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Mögen sich Deutsche und Russen, Wladimir Kaminer?

Der "Russendisko"-Autor fragt sich, ob auch der Alkohol uns nach 1945 vor einem neuen Krieg bewahrt hat.

Wladimir Kaminer (52) ist Deutscher mit russischem Migrationshintergrund. Er macht Bücher und Diskos. Beides mit Erfolg.
Wladimir Kaminer (52) ist Deutscher mit russischem Migrationshintergrund. Er macht Bücher und Diskos. Beides mit Erfolg. © Markus Scholz/dpa

Von Wladimir Kaminer

Auf der politischen Ebene streiten Russland und Deutschland; das politische Personal beider Länder kommt nicht miteinander klar, was aber die Menschen betrifft, so bleiben die Deutschen Russlands beste Freunde. Für viele Ostdeutsche sind die Jugenderinnerungen mit Russland verbunden, sie hatten in Russland studiert oder an den Baustellen des Sozialismus in der Sowjetunion mitgearbeitet.

Die Sowjetunion war, glaube ich, weltweit führend bei der Erschaffung grandioser „Baugruben“ in Begleitung von Tanz und Gesang und mit dem Einsatz Internationaler Brigaden. So etwas kennt die westliche Welt nicht.

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Ein berühmtes Beispiel dafür ist die Baikal-Amur Magistrale, BAM, eine Eisenbahntrasse, die so lange gebaut wurde, bis die Schienen alle waren und das Land auseinanderfiel. Sie fängt im Schnee an und hört im Schnee auf. Solche Strecken hatten selten als Grundlage eine vernünftige, rationale Kalkulation, die am Ende aufgehen sollte. Sie wurden nicht „ins Leben gerufen“, um Menschen oder Güter zu transportieren, sondern um „die Vorteile der sozialistischen Planwirtschaft zu demonstrieren,“ also um der ganzen Welt und dem schwarzen Universum dort oben zu zeigen, wozu wir Menschen fähig sind, wenn wir solidarisch zusammenhalten, nicht an unsere kleinen Gewinne denken und bei tiefen Minusgraden starken Alkohol an der frischen Luft trinken.

Auch die Soldaten der sowjetischen Armee, die in der DDR jahrzehntelang stationiert waren, sind zum unverzichtbaren Teil der Kindheits- und Jugenderinnerungen von Millionen Deutschen geworden. Obwohl diese Armee vor langer Zeit nach Russland zurückkehrte, bleibt sie in den Köpfen, im Bewusstsein vieler Menschen nach wie vor vorhanden, als ein Teil ihrer Identität.

Immer wieder fand ich auf meinen Reisen die Spuren dieser Geisterarmee. Letztes Jahr kam ich nach Neuruppin, um in einem ehemaligen Militärobjekt der sowjetischen Armee Russendisko zu machen. Der „Hangar 312“ stand weit draußen in der Einöde und war mit der Geschichte der Stadt und den Menschen eng verbunden. In diesem Hangar waren früher sowjetische Düsenjäger MiG 21 stationiert gewesen, daneben wurden dort Militärhubschrauber repariert.

Als der Krieg zu Ende war: Nicht immer ging es zwischen Russen und Deutschen so friedlich zu wie hier. Aber es gab auch viel gegenseitige Zuneigung.
Als der Krieg zu Ende war: Nicht immer ging es zwischen Russen und Deutschen so friedlich zu wie hier. Aber es gab auch viel gegenseitige Zuneigung. © Getty Images/Hulton Archive

Nach Abzug der sowjetischen Armee stand der Hangar eine Weile leer, bis ein Geschäftsmann aus der Stadt ihn kaufte und zu einem Party- und Veranstaltungsort ausbaute. Er fing mit deutscher Schlagermusik an, merkte jedoch schnell, die Menschen verbinden etwas anderes mit diesem Ort. Also lud er mich ein, eine Russendisko im Hangar zu veranstalten.

Ich fühlte mich geehrt mit einer wichtigen Mission. Jahrzehntelang horteten hier meine Landsleute ihre Waffen, nun komme ich mit Musik. Es wird dort getanzt, wo früher Militärgerät stand, im Sinne der Völkerverständigung und des Weltfriedens. Der Hangar war bereits um 19 Uhr voll. Die Menschen tankten Wodka und aßen dazu Soljanka aus der Gulaschkanone nach einem geheimen Rezept des Chefs. Viele Besucherinnen und Besucher trugen alte Uniformen der sowjetischen Armee.

„Stockholm Syndrom“ dachte ich. Nach jahrzehntelanger Besatzung gingen die Besatzer nach Hause, sie hinterließen oder verkauften Teile ihrer Uniformen an die ehemals Besetzten. Und jetzt ziehen die Besetzten diese Uniformen an und tanzen zur Musik der Besatzer, so ungefähr erklärte ich mir die Vorliebe der Menschen für diese Uniformen.

Doch so einfach war es nicht. „Wir waren Freunde,“ erzählte mir ein älterer Neuruppiner. „Meine ganze Kindheit haben wir im Sumpf hinter dem Hangar gespielt, Frösche mit Luftgewehren geschossen und zum Trocknen aufgehängt. Die Soldaten waren sehr kinderlieb, sie ließen uns im Winter vom Dach des Hangars mit Schlitten runterfahren. Sie gaben uns Geld und fragten, ob wir ihnen ein Paar Flaschen Wodka mitbringen könnten. Das Objekt wurde von allen Seiten gesichert, sie selbst durften das Kasernengelände nicht verlassen, aber wir Kinder wussten, wo man im Stacheldraht ein Loch findet.

Im Lebensmittelladen durften wir natürlich als Minderjährige keinen Alkohol kaufen, doch die Verkäuferin kannte uns, sie wusste Bescheid, dass wir die Flaschen für die Russen brauchten. Die Soldaten waren glücklich, wir durften das Restgeld behalten und weiter Schlitten fahren.

Die Russen hatten hier sonst kein besonders abwechslungsreiches Leben, aber große Verantwortung. Immer wieder passierte irgendetwas neben dem Hangar. Mal sind zwei Hubschrauber plötzlich gegeneinandergeflogen, wir haben die Teile im Umkreis von zwei Kilometer noch gesammelt. Mal ist eine MiG von der Landebahn abgewichen und in den Sumpf geraten. Nach solchen Vorfällen wurden immer neue strengere Sicherheitsmaßnahmen verhängt, wir Kinder durften nicht mal mehr auf dem Dach des Hangars Schlitten fahren. Nach einiger Zeit legte sich aber die Aufregung, und alles ging wieder seinen gewohnten Gang“, erzählte mir der Rentner. Könnte es sein, fragte ich ihn, dass es einen Zusammenhang gegeben habe, zwischen der Wodkalieferung und den Hubschrauberabstürzen? Dass jedes Mal, wenn die Jungs den Soldaten die Flaschen brachten, irgendetwas schief ging? „Das konnte natürlich sein“, überlegte der Bürger. Er habe aber diese Geschichten noch nie aus diesem Winkel betrachtet.

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Auf jeden Fall sei es schade, „dass die Russen weggezogen sind, sie waren ein lustiges Volk, und sehr sehr kinderlieb! Bei ihrem Abzug haben sie sogar die Landebahn mitgenommen, sie haben Betonplatten aus der Erde gerissen und sie nach Russland geflogen. Das konnten wir allerdings nicht verstehen“, meinte er,

Wir tanzten noch bis weit nach Mitternacht und tranken auf die Völkerverständigung, auf den Weltfrieden und auf den Alkohol, der uns möglicherweise vor einem größeren Krieg bewahrt hat, vielleicht aber auch nicht.

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