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Sachsen, deine Flüsse

Teil 4 unserer Naturserie: Bäche und Tümpel, kleine Flüsse und die Elbe. Das Leben im Wasser in Zeiten der Dürre. Und ein ganz rätselhafter Fisch.

Junge Lachse wurden 1994 in der Elbe ausgesetzt. Jetzt kehren sie Jahr für Jahr von der Nordsee nach Sachsen zurück.
Junge Lachse wurden 1994 in der Elbe ausgesetzt. Jetzt kehren sie Jahr für Jahr von der Nordsee nach Sachsen zurück. © ZB

Es sind die ersten Tropfen seit Wochen. So trocken war der April fast nie. Die Tümpel sind leer. Die Bäche und kleinen Flüsse im Gebirge haben längst kein Regenwasser mehr, was da fließt. Grundwasser ist es noch, welches das Flusssystem am Laufen hält. Es gibt den Fischen und Amphibien ihre letzte Lebensgrundlage.

An die 15.000 Kilometer Flussläufe und Bäche schlängeln sich durch Sachsen. 178 Kilometer hat davon die Elbe. Sie alle müssten im Frühjahr eigentlich so richtig voll sein. Doch wo ist die Schneeschmelze geblieben, die die Wiesen und Ufer auch mal ein Stück weit überschwemmt? Wo die heftigen Regenfälle im März und April, die Tümpel und Teiche bis an den Rand füllen? Dies wären eigentlich die überlebenswichtigen Laichplätze für Fische. Es wären die Orte für neue Generationen von Molchen und Lurchen.

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Das bisschen Regen gestern und heute füllt ja noch nicht mal die Pfützen. Selbst die wären schon ein Lebensraum für Amphibien. Die tief in den Boden gedruckten Radspuren voll mit schlammigem Wasser, wie herrlich. Wir brauchen mehr Pfützen, Tümpel. Teiche, fordert die Wissenschaft. Solange es die nicht gibt, bleiben die Städte ein Fluchtort für Amphibien. So sind es die Miniteiche in den Gartenanlagen, die den Fröschen und Kröten und Molchen Zuflucht bieten. Holger Lueg, vom Artenschutz im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie, beobachtet diese Tendenz seit Jahren. Nur den Feuersalamander wird es nicht in die Gärten ziehen, der lebt in seinem komfortablen Terrain der Sächsischen Schweiz und in den Mittelgebirgen.

Der Salamanderfresser kommt näher

17 Amphibienarten gibt es in Sachsen. Es sind vor allem Frösche und Kröten. Nur vier Molcharten sind darunter und eben der Feuersalamander. Sachsen hat damit von der Artenanzahl her für Deutschland eine gute Situation. 20 Arten gibt es in Deutschland. 8.000 sind weltweit bekannt, berichtet Raffael Ernst, Sektionsleiter Amphibien und Kriechtiere der Senckenberg Naturhistorischen Sammlungen Dresden. Aber nahezu 40 Prozent sind vom Aussterben bedroht, 2001 waren es nur 30 Prozent. Schwindende Lebensräume sind weltweit wie in Sachsen die Hauptursache. Viren, Bakterien und Pilze vollenden die Artenvernichtung bei Amphibien.

Der Feuersalamander in Sachsen hat Glück. Hier findet er eine für ihn vielfältige Landschaft und bisher ohne die tödliche Gefahr des Salamanderfresserpilzes, sagt Raffael Ernst. Zu sehen ist der schwarz-gelbe Salamander schon seit Jahresbeginn. In warmen Wintern bleibt er aktiv. Grasfrosch und Moorfrosch folgten im Februar. Das ist normal. Nur, die Erdkröten haben sich auch schon im Februar in der Landschaft verteilt, im März wären sie eigentlich erst dran gewesen. Raffael Ernst sieht die fehlende oder zu kurze Winterstarre als Problem für die Amphibien. „Warme Winter schaden den Amphibien mehr als zu kalte.“ Dann verbrauchen sie Energie, finden aber noch keine Nahrung und kommen geschwächt ins Frühjahr.

Sachsens Tierwelt in Zahlen:

17 Amphibienarten gibt es derzeit in Sachsen.

1 Art der Salamander lebt inSachsen.

45 Fischarten schwimmen in der Elbe.

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Ob es den Molchen, Lurchen, Fröschen in Sachsen wirklich gut geht, das kann man nicht an der seit Jahrzehnten gleichbleibenden Artenzahl feststellen, sagt Holger Lueg vom Landesumweltamt. Denn die Amphiben nehmen deutlich ab. Ein Beispiel dafür ist der Grasfrosch. Hüpfte der noch vor Jahren auf jeder Wiese alle paar Meter übers Gras, so ist er heute kaum noch zu sehen. Er gilt dennoch als ungefährdet, weil er überall vorkommt, nur eben seltener. Und niemand weiß, wie selten wirklich. Sind die Bestände um die Hälfte oder auf Zehntel geschrumpft? Dafür wäre ein jahrelanges Monitoring notwendig, doch als Forschung zähle das nun mal nicht, sagt Lueg. Und so bleiben die vagen Beobachtungen an den Froschzäunen als einige der wenigen Indizien. Was dort in den Eimern sich sammelt, ist nur etwa die Hälfte der Tiere, verglichen mit der Zeit um 2000.

Doch es gibt selbst in diesen Zeiten Gewinner. Der Springfrosch mag die warmen Wälder um Moritzburg. Er war fast völlig verschwunden und breitet sich dort nun prächtig aus. Bei Amphibien entscheiden nur sehr kleine Kleinigkeiten, ob es ihnen gut geht oder nicht, ob sie bleiben oder fort sind. Die Fische tun es ihnen gleich. Sie verschwinden, wenn ihnen die Laichgewässer genommen werden, wenn Sperren und Wehre die Wanderung stoppen. Doch die Artenzahl bleibt.

Ein Fisch mit Genen aus der Eiszeit

56 Fischarten sind in ganz Sachsen seit 2010 mindestens einmal nachgewiesen worden, das geht aus der Fisch-Datenbank für Sachsen hervor. 45 Arten schwimmen in der Elbe und damit so viele wie nirgends sonst in Sachsen. In der Neiße sind es 33 und der Mulde 34. Der Wels, fast schon ausgestorben zu Wendezeiten, gehört nun mit der Erwärmung zu den absoluten Gewinnern, erklärt Gert Füllner, Referatsleiter Fischerei im Landesumweltamt. „Der Wels breitet sich massiv aus.“ Der Lachs weniger. Mal kommen 200 aus dem Atlantik die Elbe herauf, in anderen Jahren nur 20. Fehlt das Wasser im Fluss, dann fehlt auch die Strömung, die die Lachse aber brauchen.

So richtig Ärger macht aber nur die Schwarzmundgrundel aus der Schwarzmeer-Region. Sie kam erst vor wenigen Jahren neu nach Sachsen, findet es hier lebenswert und ist als kleiner Raubfisch nicht mehr aufzuhalten. Ähnlich wie der Kormoran, der die Äsche wegfrisst. Die Bachforelle indes ist und bleibt Sachsens häufigste Fischart. Sie schafft es auch bis ganz nach oben in die Quellgebiete der Gebirgsflüsse. „Im Oberlauf eines Bergbaches finden wir dann nur noch maximal drei, manchmal auch nur eine Art“, sagt Gert Füllner. „Das muss so bleiben.“ Und das hier auch: In der Kirnitzsch der Sächsischen Schweiz schwimmen Bachforellen, die haben von ihrem Erbgut her nichts mit den sächsischen Forellen gemeinsam. Ihre Gene sind mit den Forellen der Donauregion zu fast 100 Prozent identisch, sagt Gert Füllner. Die Erklärung dafür ist so einfach wie spektakulär: In der letzten Eiszeit gab es von der Kirnitzsch hinüber zur Donau noch eine Wasserverbindung. Die wurde geologisch später getrennt, die Gene aber sind dageblieben. So schwimmt die Donauforelle noch heute in Sachsen.

Teil 5 der großen Serie zur heimischen Natur lesen Sie am Sonnabend: „Sachsen, deine Vögel“.

Bisher in dieser Serie erschienen:

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