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Ruf nach Kohl ertönte schon im Februar ’89

Zwei Exprinzen erinnern sich an Höhepunkte der vergangenen 60 Jahre.

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Von Karin Grießbach

Geburtstag sollte man zwar nicht vorzeitig feiern, weil das angeblich Unglück bringt. Dass die Mitglieder des Ski- und Eisfaschings Geising es trotzdem taten, hatte einen guten Grund. „Jetzt in der Faschingszeit, dem eigentlichen Geburtstag, haben unsere Freunde von anderen Faschingsvereinen mit ihren eigenen Veranstaltungen alle Hände voll zu tun“, begründet Walter Luft (65), warum die Feier zur 60. Wiederkehr der ersten Faschingsfeier schon im November 2007 stattfand. Dazu hatten die Geisinger alle früheren Prinzen eingeladen und eine Ausstellung zur Faschingsgeschichte vorbereitet.

Dazu trug Luft mit anderen Karnevalisten unzählige Zeitzeugen aus sechs Jahrzehnten Karneval zusammen. Die Bilder, Kostüme und Requisiten dokumentieren den Einfallsreichtum der Geisinger Narren. „Dass der Rheinländer Jo Hammer bei der Suche nach Angehörigen gerade bei uns hängen geblieben ist, war für Geising ein wirklicher Glücksfall“, sagt Luft und erzählt weiter, wie alles begann. Auf einer improvisierten Naturfreilichtbühne spielte eine von Joachim „Jo“ Hammer gegründete Theatergruppe Ende der 40er Jahre im Sommer volkstümliche Stücke. Da die Truppe im Winter nicht auftreten konnte, kam Hammer auf die Idee, eine karnevalistische Tanzveranstaltung, wie er sie aus seiner Heimat kannte, zu organisieren. Diese fand am 4. Februar 1948 im Saal des Hotels „Stadt Dresden“, dem heutigen Sparkassengebäude, statt und gilt als Geburtsstunde des Geisinger Faschings.

Der befasste sich immer wieder mit aktuellen Themen. Anfang der 60er Jahre sorgte beispielsweise die Raumfahrt für Gesprächsstoff. Im Faschingsumzug fuhr seinerzeit ein raketenähnliches Gefährt mit folgender Beschreibung mit: „Ohne Diesel, ohne Strom – zur Kohlhaukuppe mit Atom“.

Mit ihren witzigen Anspielungen auf politische und wirtschaftliche Missstände machten sich die Geisinger zu DDR-Zeiten nicht nur Freunde. „Wir mussten alle Programme vorher beim Rat des Kreises einreichen“, erzählt Heinz Mende (77), der 1957 das Zepter im närrischen Königreich führte.

Trotz Zensur konnten die Verantwortlichen nicht verhindern, dass die Karnevalisten geschickt, aber unmissverständlich, bissige Kritik an den bestehenden Verhältnissen übten. Dass sich die lautstarke Forderung des Publikums „Wir wollen Kohl“ bei einer Prunksitzung im Februar 1989 noch im gleichen Jahr erfüllen würde, hätten sich die Narren allerdings nicht träumen lassen. Damals hatte sich eine Bühnengruppe als Hasen verkleidet und eben jenen Text aufgesagt – das Publikum stimmte ein.

Mit der Wende fiel zwar das interessante Versteckspiel weg. Ausverkaufte Prunksitzungen und Tausende Besucher beim Festumzug beweisen, dass die Geisinger auch heute noch ihr Publikum finden.