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Runter mit dem Hakenkreuz!

Eine neue Ausstellung zeigt eine spektakuläre Aktion von Dresdner Kunststudenten im Jahre 1933. Und was danach passierte.

Wie hier zur Eröffnung der Reichstheaterwoche im Mai 1934 war auch 1933 anlässlich der NS-„Machtergreifung“ in Sachsen eifrig geflaggt worden. An Dresdens Kunstgewerbeschule hatten der Direktor und Studierende versucht, das zu verhindern.
Wie hier zur Eröffnung der Reichstheaterwoche im Mai 1934 war auch 1933 anlässlich der NS-„Machtergreifung“ in Sachsen eifrig geflaggt worden. An Dresdens Kunstgewerbeschule hatten der Direktor und Studierende versucht, das zu verhindern. © ullstein bild

Von den Namen auf der Treppe sind nur wenige leserlich. Die meisten sind Unterschriften von Männern und Frauen, die in den 1930er-Jahren an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste unterrichteten und studierten. Die durch die Signaturen sehr persönlich wirkende Namensliste führt direkt in den Senatssaal, wo Studierende sich künstlerisch mit der Vergangenheit ihrer Hochschule auseinandersetzen. 

Es geht um das Jahr 1933, als am 8. März auch in der Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse die Machtübernahme der Nationalsozialisten gefeiert und die Hakenkreuzflagge gehisst wurde. Tags drauf sollte das Spektakel an der Kunstgewerbeschule in der Güntzstraße wiederholt werden. Dort ging es nicht ohne Protest ab. 

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Direktor Karl Groß hatte sogar versucht, das Flaggehissen zu verhindern. Während der Feier stellten sich sechzehn Studenten und zwei Ehemalige auf die Treppe und stimmten die „Internationale“ an, um den Gesang des Horst-Wessel-Liedes zu übertönen.

Das hatte Konsequenzen, und die waren auch für die Studierenden von heute höchst interessant. In einem Seminar, das eine Ausstellung zum Ziel hatte, haben sie im Hochschularchiv recherchiert, wann und mit welcher Begründung für die achtzehn Widerständler das Studium endete. Die zwei Ehemaligen, die die Internationale mit geschmettert hatten, wurden verhaftet und ins Konzentrationslager Hohnstein gebracht. Sie konnten fliehen und tauchten in Paris unter. Den anderen entzog man die finanzielle Unterstützung, weshalb manche das Studium vorzeitig beenden mussten. Einige bekamen den Abschluss.

Möglich war das, weil Karl Groß und andere Professoren die Sänger schützten, indem sie den Auftritt als Bagatelle hinstellten und zu beweisen versuchten, dass die Kunstgewerbeschule keine „Hochburg des Bolschewismus“ sei. Sie brachten die jungen Leute dazu, sich reumütig zu stellen und baten darum, sie nicht zu bestrafen.

Bist du Deutsch?

Dass in ihrer Hochschule schon kurz nach der Reichstagswahl die Hakenkreuzflagge gehisst wurde, ließ den heutigen Studenten keine Ruhe. Sie recherchierten, wer ab 1933 exmatrikuliert wurde und präsentieren Namen und Kurzbiografien auf gleich großen, gleich gestalteten Schildern gemeinsam an einer Wand. Einzelne Namen sind hervorgehoben – durch einen größeren Abstand zur Wand.

Richard Müller wurde am 6. April 1933 Rektor der Dresdner Kunstakademie. Als eine seiner ersten Amtshandlungen warf er Otto Dix aus dem Lehrkörper und ließ bald den Senatssaal mit Hakenkreuzen und weiteren NS-Symbolen gestalten. Die Arbeit „33.19“ zeigt in einer digitalen Animation auch monumental deutschtümelnde Wandbilder im Senatssaal. Unter den weißen Wandanstrichen des studentischen Ausstellungsraums sind sie noch vorhanden, aber kaum einer weiß es. 

In den 1990er-Jahren wurden sie mehr oder weniger zufällig wiederentdeckt, als der Kunststudent Olaf Holzapfel nach einer Ausstellung Farbe von der Wand spachtelte. An dieser Wand hängen jetzt auch Dokumente, die bei intensiver Betrachtung die Vorgänge vom 8. und 9. März 1933 erhellen und auch die Berichterstattung in der NSDAP-Zeitung „Der Freiheitskampf“ mit einbeziehen. Daneben haben die Studierenden in Toilettenschmiermanier auf die Wand gemalt und ziehen, wenn man es so lesen will, die Linie konsequent bis in die Gegenwart: „Dix nervt“, steht da,„Kokoschka geh arbeiten“ und „Bist Du Deutsch“ und „Keine Sau braucht Hellerau“, das Europäische Zentrum der Künste Dresden.

In kurzen Interview-Videos bekennen die jungen Leute, die diese Ausstellung gemacht haben, dass es vorher für sie völlig unklar war, welche Rolle die HfBK in der NS-Zeit spielte. Als sie diese Leerstelle füllten, offenbarte sich für sie Geschichte „auf einem anderen Weg“. Das heißt: So lebendig war ihnen Historie bis dahin nicht begegnet. Eine Studentin sagt: „Ich gehe jetzt ganz anders durch die Räumlichkeiten“. Besucher der Ausstellung sind eingeladen, ihre Ideen für einen Gedenkort beizusteuern. Vielleicht genügt es ja schon, die Namen auf der Treppe nicht verblassen zu lassen. Damit Studenten, Professoren, Mitarbeiter und Besucher auch in Zukunft fragen, wer diese Leute waren.

„Hört die Signale“: Bis 17. August im Senatssaal der Dresdner Hochschule für Bildende Künste, Brühlsche Terrasse 1, geöffnet Di – So 11 –18 Uhr.

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