merken

Russenmühlen vorm Barockpalais

Beim Zabeltitzer Ladatreffen gibt´s manch Anekdote über die unverwüstlichen Autos aus der Wolgastadt Togliatti.

Von Manfred Müller

Anzeige
Mit 2 Gratis-Tipps zum Eurojackpot

Der Topf ist voll. Auch in der vergangenen Ziehung wurde der Eurojackpot nicht geknackt und wartet nun mit einem 90-Millionen-Mega-Jackpot auf einen Gewinner. 

Ladafahrer sind die etwas anderen Autonarren. Sicher, hier und dort findet man einen getunten Niva-Geländewagen oder ein Mahagoni-Lenkrad, aber im Großen und Ganzen steht das russische Gefährt für Freude am Auto pur. Der Ladafahrer gilt als Individualist, der bei einer Panne nicht gleich den ADAC ruft, sondern erst mal den Werkzeugkasten aus dem Kofferraum holt. Und wenn er schon mal protzt, dann damit, wie viele Jahre er zu DDR-Zeiten auf seine „Heckschleuder“ warten musste. Oder wie viele Kilometer die Kiste bereits auf dem Buckel hat.

Beim Gefährt von Gunter Jäckel aus Radebeul sind es mehr als 300000 Kilometer, und die längste Fahrt führte ihn über 15000 Kilometer durch Russland und die Ukraine bis hinunter in den Kaukasus. Das war im Jahr 1983, zu finstersten Sowjet-Zeiten, in denen man sich aller 50 Kilometer an einer Kontrollstelle melden musste. „Trotzdem eine fantastische Reise“, schwärmt der pensionierte Schiffsingenieur. „Durch die Kontrollen konnte man in dem riesigen Land wenigstens nicht verloren gehen.“ Besonders an die alte Grusinische Heerstraße erinnert sich Jäckel gern. Sie führte durch eine atemberaubende Landschaft, und als zusätzlicher Kick saß einem immer die Angst vor Steinschlägen im Nacken. Von Pannen blieb der Seemann die ganze Zeit über verschont – ein Indiz für die Robustheit seines fahrbaren Untersatzes.

Fast 50 Ladas und Nivas parkten am Sonnabend vor der Kulisse des Zabeltitzer Barockpalais – ein neuer Rekord bei dem seit 2004 stattfindenden Autotreffen. Die meisten der 75 Teilnehmer stammten aus den neuen Bundesländern, aber auch aus Bayern, Nordrhein-Westfalen und Hamburg. Aus dem Großenhainer Raum kamen immerhin ein paar Zaungäste vorbei, um die Autokarawane in Augenschein zu nehmen und zu fotografieren. Aus der Taufe gehoben wurde das Ladatreffen vom Zabeltitzer Eckehard Franke. „Ich bin ein Ladafan, weil ich die Ladafahrer mag“, sagt der Landschaftsbau-Sachverständige. Das seien Leute, die eine gewisse Resistenz gegen schnöden Mammon in sich tragen, die auf Prunk und Status pfeifen. Unterstützt wird Franke von Tamas Wend aus Dresden, der mit nie erlahmendem Sendungsbewusstsein versucht, die sächsischen Ladafahrer zu organisieren. Sieht er auf einem Parkplatz eine seiner geliebten „Russenmühlen“ stehen, dann steckt er schon mal eine Visitenkarte hinter den Wischer und lädt Gleichgesinnte zum Fachsimpeln auf seine Website ein. Der Name „Lada“ ist im Russischen übrigens ein weiblicher Kosename und bedeutet so viel wie „Liebchen“. „Schiguli“ heißen die kleinen Segelboote auf der Wolga. Sie zieren das Markenlogo des Herstellers AwtoWas. Moderne Ladas haben nicht mehr viel mit dem ursprünglichen Nimbus als Niedrigkomfortfahrzeug und Rostlaube zu tun. Mit dem Kalina bekommt man heute für wenig Geld ein niveauvolles Auto mit einer serienmäßigen Ausstattung, die viele andere Hersteller nur als Extras anbieten. Beim Geländewagen Niva macht die Robustheit den Reiz aus. „Als Waldbesitzer brauche ich ein geländetaugliches Fahrzeug“, sagt Thomas Kommnitz aus Frauenhain. „Meine Kinder sagen, das sei das beste Auto, das wir je gefahren sind.“ Und natürlich gebe es auch als Blickfang etwas her, ergänzt Anja Teichmann aus Bannewitz. Die Leute fänden den hochbeinigen Niva einfach cool.

Seemann Gunter Jäckel hat mit seinem Lada nicht nur den Kaukasus besucht. Vor einigen Jahren führte ihn eine Rallye von Hamburg nach Venedig. Ein bescheidenes Russenfahrzeug in Gesellschaft von noblen Mercedes-Karossen! Das Ende vom Lied: Die Italiener ließen die Luxusautos links liegen und umlagerten sein Gefährt, weil es so sehr ihrem geliebten alten 124er-Fiat ähnelte. Jäckels Partnerin Galina hingegen würde mit dem Oldie nur ungern in ihre Heimat fahren. Die Ukrainerin stammt aus dem galizischen Iwano-Frankiwsk. Dort gilt der Lada heute eher als Arme-Leute-Auto – jeder rostige Volkswagen erregt mehr Aufmerksamkeit.

Sachsen wählt: Am 1. September ist Landtagswahl in Sachsen. Sie wissen noch nicht, wen Sie wählen? Der Wahl-O-Mat für Sachsen hilft Ihnen bei der Entscheidung! Alle Berichte, Hintergründe und aktuellen News zur Landtagswahl finden Sie gebündelt auf unserer Themenseite zur Landtagswahl in Sachsen.