merken
PLUS

Rundumleuchte und Wursthenkel auf dem Markt

Die ersten Anlaufschwierigkeiten sind überwunden, der Bau geht aber nur langsam voran. Täglich tauchen Überraschungen auf.

Von Mario Heinke

Der Platz ist knapp. Darüber sind sich Hartmut Becker vom Baureferat der Stadt und Bauleiter Thomas Joachimsky vom Planungsbüro AIZ einig. Schon deshalb ist die Baustelle auf dem Markt eine besondere Herausforderung. In erster Linie für die Osteg, den Baubetrieb. Sie lagert hier riesige Abwasserrohre, Bauzäune, Straßenpflaster, einen Bauwagen, einen Container und eine Toi-Toi-Hütte. Dazwischen kurven drei Bagger sowie ein Lkw herum. Von Baufreiheit kann hier keine Rede sein. Nach der ersten Woche zeigt sich, dass die Anwesenheit der Archäologen den Tatendrang der Bauarbeiter gehörig ausbremst. Nach dem Fund einer historischen Holzwasserleitung in der vergangenen Woche sind nur einige Scherben und Knochensplitter hinzugekommen. Die Archäologie ist auch in der wöchentlichen Bauberatung am Dienstag in der Touristinformation das Hauptthema. 13 Männer drängen sich im kleinen Beratungsraum. Osteg-Bauleiter Schulze hat eine Kanne Kaffee mitgebracht, um eine positive Atmosphäre zu schaffen. Archäologe Karsten Lehmann hat eine kleine Tüte dabei. Der Inhalt: Ein geschlitzter Wursthenkel von einer Bügelkanne aus dem Hochmittelalter zwischen 1150 und 1220. Die Bezeichnung Wursthenkel bezieht sich wohl auf die Form des Henkels, der einer Wurst ähnelt. Das Interesse der versammelten Bauprofis an dem Fund hält sich in Grenzen. Sie befürchten weitere Verzögerungen durch die Archäologen. Der Grabungsleiter möchte eine weitere Schicht auf dem Markt freilegen lassen. Die Männer diskutieren darüber, ob das eine baubegleitende Maßnahme oder eine Grabung ist. Von solchen Definitionen hängt ab, wie viel Zeit eingeplant werden muss. Lehmann muss erklären, wie lange er für die Dokumentation braucht. Zwei seiner Mitarbeiter sind ausgefallen, was deren Tätigkeit zusätzlich verlängert. Die Osteg bietet kurzfristigen Ersatz durch eigene Mitarbeiter an. Darauf will sich Lehmann aber dann doch nicht ohne Rücksprache mit dem Landesamt einlassen. Immer wieder streiten die Beteiligten über den genauen Zeitablauf. Die Baustelle gleicht einer Operation am offenen Herzen. Alle Lebensadern unter dem Pflaster – Stromkabel, Straßenbeleuchtung, Gas-, Wasser-, Abwasserleitungen und Telekomkabel – müssen berücksichtigt werden. Die Arbeiten erfordern eine genaue zeitliche Abstimmung, damit beispielsweise ein Graben nicht zu zeitig zugeschüttet wird und erneut ausgehoben werden muss.

Anzeige
Wandern mit Kindern: Das muss mit
Wandern mit Kindern: Das muss mit

Bei Ausflügen mit Kindern stehen Erlebnis und Abenteuer im Vordergrund. Das sollte bei der Tourenplanung und beim Packen des Rucksacks bedacht werden.

Die offene Grube im Apothekergässchen ist für die Tiefbauer besonders schwierig. „Dort musst du eine Rundumleuchte auf dem Kopf tragen“ erklärt der Vorarbeiter und weist auf die Gefahren hin. Um auszuschließen, dass die Bagger an irgendeiner Stelle einbrechen, einigen sich Stadt und Osteg darauf, dass sich ein Sachverständiger die Keller unter dem Markt genauer anschaut und mit dem Kellerkataster abgleicht. Alte Gruben, Brunnen und Gänge sorgen erfahrungsgemäß immer wieder für Überraschungen und Gefahren, so AIZ-Geschäftsführer Horst Diesterheft.

Die Frage, wie die Anwohner über der Stadt-Apotheke in ihr Haus hinein und wieder heraus kommen, wenn die Leitungen in der nächsten Woche verlegt werden sollen, kann an diesem Tag noch niemand beantworten. Der Vorarbeiter soll das mit den Betroffenen klären. In der Stadt-Apotheke liegen derweil bunte Flyer aus. „Zittau baut und wir bleiben für Sie erreichbar“ lautet die Botschaft. Inhaber Stefan Gänsler macht deutlich, was alle Gewerbetreibenden am Markt bewegt. Die Befürchtung, dass die Kunden wegen der Baustelle fern bleiben, ist bisher aber nicht eingetreten. Das bestätigen sowohl der Chef vom Café „Filmriss“ als auch Bärbel Thomas von der „Buchkrone“ gegenüber. Auch sie wirbt aus aktuellem Anlass mit dem Slogan
„Lesevergnügen kennt keine Barrieren“.