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Verspielt Deutschland den Corona-Vorsprung?

Wilde Partys, fehlende Masken, kaum Kontrollen von Reiserückkehrern: Droht nun eine zweite Corona-Welle?

Ein Rettungsassistent der Berufsfeuerwehr Halle sitzt in einer Corona-Teststation für Urlaubsrückkehrer am Flughafen Leipzig/Halle. An der Station im Ankunftsbereich können sich ausschließlich Bewohner der Stadt Halle auf das Coronavirus testen lassen
Ein Rettungsassistent der Berufsfeuerwehr Halle sitzt in einer Corona-Teststation für Urlaubsrückkehrer am Flughafen Leipzig/Halle. An der Station im Ankunftsbereich können sich ausschließlich Bewohner der Stadt Halle auf das Coronavirus testen lassen © Jan Woitas/dpa

Von Maria Fiedler, Felix Hackenbruch, Hannes Heine und Claudia von Salzen 

Die Warnsignale sind deutlich: Tausende Menschen, die in der Berliner Hasenheide ausgelassen feiern. Urlauber, die im Ausland Corona-Regeln ignorieren oder unkontrolliert aus Risikogebieten zurückkehren. Betriebe, die die Hygienevorschriften nicht beachten. Zu selten Masken in Bus und Bahnen. Und: neue Hotspots, in Bayern aber auch in Berlin-Lichtenberg. 

Während andere Länder noch nicht einmal die erste Corona-Welle überstanden haben, konnte man sich in Deutschland in den vergangenen Wochen über niedrige Infiziertenzahlen freuen. Doch jetzt steigt die Zahl der Neuinfektionen auch hierzulande wieder an. Der Grund dafür: Corona-Leichtsinn. Drohen die Deutschen ihre hart erkämpften Erfolge bei der Corona-Bekämpfung zu verspielen?

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Was sagen die Corona-Zahlen aus?

Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Dienstag bundesweit 633 Neuinfektionen. In den Tagen davor waren die Zahlen deutlich höher: 815 neue Fälle am Freitag, am Sonnabend weitere 781. Das RKI ist alarmiert. „Die Zahl der täglich neu übermittelten Fälle war in den letzten Tagen bereits angestiegen“, hieß es dazu. Diese Entwicklung sei sehr beunruhigend. Eine weitere Verschärfung der Situation müsse unbedingt vermieden werden.

Wo liegen derzeit die größten Risikofaktoren?

Den großen Aufschrei gab es am vergangenen Wochenende: In der Hasenheide in Berlin-Neukölln waren bis zu 3.000 Personen zum Feiern zusammengekommen. Das ist aber nicht allein ein Berliner Phänomen: Auch im bayerischen Regensburg etwa musste die Polizei mehrfach bei Partys im Freien einschreiten.

Unvergessen sind zudem die Bilder vom Ballermann auf Mallorca – feiernde Touristen ohne Maske und ohne Abstand. Mittlerweile gibt es Coronavirus-Hotspots in verschiedenen beliebten Urlaubsregionen wie im österreichischen St. Wolfgang. Auch Spanien und Frankreich verzeichnen steigende Zahlen von Infizierten. In Spanien ist besonders die Region Katalonien betroffen. Viele Urlauber halten Abstands- und Hygieneregeln nicht ein – und könnten das Virus mit nach Deutschland bringen.

Eine besonders große Gefahr geht von Personen aus, die in Risikogebiete wie die Türkei reisen, sich aber nach ihrer Rückkehr weder testen lassen noch in Quarantäne begeben. Dazu kommen in Deutschland zahlreiche Verstöße gegen die Hygieneregeln etwa in der Gastronomie – viele nehmen nicht die Daten ihrer Gäste auf.

Was sind die Ursachen für den Leichtsinn?

Für den Leichtsinn sind mehrere Faktoren verantwortlich. Der wohl wichtigste: Die Angst hat deutlich abgenommen, ein Gewöhnungseffekt hat eingesetzt. Anfangs wussten die Menschen kaum, was sie in der Pandemie eigentlich erwartet. Jetzt ist Corona mehr zu einem ständigen Begleiter geworden. Das lässt die Vorsicht sinken. Dass es vor allem im Urlaub zu leichtsinnigem Verhalten kommt, erklärt etwa der Psychologe Stephan Grünewald bei Focus Online damit, dass viele Menschen das ganze Jahr mit Disziplin bestreiten, im Urlaub aber dieser Enge entfliehen und die Zeit unbeschwert genießen wollten. 

Gerade die Jugend wolle im Urlaub einen draufmachen. Sie sei in den vergangenen Monaten quasi in den Vorruhestand geschickt worden. Alkohol setze das Kontrollvermögen zusätzlich herab. Sozialpsychologen sagen auch, dass sich die Menschen nach Monaten der sozialen Fastenzeit wieder nach Nähe und Gemeinschaft sehnen. Der Verzicht darauf fällt zunehmend schwer, was zu leichtsinnigerem Verhalten führt – selbst wenn die Motivation noch da ist. Zudem ist bei vielen der Eindruck entstanden, dass das Schlimmste überstanden ist.

Hat die Politik angesichts der Urlaubszeit zu spät reagiert?

Bereits seit Ende Juni sind in einigen Bundesländern Sommerferien. Erst in der vergangenen Woche aber beschlossen Gesundheitsminister der Länder, dass es an Flughäfen kostenfreie Tests für Reiserückkehrer aus Risikogebieten geben soll. In Berlin ist die Einrichtung von Teststellen an beiden Flughäfen für Mittwoch geplant. Bislang galt: Wer keinen aktuellen negativen Test vorweisen kann und aus einem Risikogebiet kommt, muss sich in eine zweiwöchige Quarantäne begeben.

In den vergangenen Tagen wurde allerdings auch verstärkt über eine Testpflicht diskutiert. Am Montagabend reagierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU): Reiserückkehrer aus Corona-Risikogebieten sollen sich künftig auf das Virus testen lassen müssen. Spahn kündigte an, er werde „eine Testpflicht für Einreisende aus Risikogebieten anordnen“. Als Hindernis dafür gelten aber hohe rechtliche Hürden. Das Infektionsschutzgesetz, Grundlage der meisten Corona-Maßnahmen, macht zwar den Weg für Schulschließungen oder Ausgangsbeschränkungen frei. 

Vorgaben für zwingende Tests enthält es aber nicht. In Paragraf 29 des Gesetzes heißt es lediglich, dass Kranke oder Ansteckungsverdächtige einer Beobachtung unterworfen werden können. Diese Personen müssen die erforderlichen Untersuchungen durch die Beauftragten des Gesundheitsamtes dulden. Falls eine gesetzliche Neuregelung notwendig wäre, hätte diese einen entscheidenden Haken: Sie würde einige Zeit in Anspruch nehmen.

Wie gut sind die Schulen auf einen Regelbetrieb vorbereitet?

Eine weitere Sorge ist die Rückkehr in den regulären Schulbetrieb nach den Ferien. Die Abstandsregel wird dafür aufgehoben. Doch am Wochenende schlugen Deutschlands Lehrer Alarm. Die Schulen seien „weder auf den Normalbetrieb noch auf den Fernunterricht gut vorbereitet“, warnte der Präsident des Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger. Die von den Ländern erarbeiteten Hygienepläne hält er zumindest in Teilen für nicht umsetzbar. Aus der Berliner Bildungsverwaltung heißt es dazu, der vorliegende Musterhygieneplan für die Schulen werde „weiter aktualisiert und präzisiert“, nicht nur was das Singen im Musikunterricht angehe.

Doch die Herausforderungen für Schulleitungen und Lehrkräfte werden zum Schulbeginn nach den Ferien ungleich größer sein als vor der sechswöchigen Sommerpause. Damals waren nur kleine Lerngruppen in einem Raum, die aus der Hälfte oder einem Drittel einer regulären Schulklasse bestanden. Für den Fall deutlich steigender Infektionszahlen planen die Bundesländer eine Rückkehr zu einer Kombination aus Präsenz- und Fernunterricht. (tsp)

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