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Mit Ungarn gegen den Ärztemangel in Sachsen

359 Hausärzte fehlen in Sachsen. Um das zu ändern, können junge Menschen in Ungarn Medizin studieren - vorausgesetzt sie arbeiten danach auf dem Land.

Viele Landärzte gehen in den nächsten Jahren in Rente – der Freistaat bemüht sich nun offensiv um Nachwuchs.
Viele Landärzte gehen in den nächsten Jahren in Rente – der Freistaat bemüht sich nun offensiv um Nachwuchs. © dpa

Dresden. Voll viele Mädels hier, sagt eine junge Frau aus Zwickau beim Blick in den Saal der Landesärztekammer Sachsen. Sie hat recht. Nur 13 ihrer zukünftigen Kommilitonen sind männlich. Die 40 jungen Leute, die sich am Donnerstagnachmittag in Dresden kennen lernen, werden die nächsten sechs Jahr miteinander verbringen. Sie studieren ab dem 1. September an der Universität im ungarischen Pécs Medizin. Sie kommen aus ganz Sachsen, die meisten aus den Landkreisen Zwickau und Meißen, drei sind eigentlich in den Nachbarländern Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu Hause. Alle werden in zehn Jahren im Freistaat als Hausarzt tätig sein. Das ist der Deal.

Hausärzte sind Mangelware. Derzeit fehlen nach der ärztlichen Bedarfsplanung 359 in Sachsen. Die Lage wird sich in Zukunft noch verschärfen: Von den etwa 2.600 Hausärzten sind elf Prozent älter als 65 Jahre, 30 Prozent sind 60 Jahre und älter. Sie werden in den nächsten fünf bis sieben Jahren in Rente gehen, doch genügend Nachwuchs ist nicht in Sicht. „Ich kann nicht so richtig verstehen, warum man nicht Hausarzt werden will“, sagt Klaus Heckemann, selbst Hausarzt in Dresden und Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen. „Mein Vater war Hausarzt, meine Mutter, meine Schwägerin. Und alle hätten gesagt, dass sie es immer wieder gemacht hätten“.

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Soziale Fähigkeiten wichtiger als Abiturnote

Seit 2013 versucht die Kassenärztlichen Vereinigung, etwas am Ärztemangel auf dem Land zu ändern. 20 Studienplätze finanzieren die Krankenkassen im Modellprojekt „Studieren in Europa – Zukunft in Sachsen“. Sie geben Abiturienten die Chance, ein Medizinstudium auch ohne ein Einser-Abitur aufzunehmen. Wer in der Sekundarstufe II mindestens zwei naturwissenschaftliche Fächer belegt hat und dessen Abiturdurchschnitt besser als 2,6 ist, kann sich bewerben. Die Gebühren für das deutschsprachige Medizinstudium an der Universität Pécs werden übernommen – verbunden mit der Verpflichtung, nach dem Abschluss die Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin zu absolvieren und anschließend für mindestens fünf Jahre als Landarzt in Sachsen außerhalb der Städte Leipzig/Markkleeberg sowie Dresden/Radebeul zu arbeiten. 

Bisher gibt es 98 Teilnehmer, der erste Jahrgang kam 2019 zur Facharztausbildung wieder zurück nach Sachsen. Für den Jahrgang 2020/21 gingen 150 Bewerbungen ein, 135 junge Leute nahmen am schriftlichen Test teil, 80 wurden zum Gespräch ausgewählt, 40 bekamen einen Studienplatz. Die künftigen Medizinstudenten sind zwischen 18 und 22 Jahre alt, nur 17 von ihnen haben gerade Abitur gemacht, die anderen waren Rettungsassistenten, Physiotherapeuten oder Gesundheits- und Krankenpfleger.

„Ein Großteil von ihnen hätte keinen Studienplatz für Humanmedizin in Deutschland bekommen“, sagt Heckemann. „Wir sind aber überzeugt, dass sie es auch ohne 1,0-Abitur schaffen, ein guter Arzt zu werden.“ Auf jeden der 9.458 Studienplätze in ganz Deutschland kommen vier Bewerber. Die Folge: Das Medizinstudium ist zulassungsbeschränkt, der Numerus clausus liegt bei 1,0. Ob der mit dem besten Abitur auch der beste Bewerber ist, sei allerdings fraglich, so Heckemann.

Landarztquote kommt

Sachsen ist das einzige Bundesland mit einem solchen Programm. Der Freistaat finanziert in diesem Jahr erstmals 20 zusätzliche Studienplätze in Pécs. Auch in den kommenden zwei Jahren ist Geld dafür eingeplant. „Sachsen braucht sie“, sagt Sozialministerin Petra Köpping (SPD) bei der Auftaktveranstaltung, „sie werden hier überall erwartet.“ Gerade in Sachsen hätte man als Hausarzt viel zu tun: Jeder vierte Mensch ist über 65 Jahre alt und braucht dementsprechend oft medizinische Versorgung. Auf dem Land komme noch die soziale Komponente hinzu, Landärzte haben den ganzen Menschen im Blick. „Das ist eine Tätigkeit, wo man so viel zurückbekommt“, sagt Köpping.

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Damit in Zukunft noch mehr junge Mediziner als Hausarzt im ländlichen Raum arbeiten, plant Sachsen auch eine Landarztquote. Mit dieser Quote wird ein Sonderkontingent von jährlich 30 Studienplätzen für Humanmedizin bereitgestellt. Diese Plätze werden ebenfalls ohne Numerus clausus vergeben. Wer sich dafür einschreibt, verpflichtet sich nach der Ausbildung, mindestens zehn Jahre als Hausärztin oder Hausarzt außerhalb der Großstädte zu arbeiten. Viel mehr als die Abiturnote zähle die soziale Kompetenz, so Köpping. „Arzt wird man nicht nur, weil es ein schöner Beruf ist, sondern aus Leidenschaft.“

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