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Russlands spannendste Band kommt nach Dresden

Shortparis aus Sankt Petersburg haben viele Fans unter Intellektuellen und Influencern. Für billige Putin-Kritik wollen sie sich aber nicht hergeben.

Die Herren der russischen Band Shortparis sind gerüstet für ihren Auftritt im Dresdner Festspielhaus Hellerau.
Die Herren der russischen Band Shortparis sind gerüstet für ihren Auftritt im Dresdner Festspielhaus Hellerau. © Igor Klepnev

Von Liudmila Kotlyarova

„Katharsis. Erlösung. Shortparis“ - anspruchsvoller geht es beim Werbespruch für die wohl umworbenste russische Musikband der neuen Welle kaum. Jedoch ist es bei Shortparis, die Postmoderne verbal ablehnt und sich selbst auf Experimental bezieht, den Kennern zufolge aber zwischen Electronica, Post-Punk, Rock und Pop-Noir balanciert, keine heiße Luft. Ob in London oder in Berlin, beim Diaghilev-Festival des Star-Dirigenten Teodor Currentzis in Perm oder im Adrenaline Stadium in Moskau - nie begnügen sie sich mit dem Wenigen, wollen einen mit allen vorhandenen Mitteln hinreißen, aufregen, erregen. Bleiben bei einem dann noch Zweifel an Mitteln, lässt sich die Ernsthaftigkeit des dionysisch-erotischen, sehr körperlichen Rituals kaum bezweifeln.

„Shortparis haben etwas Schamanisches, was unabhängig von Sprache international funktionieren kann“, sagt der Inhaber des Labels Eastblok Music, Armin Siebert. Vor acht Jahren, als das Projekt sich in der Musikindustrie erst vortastete, sang dessen aus der sibirischen Industriestadt Nowokusnezk stammende Ideologe Nikolai Komiagin lieber auf Englisch und Französisch. Der Erfolg in Russland kam aber erst mit „Пасха“ (paßcha, Deutsch: Ostern), dem zweiten Album voller psychedelischer Erfahrungen - in Muttersprache. „Der entscheidende Schlüssel ist aber das Live-Erlebnis und für mich insbesondere die Art der beiden Frontmänner zu tanzen“, sagt Siebert weiter. Das schaffe Wiedererkennungswert und Einzigartigkeit. Zusammen mit den bedrohlichen Videos, dem markant hohen Gesang, einem speziellen Sinn für Mode und dem „Exotisch-Gefährlichen“, dass sie ausstrahlen würden, mache sie dies zu einem der spannendsten und vielversprechendsten Musikexporte Russlands.

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Beim Wort Musikexport dürften die fünf Musiker: Sänger Komiagin, Perkussionist Danila Kholodkov [Die Frontmänner], Gitarrist und Keyboarder Aleksandr Galianov, Multiinstrumentalist Aleksandr Ionin sowie Schlagzeuger Pavel Lesnikov - ihre Gesichter verziehen. Es sei ihnen wichtig, im Ausland auf Russisch zu singen, sagte Komiagin im Mai gegenüber der Zeitung „Kommersant“, jedoch wolle man nicht als „geheimnisvolle Russen“ mit einer „Folklorebotschaft“, als „orientalischer Flitterkram“ wahrgenommen werden. Man dränge sich Europa nicht auf.

„Mit wem seid ihr, Kulturmeister?“

Ein Dichter in Russland sei mehr als ein Dichter, schrieb der russische Lyriker Jewgeni Jewtuschenko. Ein Künstler ist aus rationalen Gründen oft gezwungen, sich für eines der „kriegführenden“ Lager zu entscheiden, bevor er als Kulturheld gefeiert wird. „Mit wem seid ihr, Kulturmeister?“, schrieb Maxim Gorki 1936 in einem Essay - eine Losung, die später lauthals das Dilemma verschleierte: gegen den Faschismus kämpfen und zugleich die Augen vor Tragödien innerhalb der Sowjetunion schließen. Das Paradox der Shortparis mit Blick auf den Zeitgeist besteht darin, dass sie es schaffen, eklektischerweise allen und zugleich keinen konkreten gesellschaftspolitischen Interessen nachzukommen. Oft müssen die 30-jährigen wiederholen, weder ein Instrument in den Händen der realen Macht noch ein Sprachrohr der Opposition oder anderer Kräfte sein zu wollen. Ihre Texte, Shows und Videos - vor allem zu dem im November erschienenen asketischen Album „Так закалялась сталь“ (Deutsch: So wurde der Stahl gehärtet), einer gegenwärtigen Antwort auf den bolschewistischen Roman Nikolai Ostrowskis „Wie der Stahl gehärtet wurde“ und das gleichnamige Werk der sowjetisch-russischen Punkband „Graschdanskaja Oborona“, bieten aber genug Spielraum, um von vielen Medien als Oppositionelle zum gehassten „Putin-System“ gefeiert zu werden. Wie ist das möglich?

Je größer das mediale Interesse, desto schweigsamer die Musiker. Für die „SZ“ machen sie jedoch eine Ausnahme. Auf dem Weg nach Sankt Petersburg, wo sie zwischen den wenigen heimischen und den unzähligen Auslandskonzerten leben, schaue ich mir ihre „bedrohlichen“ Musikvideos an. So lässt sich das ein Jahr alte Kunststück „Страшно“ (Deutsch: Bange) - von der Berlin Music Video Awards ausgezeichnet - irgendwie mit „Deutschland“ von Rammstein vergleichen. Themen wie Fremdenfeindlichkeit, soziale und kulturelle Konflikte fallen da einem ein, zum Schluss wird noch „das junge Russland“ - ein Schüler mit der russischen Fahne - auf den Schultern der Arbeitsmigranten in ein Ödland getragen, wo ihm entweder eine Grabstätte oder ein fruchtbarer Boden vorbereitet ist. Im Video zum Titellied „So wurde der Stahl gehärtet“ wird das Thema der zunehmend chaotischen Gewaltbereitschaft aufgearbeitet: ein junger Soldat greift erst seine Kameraden und die Passanten an und schneidet sich anschließend den Bauch auf.

Anders als in „Пасха“, das noch mit „Liebe“ startet, lässt Komiagin den in eine rote Fahne eingebundenen „Stahl“ mit „Unliebe“ beginnen. Darauf folgen die Lieder wie etwa „Gebrochen“, „Verantworte die Worte“, „Messerstich“, „Ein Leben für den Zaren“ oder „Es ist nur schlechter geworden“. Ihr Moskauer Konzert im November versammelt mehrere Tänzer, die mit roten Fahnen und in Uniform exaltisch die Bühne erbeben. Ob die Band sich bewusst ist, dass ihre Kunst dadurch unvermeidlich als politisch wahrgenommen wird? So wie Pussy Riot sich in den Westen durchgesetzt haben oder die Schriftstellerin Masha Gessen die angeblich „totalitäre Gesellschaft“ Russlands anprangert und dafür die Preise zur europäischen Verständigung kriegt.

Die Frage bringt den gelehrten Kunsthistoriker Komiagin aus der Fassung. Immer wieder wolle man ihre Werke in das Schwarze und Weiße gliedern, bemängelt der selbstdeklarierte Bataille-Epigone. Seine Band distanziere sich von jeglicher Vereinfachung.

„Welchen Sinn macht es für uns, wenn wir als Kunstband ein politisches Pamphlet herausgeben?“, fragt er zurück.

Auch die rote Fahne sei kein bloß kommunistisches Manifest, sondern eine Allegorie, die sich trotz den Sympathien der Band zu gewissen linken Ideologen auf keinen von ihnen bezieht. Es sei der Wunsch, Revolution im weiten Sinne der Avantgarde überall zu hören, eine Revolution von sich selbst, eine entschlossene Veränderung von allem, was nicht mehr gehe.

„Ich nehme all die wirtschaftlichen Begriffe aus dem Manifest der Kommunistischen Partei von Karl Marx und verwandle es in eine philosophische Botschaft“, erklärt der Frontmann. „Es kann dies natürlich zunächst nur geschehen mittels despotischer Eingriffe, durch Maßregeln also, die unzureichend und unhaltbar erscheinen, die aber im Lauf der Bewegung über sich selbst hinaustreiben“, heißt am Ende die Einleitung zum „Stahl“. Eine künstlerische, aber auch zynische These, denn die „Modernisten“, wie die Musiker sich bezeichnen, müssten die eigene unvermeidliche Niederlage einsehen. Alles sei hier drin: die kürzlichen Moskauer Proteste, aber auch persönliche Dramen und intrapersonale Konflikte einer Generation. Noch mehr: Der Schmerz eines Gläubigen, der seinen Glauben und die Fähigkeiten anzweifle. „Seine Einstellung zum Leben, zur Liebe, zur Politik ist nicht eindeutig. Vielleicht ist es eine Leere, vielleicht ist sie nicht für immer da und ausfüllbar“, erklärt Nikolai überspannt.

Ein Weg fürs Ehrlichsein

Im Mai 2019 trat die Band im britischen Brighton auf dem Showcase-Festival „The Great Escape“, ihrerseits von einer russischen Musikexportagentur präsentiert. Fast mit Abscheu reden Komiagin und Kholodkov über den „etablierten Mechanismus der Musikindustrie“, wenn sie sich an ihr „krankes“ Konzert in der Bar Horatio's erinnern. Sie konnten sich wegen der „ungehörigen“ Organisation irgendwie nicht hören, Bassist Sascha Ionin schlug mit dem Kopf auf das Schild mit dem Namen der Agentur, Kolja Komiagin legte sich mit der Wache und den Lichtmeistern an und schrie auf Russisch „mein krankes Russland“ aus. Man habe von allen Seiten den Wunsch der beteiligten Bands gespürt, ins etablierte Musiksystem zu passen, so Komiagin.

„Die erste russische Band, die die Agentur auftreten ließ, sang auf Englisch“, erzählt er aufgeregt. „Sie spielte so eine - für meine Begriffe - edel formatierte Indie-Musik, die sich von hochwertiger westlicher Musik so weit wie möglich nicht unterscheiden will. Das Gefühl, dass man nicht anders ist, sollte für alle schon ein Sieg sein. Für einen russischen Musiker ist es wohl eine archaische, obsolete Einstellung.“ So hätten sich die Jungs vorgestellt, was von ihnen erwartet werde, und hätten genau das Gegenteil gemacht, also das, was „unangemessen sein soll für eine Band, die sich kommerziell ins System integrieren will“. In dieser Hinsicht seien etwa politisierte, kranke Gesten und das provozierte Durcheinander im Saal für sie ein Mittel fürs Ehrlichsein gewesen, ein Protest gegen die Erwartungen.

Sollten sich Nikolai und Danila auf der Bühne plötzlich zusammenstoßen oder die Gegenstände etwas zerschmettern, sei dies eben ein Weg für sie, ehrlich zu bleiben. Es ist die gewisse Improvisation, die aus dem inneren Impuls entsteht und Lebendigkeit vermittelt. Ihre Anreize? „Musik zu machen, die uns selbst so antörnt, dass ich mir erlaube, mich auf der Bühne so zu bewegen. Wäre ich in On-The-Go (russische Indie-Pop-Band) Schlagzeuger, stünde ich wie eingegraben am Platz“, schmunzelt Kholodkov. Seine Fans wissen das zu schätzen.

Gerne experimentieren die Musiker mit ungewöhnlichen Auftrittsplattformen, sei es eine Bar, die Mercedes Benz Fashion Week oder ein Geschäft. Aus Bedürfnis nach Indulgenz verwandelten sie ihren Auftritt in einem Moskauer Adidas-Großgeschäft in eine künstlerische Show mit Verweisen zu pseudoantiken Athleten und Elementen des Ausdauerlaufs, die die Aktion „vertiefen und aus dem Bereich der Kommerz in Richtung eines kulturellen Aktes wegführen“ sollten. Komme das Gefühl der Ehrlichkeit nicht, würde man zu den Grenzsituationen greifen, die sich mal auch traumatisch entwickeln. Zugleich komme man so aus der Komfortzone über alles heraus, was verwirre. So griff eine Frau Komiagin um den Hals und ohrfeigte ihn mehrmals, als er ihr aus Erregung das hartnäckige Handy aus der Hand gerissen und auf den Boden gelegt hatte. Sie filmte ihn - wie viele andere, als ihm wegen der Schwüle im Geschäft plötzlich schwindelig geworden war. „Nur in diesem Moment ist mir klar geworden, dass ich das Konzert ehrlich abgearbeitet habe und dass ich kein korruptes gefi**tes Luder bin“, offenbart Komiagin.

Hedonismus, in dem Askese und Selbstverleugnung stecken

Wie komplex und anspruchsvoll ihr Werk ist, so divers ist ihr Publikum, von den exaltierten jungen Frauen über die Künstler wie Currentzis bis auf die Influencer und Intellektuellen. Verwandt fühlen sich die Musiker mit Ideen des Nonkonformisten Sergei Kurjochin, der nach eigenen Angaben zugleich „wie Mozart und Michael Jackson“ sein wollte. Auch deswegen legt Shortparis wohl so viel Wert auf ihre Shows. Auf den Vorwurf, sie würden damit bewusst gegen die Prinzipien der Kunst vorgehen und Hedonismus pflegen, lächelt mich Komiagin nur an.

„Hedonismus? Wunderbar. Russland ist damit nicht verwöhnt. Ich kenne keine Kollegen auf unserer Bühne, die mit dieser Form zu arbeiten wissen, also eine komplexe konventionelle Musik spielen und dabei eine Pop-Show mit all diesen klassischen Elementen abliefern. Mit Askese arbeiten? Bitte schön, wie auch mit der Selbstlosigkeit. Aber es geht viel schwieriger mit Hedonismus, in dem Askese und Selbstverleugnung stecken.“

Wir sitzen zu viert in einer hübschen Konditorei im Zentrum Sankt Petersburgs. Ich merke auf Danilas Hand ein Tattoo mit dem Wappen Sankt Petersburgs. Die Kinder-Überraschungseier, die ich mitgebracht hatte, sind längst vernascht worden. Komiagin, ein Götze und Sexsymbol, spielt hingerissen mit den Figuren, die er seinen beiden Partners in crime wegnahm. Was würden sie ihrem deutschen Zuhörer gerne ausrichten, frage ich sie. Ließen sie in Dresden so wie kürzlich in Moskau mehrere „Soldaten“ mit den roten Fahnen auf die Bühne, fänden sich ja viele, die sie im Blick auf die schwierige gesellschaftspolitische Lage in Russland in erster Linie gerne als Putin-Widersacher feiern würden.

„Wenn eine Band aus Russland kommt, muss man sie nicht im Kontext des Putin- oder Nicht-Putin- Russlands wahrnehmen“, sagt Kholodkov. Er wünschte sich, ihre neuen Zuhörer würden die Denkmuster wie etwa das Putin-Russland vollkommen loswerden und eine Band aus einem anderen Land bloss als die aus dem anderen Land wahrnehmen. „Russen sollten sich ihrer Normalität endlich bewusst werden sowie der Tatsache, dass sie weder in den Westen noch in den Osten gehen, sondern siсh akzeptieren müssen, wie sie sind“, meldet sich der bescheidene Zuhörer Galianov zu Wort. „Warum fällt mir, wenn ich nach Manchester oder Liverpool komme, so vieles über diese Orte ein? Wieso denkt niemand in derartiger Weise über Russland nach? Sondern nur an Putin. Das ist eine Vereinfachung. Mögen sich die Leute lieber für Nowokusnezk interessieren, auf die Karte schauen, wo es liegt. Oder vielleicht für Sankt Petersburg“.

„Ich habe Nowokusnezk begriffen und emotional akzeptiert, nur als ich es verlassen hatte“, gibt Komiagin seinerseits zu. Aus Russland brauchen die Musiker dafür nicht auszuwandern. 

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