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Bauarbeiter-Protest: "Ein Haufen Probleme"

Mehr Lohn und Weggeld-Entschädung: Diese Forderungen der Baugewerkschaft lehnen die Arbeitgeber ab. Deshalb gab es am Freitag eine Demo in Dresden.

Unter dem Motto "Wir sind es wert" zogen die Demonstranten von der Prager Straße bis zur Frauenkirche. Dort schallte bereits das Arbeiterlied "Bella Ciao".
Unter dem Motto "Wir sind es wert" zogen die Demonstranten von der Prager Straße bis zur Frauenkirche. Dort schallte bereits das Arbeiterlied "Bella Ciao". © Daniel Krüger

Dresden. Rund 70 Bauarbeiter aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen haben am Freitagmittag in Dresden für höhere Löhne und eine Wegegeld-Entschädigung demonstriert. Die Protestteilnehmer zogen ab 11 Uhr von der Prager Straße zum Neumarkt, um im Anschluss an einer Kundgebung vor der Frauenkirche teilzunehmen. 

Hintergrund der Demonstrationen, die in dieser Woche in 15 Städten in der gesamten Bundesrepublik stattfinden, ist die aktuelle Tarifrunde zwischen der Baugewerkschaft IG Bau und den Arbeitgeber-Verbänden der Branche. Der Bundesvorstand hatte die Verhandlungen am Donnerstag offiziell für gescheitert erklärt. 

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Zu den Forderungen der IG Bau gehören Lohnerhöhungen von 6,8 Prozent bzw. mindestens 230 Euro mehr pro Monat. Azubis sollen nach den Vorstellungen der Gewerkschaftler 100 Euro mehr Auszubildendenvergütung erhalten. Eine der Hauptforderungen ist auch die Einführung einer Wegegeldentschädigung. 

"Seit dreißig Jahren kämpfen wir vergeblich"

"Es gibt einen Haufen Probleme mit der Fahrerei", sagte der stellvertretende Regionalleiter der IG Bau in Mitteldeutschland, Klaus Hartung im Gespräch mit Sächsische.de. Insbesondere in der Corona-Zeit sei es durch strengere Hygiene-Regeln immer schwieriger, die in der Branche üblicherweise langen Anfahrtswege zur Baustelle gemeinsam zu nehmen. 

Deshalb fordern er und seine Gewerkschaftskollegen hierfür eine angemessene Entschädigung. "Anfahrtszeiten sind schließlich auch Arbeitszeiten", so Hartung. Doch das sehen die Arbeitgeberverbände anders, eine Einigung konnte bisher in keiner der drei Verhandlungsrunden erzielt werden. 

Carsten Richter aus Freital (vorne links) gehört zu den erfahrenen Männern im Straßenbau. Dass die Arbeitgeberverbände sich weigern, eine Anfahrtsentschädigung zu zahlen, kann er nicht verstehen.
Carsten Richter aus Freital (vorne links) gehört zu den erfahrenen Männern im Straßenbau. Dass die Arbeitgeberverbände sich weigern, eine Anfahrtsentschädigung zu zahlen, kann er nicht verstehen. © Daniel Krüger

Auch Carsten Richter war vor Ort. Der 64-Jährige aus Freital arbeitet für ein international agierendes Straßenbauunternehmen als Polier. Momentan fährt er pro Woche über 1000 Kilometer, denn sein aktueller Arbeitsort ist eine Autobahn bei Bremen. Hier schiebt er meist Nachtschichten, betoniert Straßenabschnitte neu.

"Es gibt kaum noch junge Leute, die auf dem Bau arbeiten wollen", so Richter. Das liege vor allem daran, dass es nicht genügend Lohn für die schwere Arbeit gebe. Insbesondere im Osten kämpfe man seit dreißig Jahren für eine Angleichung der Tarifverträge an den Standard in den alten Bundesländern - vergeblich. 

In der Corona-Krise hätten er und seine Kollegen "voll durchgearbeitet". "Das war nicht immer leicht", erzählte Richter. "Man ist meistens in Hotels untergebracht und will nach der Schicht noch einen Bissen essen gehen, aber alle Gaststätten hatten zu."

Gewerkschaftschef warnt vor "heißem Herbst"

Gute Auftragslage, kein Shutdown: Trotz Corona geht es der hiesigen Baubranche alles andere als schlecht. In Sachsen haben die Betriebe des Bauhauptgewerbes im ersten Halbjahr 2020 insgesamt 2,6 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, das ist ein Plus von 3,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. 

Die Zahlen stammen vom Statistischen Landesamt Sachsen. Auch was die Aufträge angeht, hat die Pandemie offenbar kaum Schaden in der Bauindustrie angerichtet. 4,6 Prozent weniger Eingänge hat das Landesamt für die ersten sechs Monate dieses Jahres registriert. 

Während der Hochbau mit 17 Prozent mehr Aufträgen boomt, wurden im Tiefbau 18,1 Prozent weniger Aufträge an sächsische Unternehmen vergeben. Gleichzeitig mussten die Beschäftigten aber auch länger arbeiten, um 4,6 Prozent erhöhten sich die geleisteten Arbeitsstunden. 

Klaus Hartung und seine Mitstreiter wollen gerade deshalb nicht klein beigeben. "Während ein Großteil der Republik ins Homeoffice gegangen ist, haben die Bauleute weiter zugepackt", sagte er. Doch dafür gebe es kaum Wertschätzung vonseiten der Betriebe. 

Weil beide Parteien nicht nachgeben wollen, könnte sich die Lage weiter zuspitzen. Kommende Woche soll nun der Präsident des Bundessozialgerichts, Rainer Schlegel, in Schlichtungsverhandlungen einen Kompromiss herbeiführen. 

"Wenn das nicht klappt, wird es ein heißer Herbst", kündigte Hartung an. Denn nach zwei Wochen endet die sogenannte Friedenspflicht. Dann könnten bis zu 34.000 Baubeschäftigte ihre Arbeit niederlegen. 

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