschaften anerkannt gewesen sein durch seine sehr offene Art. Einfallsreich und gesellig sei er gewesen, wurde erzählt.“

Zu Harbigs Geburts- und Jahrestagen meldeten sich früher immer mal wieder „ältere Herren“ bei der jungen Ulrike Harbig und erzählten ihr Geschichten von einst. „Die haben auch Blödsinn im Übermut gemacht auf ihren Reisen“, sagt lachend Ulrike Harbig, die sich nun auch schon als „ältere Dame“ bezeichnet. „Da wurde verraten, wie sie in Paris bei einer Wettkampfreise bei einem Spaziergang so lange mit den Daumen auf eine Kaufhaus-Glasscheibe gedrückt hätten, bis in den Auslagen was zusammenfiel. Sie hatten ihren Spaß dabei. Da gab es auch Ulk und Spieltrieb. Sie waren ja noch jung, es war die beste Zeit ihres Lebens.“

Am Dresdner Stadtbezirk Wilder Mann wuchs Rudolf Harbig in bescheidenen Verhältnissen in einem Hinterhaus auf. Der Vater war Heizer, nach der Heimkehr aus dem Ersten Weltkrieg arbeitslos, die Mutter brachte die Familie mit fünf Kindern durch die Rezession. „Es war eine Arbeiterfamilie“, sagt Ulrike Harbig, die gern mehr über ihre familiären Wurzeln wüsste. Als Berufssoldat bei der Reichswehr blieb Rudolf Harbig 1932 die Arbeitslosigkeit und das damit verbundene Elend erspart.

1933 lernte der Leichtathlet bei einem Fest des Dresdner Turnvereins Gerda Heidrich kennen, vier Jahre später waren sie verlobt, 1941 heirateten sie. Der Schwiegervater arbeitete als Sattlermeister, leitete einen Männerchor in Dresden. Die Schwiegermutter war bis zu ihrer Heirat Fachverkäuferin in einem großen Kaufhaus in der Nähe vom Dresdner Postplatz.

Durch den Sport hatte sich für Rudolf Harbig zudem eine neue Welt geöffnet. Ehrgeizig sei er gewesen, diszipliniert. Ulrike Harbig greift in ein Regal. „Hier ist seine Stoppuhr“, sagt sie und hält das filigrane Stück in der Hand. Das Glas fehlt, so wirkt die Uhr zart und zerbrechlich. „Er hatte sie beim Training dabei, nahm damit auch seine Rundenzeiten.“ Seinen Entdecker und Trainer Woldemar Gerschler soll Harbig respektvoll „mein Meister“ genannt haben. Die Unterschriften von beiden zeigt Ulrike Harbig in einem Buch über den Wunderläufer und den Weg dahin.

Eine Zigarette? Er doch nicht. Rudolf Harbig, hier unterwegs als Gasableser in Dresden, lebte gesund. Sein Lieblingsgericht: Haferschleim mit Leinöl.
Eine Zigarette? Er doch nicht. Rudolf Harbig, hier unterwegs als Gasableser in Dresden, lebte gesund. Sein Lieblingsgericht: Haferschleim mit Leinöl. © Ronald Bonß

Gerschler setzte neue Reize mit dem Intervalltraining und nutzte die Wintermonate intensiver zum Trainieren als damals üblich. Das funktionierte bei seinem feingliedrigen Läufer, der bei 1,74 Meter Körpergröße ein Wettkampfgewicht von 67, 68 Kilogramm hatte. Harbigs Laufstil mit langen Schritten galt als effektiv, leichtfüßig und locker. Ulrike Harbig zeigt ein großformatiges Bild des nackten Läufers im Berliner Olympiastadion und erklärt es: „Nackert musste er dort laufen. Dafür sperrten die Fotografen das ganze Olympiastadion! Sein athletischer Laufstil war nicht nur Vorbild für andere Sportler, sondern galt für die Berliner Kunststudenten als perfektes Modell eines ästhetischen Körpers.“

Eine kleine Sammlung von Länderkampf-Plaketten zeugt von den Reisen. „Durch seinen Sport ist er rumgekommen“, erzählt die Tochter und dass es fast alles Zugfahrten waren. „Er durfte nicht in Autos reisen, hatte es von seinem Trainer verboten bekommen, weil ihm dabei oft schlecht geworden war. Doch er soll manchmal getrickst haben und heimlich in einem Auto mit anderen mitgefahren sein, um ein paar Mark abzustauben.“

Im Winter oft heimlich Ski fahren im Erzgebirge

Überwältigt war Rudolf Harbig vom Empfang in Dresden nach seinem 800-Meter-Fabelweltrekord. Als der Schnellzug aus München eingetroffen war, wunderte er sich über die vielen Leute. Als ihm bewusst geworden war, dass sie ihn feiern wollten, traute er sich nicht auszusteigen „denn so ein ,Tamtam‘, wie er sich ausdrückte, liebte er nicht“, schrieb seine Ehefrau Gerda im Erinnerungsbuch „Unvergessener Rudolf Harbig“, dass im DDR-Verlag der Nation 1955 erschienen war. „Zu diesem Empfang waren viele Menschen gekommen, es sang sogar ein Bergsteigerchor“, erzählt Ulrike Harbig. „Man wollte meine Mutter deshalb nicht auf den Bahnsteig lassen. Aber sie drängelte sich vor mit den Worten: ,Ich bin die Verlobte.‘ Es war wohl das erste Mal, dass sie auch im Mittelpunkt stand.“

Es sei ab dieser Zeit für das junge Paar immer schwerer geworden, unerkannt zu bleiben. Im Winter waren sie oft heimlich Ski fahren im Erzgebirge. Niemand durfte das wissen, auch hier hatte der Trainer aufgepasst, dass sich Harbig keiner Verletzungsgefahr aussetze. Fast beiläufig fügt sie hinzu: „Nach dem Krieg hatte meine Mutter kein gutes Verhältnis mehr zu Gerschler, der nach Westdeutschland gegangen war.“ Die Gründe dafür kennt sie nicht.

Eine Statue ist Ulrike Harbigs Lieblingsstück in ihrer Trophäen-Sammlung des Vaters. Der nackte Handballer auf einem hohen Sockel hatte sie schon als Kind fasziniert. „Ich habe ihm sogar ein kleines Höschen genäht, das ich ihm überstreifte. Ich wollte, dass er nicht so nackt dasteht“, erzählt sie, sieht lächelnd den Pokal an und fügt hinzu: „Mein Lieblingsmann. Den habe ich schon mein ganzes Leben.“ Dann liest sie die Inschrift auf dem Sockel vor: „Dem Olympiasieger vom Dresdner Oberbürgermeister.“ Ein Versehen oder hoffnungsvoller Vorgriff auf die Spiele 1940, die es nie gab?

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Mit vier Weltrekorden wird Rudolf Harbig in den Statistiken des Leichtathletik-Weltverbandes geführt. Eine oft als fünfte Rekordmarke gelistete Zeit über 500 Meter vom 18. Juni 1939 in Erfurt fehlt. Harbigs 1:01,7 Minuten über den halben Kilometer lagen zwei Zehntelsekunden über der Marke des US-Amerikaners Ray Mallot von 1938. Den letzten Weltrekord stellte Harbig mit einer deutschen Staffel über 4x800 Meter auf – am 23. August 1941 in Braunschweig. Da tobte der 2. Weltkrieg bereits zwei Monate an der Ostfront, wo im März 1944 auch Rudolf Harbig ums Leben kam.

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