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"Sein Name ist immer noch präsent"

In der DDR totgeschwiegen, jetzt wieder in aller Munde: Die Wende beschert auch dem Erbe Rudolf Harbigs einen Neubeginn. Der letzte Teil unserer Serie.

Nicht etwa Dynamo-Stadion heißt die Spielstätte von Dresdens besten Fußballern. Die Fans haben sich vor zwei Jahren in einer Umfrage für Rudolf-Harbig-Stadion entschieden.
Nicht etwa Dynamo-Stadion heißt die Spielstätte von Dresdens besten Fußballern. Die Fans haben sich vor zwei Jahren in einer Umfrage für Rudolf-Harbig-Stadion entschieden. © Robert Michael

Ein Hauch von Afrika ist am Stadtrand von Gröditz zu spüren. Ulrike Harbig und ihr bayerischer Ehemann haben eine kleine Sammlung afrikanischer Kleinkunst im Haus. Masken, Gemälde und Töpferarbeiten sind im großen Wohnzimmer verteilt. Exotische Pflanzen überraschen mit mächtigen Blättern sowie orangefarbenen und roten Blüten. Es sind die Farben der Tochter von Rudolf Harbig, die zum Besuch eingeladen hat. Sie möchte zeigen, was vom einstigen Dresdner Wunderläufer der 1930er- und 1940er-Jahre an Zeitzeugnissen noch vorhanden ist. Und sie erzählt seine Geschichte, die längst auch ihre geworden ist.

Eine deutsche Jahrhundertgeschichte mit Spuren, die eben auch bis nach Afrika führen. Sie habe den halben Kontinent bereist, sagt Ulrike Harbig lächelnd. Afrika habe es ihr angetan. Kurz nach ihrer Verbeamtung in den 1970er-Jahren tauschte sie ihre Schule in Odelzhausen bei München mit einer Herausforderung in Nigeria. In Kaduna im Norden des Landes baute sie eine Firmenschule für die Dornier-Reparaturwerft mit auf, die sie leitete. 

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Den Vater nie kennengelernt

„Die Arbeit mit den Schülern war sehr vielseitig und hat mich sehr erfüllt. Ich hing an den Kindern, als ob es meine eigenen wären“, erzählt Ulrike Harbig. Fast zehn Jahre arbeitete sie dort und erlebte eine intensive Zeit. Am Schuljahresende gab es große Feste und Theateraufführungen, bei denen Ulrike Harbig an ihre künstlerische Ausbildung in Prag anknüpfen konnte.

In ihrem Haus in Gröditz sammelt Ulrike Harbig die Andenken an ihren Vater, den sie zwar nie kennengelernt hat, dessen Erbe die Tochter aber bewahren will.
In ihrem Haus in Gröditz sammelt Ulrike Harbig die Andenken an ihren Vater, den sie zwar nie kennengelernt hat, dessen Erbe die Tochter aber bewahren will. © Ronald Bonß

Später baute sie mit ihrem zweiten Ehemann eine Ferienanlage in Kenia auf. Das Projekt an der Südküste von Mombasa zog Touristen an, begann, wirtschaftlich zu werden. „Aber privat ging es vor der Jahrtausendwende den Bach runter“, beschreibt Ulrike Harbig die große Enttäuschung. „Es kam anders als gedacht – wie vieles in meinem Leben.“ Ihr Mann hatte sich neu orientiert. Es kam zur Scheidung. „Afrikanische Frauen können sehr reizvoll sein“, umschreibt sie den Konflikt vieldeutig, will aber nicht im Groll zurückschauen. „Afrika war eine große und interessante Erfahrung. Der Kontinent hat mein Leben verändert“, betont sie.

Dennoch hinterließ der Beziehungsstress bei ihr Spuren. Aus gesundheitlichen Gründen wurde Ulrike Harbig vorzeitig pensioniert. Der Körper signalisierte ihr: Schluss mit Afrika. „Heimweh habe ich eigentlich nie gekannt. Dazu lebte ich an zu vielen Orten: Dresden, Berlin, Prag, München, Afrika, Augsburg, Gröditz. Verwandte, Schulkameraden oder Studienfreunde waren nie in meiner Nähe. Die politischen Grenzen erlaubten das nicht. Und durch mein Leben voller Unrast hatte ich auch nirgendwo richtig Fuß gefasst. Wirkliche Wurzeln habe ich deshalb nicht“, erzählt die gebürtige Dresdnerin, die ihren 1944 im Zweiten Weltkrieg gefallenen Vater nie kennenlernte.

Ulrike Harbig haderte mit Dresden

Nur einmal erlebt sie ein Heimatgefühl – und das besonders intensiv. Als es mal wieder nach zwei Jahren Daueraufenthalt in Afrika zurück nach Deutschland ging, freute sie sich schon im Flugzeug enorm auf alle Freunde. „Als ich beim Landeanflug auf München auf das Land blickte, auf die Berge, auf die kleinen Felder und winzigen Orte, da brach ein Schluchzer aus mir heraus“, erzählt Ulrike Harbig mit brüchig werdender Stimme. „Ich habe innerlich richtig gebebt und wusste nicht, was mit mir los ist. Da wurde mir so richtig bewusst, wie lange ich nicht zu Hause war. Ich hatte wohl doch manches ziemlich stark vermisst.“

Wie das Erbe ihres Vaters in der DDR totgeschwiegen worden war, bemerkte Ulrike Harbig auch in der Ferne. „Ich habe im Westen immer mal wieder was erfahren, hatte aber meine Sorgen oder war nicht oft im Land. Und dann waren die Wegbegleiter meines Vaters ja schon sehr alt geworden oder weggestorben. Doch viele riefen bis zuletzt eisern zu seinem Geburtstag an und erzählten ihre Geschichten“, berichtet sie vom Umgang mit ihrer Familiengeschichte vor der Wende.

In ihrem Privatarchiv hat Ulrike Harbig dutzende Erinnerungen an ihren berühmten Vater.
In ihrem Privatarchiv hat Ulrike Harbig dutzende Erinnerungen an ihren berühmten Vater. © Ronald Bonß

Wohlwollend hat Ulrike Harbig indes registriert, was in Dresden dann 1990 bei einem Benefizspiel passiert ist. Vor ausverkauften Rängen taufte Entertainer Gunther Emmerlich hoch zu Ross die Spielstätte zurück auf Rudolf-Harbig-Stadion. Zur Eröffnung des Neubaus 2009 stand die Tochter dann auch mit auf dem Rasen.

Ein Jahr später wechselten die Namensrechte auf Glücksgas- und 2014 zu DDV-Stadion, bis 2018 Konsum und Drewag den Weg für eine Mitgliederbefragung frei machten. 29.512 Fans stimmten ab – die Mehrheit von 54,33 Prozent entschied sich wieder für den Namen Rudolf Harbig. „Das ist eine besondere Wertschätzung. Ich hätte nicht gedacht, dass die Mehrheit für den Namen meines Vaters stimmt. Es ist ein gutes Gefühl, dass die Fans die Entscheidung getroffen haben“, sagt Ulrike Harbig dankbar. Und sie stellt fest, dass sich das Stadion mittlerweile über die Fußballspiele von Dynamo Dresden hinaus einen Namen gemacht hat – mit Konzerten, der Team Challenge und dem Weihnachtssingen.

Mit der Stadt Dresden hat Ulrike Harbig indes lange gehadert, weil es offenbar Berührungsängste um das Erbe ihres Vaters gab. Eine Präsentation oder sogar die Übernahme von Harbigs noch existierenden Trophäen kam nie zustande, obwohl für eine Ausstellung zum Mythos Dresden eine Museumsmitarbeiterin sogar Ulrike Harbig in ihrem damaligen Wohnort Augsburg besuchte und schon verschiedene Exponate ausgewählt hatte. „Doch plötzlich gab es kein Interesse mehr. Eine geplante Harbig-Ecke im Museum wurde gestrichen. Jetzt bin ich froh, dass die Stücke noch bei mir sind und nicht in irgendeinem Archiv-Keller für immer verschwanden“, sagt sie.

Bitter stieß der Harbig-Tochter auch die Vergabe des Rudolf-Harbig-Gedächtnispreises auf, der seit 1950 bei den deutschen Leichtathletik-Meisterschaften als Wanderpreis an einen verdienten Sportler vergeben wird, der zudem als Vorbild der Jugend gelten soll. „Als ich noch in Augsburg wohnte, gab es nicht weit weg in Ulm 2006 die Meisterschaften mit der dazugehörigen Preisverleihung“, erzählt sie. Nur eingeladen wurde sie dazu nicht. „Aber in Bayern habe ich gelernt, das nicht einfach hinzunehmen. Man rührt sich in solchen Fällen. Bei den nächsten Meisterschaften in Ulm, 2009, bekam ich eine Einladung – die ich natürlich gern angenommen habe!“

Rudolf Harbig war schon früh Gegenstand von Literatur - hier mit persönlicher Widmung.
Rudolf Harbig war schon früh Gegenstand von Literatur - hier mit persönlicher Widmung. © Ronald Bonß

Was sie dort erlebte, ernüchterte allerdings noch mehr. Nach ihrer Wahrnehmung wurde die Pokal-Übergabe zwischendurch ohne große Ansage gemacht, irgendwie unwürdig, wie sie findet. „Ich habe mich nicht ins Blitzlichtgewitter gedrängt. Das liegt mir nicht“, sagt Ulrike Harbig und lässt durchblicken, dass sie den Preis auch gern übergeben hätte. „Inzwischen ist alles ruhiger geworden. Die Zeiten ändern sich.“ Und sie meint damit wohl auch, dass sie zu größerer innerer Ruhe gefunden hat. 2011 ist sie nach Sachsen zurückgekehrt und wohnt jetzt in Gröditz.

Heute noch Fanpost

Zum 100. Geburtstag von Rudolf Harbig am 8. November 2013 hat sie zudem ihren Frieden mit Dresden gemacht. Seitdem gibt es den Rudolf-Harbig-Weg direkt am Heinz-Steyer-Stadion. Ob es der passende Ort ist, bezweifelte Ulrike Harbig anfangs. Und doch hat der Weg eine Symbolkraft: Er liegt an einstigen Trainingskursen des Läufers, der fünf Weltrekorde aufstellte. Heute sind dort Hobbyläufer und Freizeitradler im Fitness-Modus unterwegs, die DSC-Leichtathleten sowieso.

Ulrike Harbig staunte bei der Namensweihe, „wie junge Journalisten an meinen Lippen hingen“, erinnert sie sich. „Da war manche Geschichte, die ich erzählt habe, offenbar neu für sie. Das war ein eigenartiges Gefühl. Auch deshalb fand ich es gut von der Stadt, dass ich dazu eingeladen worden war. Ich freue mich jedes Mal, wenn ich was für meinen Vater tun kann, um die Erinnerung an ihn zu bewahren. Sein Name ist nicht vergessen. Sein Name ist immer noch präsent!“ Das, betont sie, beweisen ihr auch viele Zuschriften und Telefonanrufe, die sie immer noch von Bewunderern des großen Läufers bekommt.

Eine Zigarette? Er doch nicht. Rudolf Harbig, hier unterwegs als Gasableser in Dresden, lebte gesund. Sein Lieblingsgericht: Haferschleim mit Leinöl.
Eine Zigarette? Er doch nicht. Rudolf Harbig, hier unterwegs als Gasableser in Dresden, lebte gesund. Sein Lieblingsgericht: Haferschleim mit Leinöl. © Ronald Bonß

Dabei ist ihr sehr wohl bewusst, dass der Sport von heute nicht mehr der ist, den Rudolf Harbig betrieben hat: „Das ist Geschichte, die ist abgeschlossen. Man kann sich heute kaum vorstellen, dass es eine Zeit gab, in der Leistungssport getrieben wurde, weil man einfach Freude daran hatte und nicht unbedingt deshalb, um den Lebensunterhalt damit verdienen zu können.“ Und dann beklagt die Pädagogin: „Selbst der Schulsport wird ja heute nicht mehr richtig gefördert. Das habe ich schon in meinem Berufsleben gespürt. Wenn es im Stundenplan zu Ausfällen kam, dann zuerst beim Sportunterricht.“

Entspannt lehnt sich Ulrike Harbig in ihrer Sitzgarnitur zurück, über ihr eines ihrer selbstgemalten Ölbilder. Es zeigt den fernen Saturn im Großformat. Sie mag das Mystische. Viel Zeit verbringt sie inzwischen mit astrologischer Lebensberatung. „Ich bin durch mein turbulentes Leben dazu gekommen, habe mich viele Jahre in Schulungen und Seminaren weitergebildet, das zum Abschluss gebracht“, erklärt sie ihre späte Berufung, die ihr bei der Suche nach Erklärungen für ihre eigene Geschichte hilft. 

Die Familiengeschichte zu Papier bringen?

„Ich hatte viel Stress, habe Enttäuschungen und schwere Zeiten durchgemacht. Aber es gab immer wieder auch wunderbare Höhepunkte, die mich mit allen Widrigkeiten versöhnen konnten. Den optimistischen Blick und ein gutes Durchhaltevermögen habe ich von meinem Vater geerbt, der seine sportlichen Rückschläge gut wegstecken konnte.“

Im Februar war sie mit einer Dresdner Cousine und deren Mann vier Wochen im Urlaub in der Türkei, kurz vor der Corona-Krise. „Da haben wir Glück, dass wir ohne Probleme nach Dresden gekommen sind! Es gibt eben immer wieder Neues, auf was man sich nicht vorbereiten kann. Aber eine Lösung gibt es immer“, sagt sie.

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Manchmal überlegt Ulrike Harbig, ob sie ihre Familiengeschichte zu Papier bringen soll mit den vielen Kapiteln, den kleinen und großen Kurzgeschichten ihres Lebens. Es wäre ein Jahrhundert-Epos voller Aufblühen und Verglühen, Sternstunden und Katastrophen, Leben und Leiden, Freiheiten und Zwängen – immer wieder neue Um-, Aus- und Aufbrüche. Das Menschliche würde sich dabei mit dem Politischen zu sehr viel Persönlichem vermengen. Und das ist es wohl auch, was den besonderen Klang des Namens Harbig ausmacht.

Das ist der letzte Teil unserer Rudolf-Harbig-Serie. Bisher erschienen sind: 

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