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Leben und Stil

Sachsen bekommen Post von ihrer Krankenkasse

Seit Monatsanfang laden die Kassen ihre Versicherten ein, an einem neuen Screening teilzunehmen. Hintergrund ist ein neues Gesetz zur Darmkrebsvorsorge.

Ein Blick ins Innere: Die Darmspiegelung erkennt auch kleine Krebsherde.
Ein Blick ins Innere: Die Darmspiegelung erkennt auch kleine Krebsherde. © 123rf

Mit rund 58.000 Neuerkrankungen pro Jahr ist Darmkrebs die dritthäufigste Krebserkrankung in Deutschland. Er hat aber gute Heilungsaussichten, wenn er frühzeitig erkannt wird. Das ist bei einer einfachen Darmspiegelung möglich. 

Männer bekommen die Untersuchung deshalb jetzt schon ab 50 statt ab 55 Jahren von der Krankenkasse bezahlt, Frauen weiterhin ab 55. Zudem sind die gesetzlichen Kassen seit Monatsanfang verpflichtet, alle Versicherten dieser Altersgruppen zur Früherkennung einzuladen.

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Warum werden Versicherte jetzt zur Darmspiegelung persönlich angeschrieben?

Einer Analyse der AOK Plus zufolge nehmen nur 7,5 Prozent der anspruchsberechtigten Männer und 14,4 Prozent der Frauen in Sachsen das Angebot wahr. Bundesweit ergibt sich ein ähnliches Bild. Die Entwicklung der Neuerkrankungen zeigt aber, wie sinnvoll die Früherkennung ist: Seit Einführung der vorsorglichen Darmspiegelung 2002 geht laut Robert-Koch-Institut die Zahl der Neuerkrankten ab dem 55. Lebensjahr zurück. Keinen Rückgang gibt es aber bei den unter 55-jährigen Männern. Deshalb beschloss der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen die Änderungen. 

Den Anfang macht die Barmer: Ab Juli erhalten rund 5.000 Versicherte in Sachsen die Einladung. Im August folgen Techniker Krankenkasse und die DAK Gesundheit mit jeweils rund 3.000 Schreiben sowie die IKK classic mit rund 8.000. Im September beginnt die AOK Plus, insgesamt 120.000 anspruchsberechtigte Versicherte im Jahr anzuschreiben. Wer bis zum zweiten Quartal 2019 die Altersgrenze von 50, 55, 60 oder 65 Jahren erreicht hat, kann mit Post von seiner Kasse rechnen.

Welche Untersuchungen stehen gesetzlich Versicherten jetzt zu?

Männer zwischen 50 und 54 Jahren bekommen entweder jährlich einen Test auf verborgenes Blut im Stuhl, den sogenannten immunologischen Stuhltest, oder eine Darmspiegelung bezahlt. Für Frauen dieser Altersgruppe zahlt die Kasse nur den Stuhltest. Ab 55 können beide Geschlechter alle zwei Jahre den Stuhltest oder alle zehn Jahre eine Darmspiegelung nutzen. Ab dem 75. Lebensjahr wird in der Regel keine vorsorgliche Darmspiegelung mehr empfohlen, da das Risiko für Komplikationen im Alter zunimmt.

Welche Ärzte geben den Stuhltest aus?

„Den Stuhltest bekommt man bei Gastroenterologen, das sind Spezialisten für Erkrankungen des Verdauungssystems, bei Hausärzten, Gynäkologen und Urologen“, sagt Dr. Roland Kuchta, Vorsitzender des Berufsverbandes der niedergelassenen Gastroenterologen in Sachsen.

Wie lange wartet man in Sachsen auf einen Termin für die Darmspiegelung?

„Anspruchsberechtigte bekommen in Sachsen innerhalb von vier bis acht Wochen einen Termin zur vorsorglichen Darmspiegelung“, sagt Roland Kuchta.

Wird in der Einladung ein Termin oder eine Praxis empfohlen?

„Nein, denn es gibt keine zentrale Stelle wie beim Mammografie-Screening, die die Einladung koordiniert“, sagt Sandra Rau von der Barmer in Sachsen. Versicherte könnten sich aber von ihrer Kasse Praxen nennen lassen.

Was ist besser, der Stuhltest oder die Darmspiegelung?

„Der Stuhltest ist nur die zweitbeste Form der Darmkrebsfrüherkennung“, sagt Professor Jürgen Weitz, Direktor der Klinik für Viszeralchirurgie am Uniklinikum Dresden. „Denn verborgenes Blut im Stuhl kann mehrere Ursachen haben – Entzündungen, Hämorrhoiden oder Krebs.“ Ein auffälliger Stuhltest müsse deshalb immer durch eine Darmspiegelung abgeklärt werden. Die Spiegelung sei deshalb die beste Methode, weil sie der Krebsentstehung vorbeugen kann, indem Vorstufen – sogenannte Polypen – gleich entfernt werden. „Polypen sind kleine Knospen an der Darmschleimhaut, die viele Jahre gutartig sind, dann aber entarten können. Die überwiegende Mehrheit aller Darmkrebserkrankungen hatte in Polypen ihren Ursprung“, sagt er. Weitz begrüßt die Einladungen der Kassen sehr. „Denn ich habe Verständnis dafür, dass Versicherte nicht permanent an Darmkrebs denken, wenn nicht gerade im Umfeld jemand davon betroffen ist.“

Wie viele Menschen können durch Früherkennung vor dem Darmkrebstod bewahrt werden?

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat anhand von Studien die Wirksamkeit der Darmkrebsfrüherkennung ermittelt. Demnach sterben von 1.000 Männern im Alter zwischen 50 und 60 Jahren ohne Früherkennung zwei bis sechs an Darmkrebs. Mit regelmäßigem Stuhltest stirbt ein Mann weniger, mit Darmspiegelung sterben bis zu vier Männer weniger. Bei Frauen ergibt sich folgendes Bild: Ohne Früherkennung sterben eine bis fünf von 1.000 Frauen an Darmkrebs, mit Stuhltest eine Frau weniger, mit Darmspiegelung drei Frauen weniger. Laut Institut findet der Stuhltest etwa 70 Prozent der Tumoren, die Darmspiegelung 95 Prozent.

Viele haben Angst vor Schmerzen und Komplikationen. Ist die Gefahr hoch?

„Die Darmspiegelung ist auch unter Narkose möglich“, so Professor Weitz. Unangenehmer als die Untersuchung ist aber meist die vorherige Darmreinigung. „Doch wenn man weiß, wie viel späteres Leid einem dadurch erspart werden kann, lässt sich die Prozedur vielleicht besser ertragen.“ Dem IQWiG zufolge treten bei drei von 1.000 Darmspiegelung behandlungsbedürftige Komplikationen auf. Meist seien das Blutungen im Zusammenhang mit der Entfernung von Polypen. Die Blutungen könnten in der Regel ambulant behandelt werden. Bei weniger als einer von 1.000 Untersuchungen treten Herz-Kreislauf-Probleme oder Darmdurchbrüche auf. Der Darmdurchbruch ist die schwerwiegendste Komplikation. Sie passiert, wenn mit der Spitze des Koloskops zu viel Druck auf die Darmwand ausgeübt oder die Wand bei der Polypen-Entfernung verletzt wird. Ein Darmdurchbruch muss sofort operiert werden.

Was passiert, wenn ein Polyp gefunden wird?

Wird nur ein einzelner, unauffälliger Polyp gefunden, hat das keine Konsequenzen für den Untersuchungsintervall. Nach der Entfernung reicht es, nach zehn Jahren die nächste Spiegelung durchführen zu lassen. Ein auffälliger, größerer Polyp oder mehrere kleine deuten darauf hin, dass in den nächsten Jahren weitere Polypen wachsen. Die nächste Spiegelung sollte daher nach drei bis fünf Jahren erfolgen.

Wenn Darmkrebs gefunden wird, wie wird dann weiterbehandelt?

„Darmkrebs, der noch nicht in andere Organe gestreut hat, lässt sich durch eine Operation komplett entfernen und damit heilen“, sagt Professor Weitz. Solche frühen Formen machten aber noch keine Symptome, sodass sie nur im Rahmen der Früherkennung entdeckt werden können. „Wichtig ist es, sich dann an ein Darmkrebszentrum zu wenden, dass viel Erfahrung mit der OP hat. Das erkennt man an hohen Fallzahlen“, so Weitz. Erfahrung sei zum Beispiel wichtig, um den Schließmuskel und die Nervenfunktion zu erhalten. OP-Roboter erzielten hier sehr gute Ergebnisse. „Es ist aber noch nicht bewiesen, dass die Robotertechnik der minimalinvasiven Operation per Laparoskop überlegen ist“, sagt er. Gibt es bereits Metastasen in der Leber oder Lunge, könnten auch diese an speziellen Kliniken operativ oder radiologisch entfernt werden. „Damit werden sogar fortgeschrittene Tumoren in einem begrenzten Umfang heilbar.“ Neben der Operation gibt es noch die Chemotherapie. Sie kann Tumoren verkleinern und damit operabel machen oder aber ein weiteres Fortschreiten der Erkrankung verhindern. Immun- und Antikörpertherapien greifen in den Stoffwechsel des Tumors ein und unterdrücken sein Wachstum. „Damit haben Patienten eine längere Überlebenszeit mit meist guter Lebensqualität“, so Weitz. Die Chemotherapien seien jetzt viel verträglicher. Auch die Bestrahlung sei präziser geworden und beeinträchtige umliegendes Gewebe weniger stark als früher. Auch mit Strahlung ließen sich Tumoren verkleinern, sodass sie operiert werden können.

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