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Wie die Flugzeugwerke die Corona-Krise meistern

Die Elbe Flugzeugwerke wollen ohne Jobabbau durch die Corona-Krise – und haben auch am Flugplatz Rothenburg Großes vor.

Im neuen fast 200 Meter langen, 100 Meter breiten und gut 36 Meter hohen Hangar stehen drei Airbusse. Der kleinere A300 zur Wartung (M.) wird von langstreckentauglichen A330 flankiert, die zu Frachtfliegern umgebaut werden.
Im neuen fast 200 Meter langen, 100 Meter breiten und gut 36 Meter hohen Hangar stehen drei Airbusse. Der kleinere A300 zur Wartung (M.) wird von langstreckentauglichen A330 flankiert, die zu Frachtfliegern umgebaut werden. © Matthias Rietschel

Wenn Andreas Sperl die wirtschaftliche Lage Sachsens beschreibt, dann kommt der Präsident der Dresdner Industrie- und Handelskammer zwangsläufig ins Vergleichen mit der Situation in den Elbe Flugzeugwerken (EFW), deren Chef er seit 2007 ist. 

Jüngst hatte Sperl für die 96.000 IHK-Betriebe ein „düsteres Bild in Corona-Zeiten“ gemalt – eine Geschäftslage, „so schlecht wie seit Anfang der 90er nicht mehr“. Und in der eigenen Gruppe, die von Komponentenfertigung für Airbus, Frachterumrüstung, Wartungsaufträgen lebt?

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EFW-Geschäftsführer Andreas Sperl.
EFW-Geschäftsführer Andreas Sperl. © Matthias Rietschel

Die Luftfahrt ist mit am stärksten von der Krise betroffen. Die meisten Airlines lassen das Gros ihrer Flotte am Boden, und viele plagen Finanzprobleme. Das spürt auch der Flugzeugbauer Airbus, Hauptkunde der Dresdner, der kaum noch Maschinen ausliefert. „Airbus hat seine Fertigung um über 40 Prozent zurückgefahren und erwartet, dass es möglicherweise nicht vor 2022 wieder aufwärtsgeht. Wir müssen uns auf eine längere Durststrecke einstellen“, sagt Sperl. Das schlage sich bei der Komponentenfertigung nieder, die mehr als 50 Prozent vom Umsatz ausmache. 

Elbe-Flugzeugwerke in Corona-Kurzarbeit

In Dresden und bei den Töchtern Acosa und CCI Assembly in Kodersdorf bei Görlitz werden Fußbodenplatten und Frachtraumverkleidungen für Airbusse produziert. Der EFW-Chef räumt „Produktionsrückgänge von fast 50 Prozent“ ein. Um Kosten zu sparen, sei Kurzarbeit von bis zu 50 Prozent eingeführt worden. „Wir schließen keine Werke, werden aber die Fertigung bis zum Jahresende sporadisch und angelehnt an die Airbus-Schließungen wochenweise komplett herunterfahren“, so Sperl. 

Er versuche, „die Krise bei der geringen Beschäftigung einigermaßen unter Kontrolle zu halten. Deshalb brauchen wir übers Jahresende hinaus das Regime der Kurzarbeit“, appelliert er an die Politik – auch als IHK-Präsident. Sein Hauptziel: keine Personalkürzung. „Wir wollen unsere Mannschaft an Bord behalten, weil wir mittel- und langfristig positive Perspektiven sehen.“

Die Arbeiter sind Spezialisten - Andreas Sperl will sie um jeden Preis halten.
Die Arbeiter sind Spezialisten - Andreas Sperl will sie um jeden Preis halten. © Matthias Rietschel

Besser schaut es bei den anderen Standbeinen aus: der Umrüstung von Passagier- zu Frachtfliegern und der Wartung von Großraumflugzeugen. Weil Passagiermaschinen am Boden bleiben, entfällt die Belly Freight – Fracht, die dort in Laderäumen mitfliegt und die Hälfte der gesamten Luftfracht ausmacht. Der Anteil, forciert durch boomenden Internethandel, muss durch Frachter aufgefangen werden. Umgebaute A 330 etwa, für die die EFW nach 200 umgebauten A 300 nun exklusive Adresse sind. Solche Airbusse fliegen mit 26 Containern 6.700 Kilometer weit. Auch Kurz- und Mittelstreckenjets A 321-200 gehören zum Portfolio der Dresdner, in deren Auftrag in Kürze der Prototyp das Mutterwerk von ST Aerospace in Singapur verlassen wird.

Aufträge von Airlines fallen weg

„Auch wir können von der steigenden Nachfrage nach Frachtkapazitäten profitieren, aber leider nicht kurzfristig“, ist der gebürtige Niedersachse überzeugt. Für einen Umrüstjob brauche es sechs Monate zur Materialbeschaffung und technischen Anpassung der Zeichnungen zum Flugzeug. „Die gute Nachfrage wird uns hoffentlich 2021 helfen, aber noch nicht so sehr 2020.“ Noch sind die Stellplätze mit Aufträgen aus dem letzten Jahr belegt, weil die Lieferkette hing und ein italienischer Zulieferer akute Corona-Probleme hatte.

Ein Flugzeug umzubauen ist ein Millionenunternehmen. Dementsprechend schmerzt es, wenn die Aufträge wegfallen.
Ein Flugzeug umzubauen ist ein Millionenunternehmen. Dementsprechend schmerzt es, wenn die Aufträge wegfallen. © Matthias Rietschel

Ein Umstand tut dem Manager weh: Qantas, die Nationalairline Australiens, hat einen Großauftrag zur Kabinenumrüstung von neun A380 ausgesetzt. „Dabei ist die vierte Maschine bereits so gut wie fertig“, sagt Sperl. Er hoffe auf Fortsetzung in ein, zwei Jahren. Das Unternehmen wolle mit seiner hart erarbeiteten Alleinstellung „schon ein Stück vom Kuchen abhaben“.

Die Elbe Flugzeugwerke (EFW) sind ein Spezialist für Frachterumrüstung, Wartung und Reparatur. Sie stellen für Airbus auch Bodenplatten, Kabinenwände, Cockpit-Türen und Komponenten her.

Das Unternehmen ist mit fast 1.900 Beschäftigten in Dresden und Kodersdorf und zuletzt etwa 300 Millionen Euro Jahresumsatz der größte Vertreter der Luft- und Raumfahrtindustrie in Sachsen.

Dort agieren etwa 160 Firmen und Forschungsstätten mit rund 7.000 Mitarbeitern und 1,4 Milliarden Euro Jahresumsatz.

In Dresden werden seit 65 Jahren Flugzeuge gebaut – in den 1950ern die Iljuschin IL14P in Lizenz und die legendäre „152“, das erste deutsche Passagierstrahlflugzeug.Dem Absturz folgte 1961 das Aus auf Geheiß der sowjetischen Konkurrenz. Danach blieb es bei Zulieferung und Wartung von Kampffliegern und Helikoptern für den Ostblock.

Nach der Wende stiegen EADS/Airbus und ST Aerospace aus Singapur ein.

1996 wurde der erste umgerüstete Airbus A 310 an Federal Express in den USA übergeben. (SZ/mr)

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Airbus hatte 2019 verkündet, die Produktion des größten Passagierflugzeugs 2021 einzustellen. Nur gut 250 Doppelstöcker werden dann das Werk in Toulouse verlassen haben. Beim Programmstart 2000 hatte der Konzern noch mit 1.000 Flugzeugen für bis zu 615 Passagiere geliebäugelt. Auch der einstige Stolz der europäischen Luftfahrt könnte irgendwann zur Umrüstung anstehen – als Lightversion: unten Container und oben Pakete oder Passagiere. Sperls Träume sollen früher reifen.

Neue Materialien im Einsatz

Noch ist ein maßgetreues Gerüst Platzhalter für den Bundeswehr-Hubschrauber NH-90. Ab dem Frühjahr sollen die EFW die Flotte von Heer und Marine warten – bis zu 14 Maschinen pro Jahr und ein Zehn-Jahres-Geschäft über 290 Millionen Euro.

Und dann gibt’s dieses Recyclingprojekt für den Flugplatz Rothenburg bei Niesky. Sperl & Co. haben die Idee, Flugzeuge, die nicht mehr in Dienst gestellt werden, dort auszuschlachten und die Ersatzteile aufzuarbeiten. Der Chef schielt auch auf Lausitzer Kohlemilliarden vom Bund, die sich nach seiner Ansicht zu sehr auf Infrastrukturprojekte konzentrierten. Der Plan habe sich wegen Corona verzögert, heißt es, auch der Ersatzteilmarkt liege brach. 

Bei den Flugzeugwerken sollen ab kommendem Frühjahr auch Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ NH90 gewartet werden.
Bei den Flugzeugwerken sollen ab kommendem Frühjahr auch Bundeswehr-Hubschrauber vom Typ NH90 gewartet werden. © Matthias Rietschel

„Aber wir wollen am Thema dranbleiben und im zweiten Schritt in Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern von Fraunhofer und der TU Dresden ein Komplett-Recycling von Flugzeugen anbieten: Titan, Aluminium und andere Materialien trennen und verwerten.“ Durch Recyceln von Verbundwerkstoffen ließen sich neue Fasern für neue Produkte gewinnen. Zukunftsmusik.

Gehaltserhöhung in weiter Ferne

Auch wenn ein Wartungsauftrag für A300 von Posttochter DHL die größte Not lindert, macht sich der promovierte Betriebswirt nichts vor: „Das Jahr ist für uns nicht mehr zu retten. Wir werden einen massiven Umsatzeinbruch haben.“ Nach fast 300 Millionen Euro 2019 wohl nur gut 200 Millionen. Er wolle den Ergebnisverfall unter Kontrolle halten und habe nicht notwendige Ausgaben gestrichen oder verschoben: Reisekosten, alle Veranstaltungen, auch Entwicklungsthemen. 

Der DHL-Auftrag hilft dem Unternehmen durch die Krise.
Der DHL-Auftrag hilft dem Unternehmen durch die Krise. © Matthias Rietschel

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Auch die 1.885 Beschäftigten der drei Werke, darunter 81 Lehrlinge, zahlen einen Preis: „Angesichts der Umstände gibt es beim Flächentarif vorerst keine Spielräume für kurzfristige Erhöhungen“, sagt Sperl, einst Finanzchef bei Airbus. Auf die Frage, wie lange er sich den EFW-Chefposten noch antun wolle, antwortet der 72-Jährige: „Jetzt machen wir erst mal die Krise durch. Ich verlasse das Schiff nicht während der Krise.“

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