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Ruhig Blut

Die Rückrufaktion von Blutdrucksenkern ist für Ärzte, Apotheken und Patienten im Landkreis Görlitz eine Herausforderung.

© Claudia Hübschmann

Von Anja Beutler

Dass Alfred Simm auf Herz und Blutdruck ein waches Auge haben muss, ist kein Geheimnis. Der agile Chef der Ostsächsischen Eisenbahnfreunde hat durchaus gesundheitliche Tiefen erlebt, ist inzwischen aber – auch dank neuer Herzklappe – wieder fit. Dafür muss er aber jeden Morgen mehrere Tabletten schlucken. „Die Sache mit dem Rückruf der Blutdruckmedikamente habe ich mitbekommen, aber mir hat noch niemand gesagt, ich müsse ein neues Präparat nehmen“, sagt er.

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Möglicherweise sagt dem Löbauer das so schnell auch keiner ohne eigene Nachfrage, denn derzeit ist die Situation durchaus chaotisch. Seit einigen Tagen ist die Meldung über die Rückrufaktion mehrerer Medikamente mit dem Wirkstoff Valsartan öffentlich. Dabei ist der Wirkstoff an sich eigentlich gar nicht das Problem. Valsartan wird von vielen Herstellern weltweit produziert. Bei einem chinesischen Lieferanten ist nun bei den Kontrollen durch deutsche Behörden aufgefallen, dass es durch Verunreinigungen möglicherweise ein erhöhtes Krebsrisiko geben könnte. Aus reiner Vorsicht ziehen deshalb alle Pharmafirmen ihre Präparate zurück, die den Wirkstoff von diesem chinesischen Hersteller erhalten haben.

Verunsichert durch erste Meldungen und bewaffnet mit Zeitungsartikeln sind in den vergangenen Tagen nun mehrfach Patienten bei der Rosenbacher Allgemeinmedizinerin Andrea Höhne vorstellig geworden. Ärgerlich dabei war, dass es bis jetzt keine Information an die Ärzteschaft gegeben habe, betont Frau Höhne. Die nötigen Informationen musste sie selbst recherchieren, weil es keines der sonst üblichen, fachlich fundierten Aufklärungsschreiben gab. Inzwischen versucht sie, gemeinsam mit den Apotheken in ihrer Umgebung zu klären, welche Alternativmedikamente sie denn überhaupt den betroffenen Patienten verschreiben kann – denn sie müssen ja am Ende auch vorrätig und zu beschaffen sein.

Das ist auch bei den Apotheken derzeit ein wichtiges Thema, denn die Rückrufaktion ist schon etwas Besonderes – allein wegen der großen Zahl an Betroffenen. Für den Löbauer Apotheker Wieland Schäfer sind Rückrufe von Medikamenten zwar nichts Seltenes. Aber in dieser Größenordnung sei die Lage schon außergewöhnlich. „Und es betrifft Patienten jeglichen Alters – vom 35 Jährigen bis ins hohe Alter“, betont Schäfer. 17 Präparate verschiedener Hersteller stehen derzeit auf der Liste, die von der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker gepflegt wird. Auch in der Alten Apotheke in Löbau kommen immer wieder verunsicherte Kunden, die wissen wollen, ob sie betroffen sind. „Das können wir ihnen sagen, tauschen können wir die Medikamente aber von uns aus nicht, da ist der Gang zum Arzt unerlässlich“, betont Wieland Schäfer. Noch eines betont er – und spricht damit für viele Kollegen, aber auch Ärzte und Krankenkassen: „Keinesfalls sollten Patienten die Medikamente einfach so absetzen, aus Angst vor einem möglicherweise höheren Krebsrisiko“, sagt er. Denn die Unterbrechung der Dauerbehandlung berge ungleich größere Risiken.

Wenn die Patienten aber beim Arzt gewesen sind und tatsächlich auf ein anderes Produkt umsteigen, wollen Manuela Maurer und ihre Kollegen von der Zittauer Stadtapotheke gewappnet sein. „Wir haben jetzt noch einmal Alternativpräparate geordert“, bestätigt sie. Zwar habe sie noch nicht von Engpässen in der Region gehört, aber absehbar sei ein solcher Fall durchaus. Schließlich könnten die anderen Hersteller die Lücke kaum so rasch schließen.

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Auch Fragen der Zuzahlung kommen möglicherweise auf die Betroffenen zu. Zum einen kann es sein, dass ein Patient nicht mehr Tabletten der Hersteller nutzen kann, mit denen seine Kasse Rabattverträge abgeschlossen hat. Zum anderen kann sich auch die Zuzahlungssumme zum Rezept ändern, denn die ist bei jedem Medikament verschieden. Erst am vergangenen Wochenende haben sich mehrere Kassen darauf verständigt, Patienten entgegenzukommen. Auch die Barmer-GEK wird dies im Fall Valsartan tun, bestätigt die Pressesprecherin für Sachsen, Claudia Szymula. Bei Nachfragen oder Problemen sollten sich Patienten aber auf jeden Fall direkt an ihre Kasse wenden und „den Kassenbon aufheben, damit eventuell Beträge erstattet werden können“, sagt sie. Auch Alfred Simm wird sich seine Pillenpackungen genauer anschauen und ruhig Blut bewahren – auch wenn er mitten in der Organisation der Veranstaltung „Historik mobil“ steckt.