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70 Kilometer zur Geburt

Ende 2017 schloss die Frauenklinik in Bischofswerda nach 20 Jahren. Noch immer ist der Frust groß. Wie ist die Situation in Sachsen jetzt?

Von 53 Geburtsstationen im Jahr 2001 sind nur noch 40 übrig.
Von 53 Geburtsstationen im Jahr 2001 sind nur noch 40 übrig. © Thorsten Eckert

Viele Menschen in Bischofswerda bewegte das Thema damals sehr. 7.000 Unterschriften sammelten die Bürger, um zu verhindern, dass die Frauenklinik geschlossen wird. Doch es half nichts. Der Grund: Es mangelte an Personal.

Timo ist das letzte Kind, das in der Bischofswerdaer Geburtsklinik zur Welt kam.
Timo ist das letzte Kind, das in der Bischofswerdaer Geburtsklinik zur Welt kam. © Archivfoto: Rocci Klein

Die Geburtsstation in Bischofswerda – sie ist nicht die einzige, in der mittlerweile die Lichter ausgegangen sind. Auch die Entbindungsstation in Hartmannsdorf hat dichtgemacht, die in Rochlitz, Oschatz, Sebnitz, Radebeul und Großenhain ebenso. Auch Dippoldiswalde ist betroffen. Und auch diese Schließungen liefen zumeist nicht ohne Protestaktionen der Bürger ab, enttäuschte Leser wendeten sich auch an die Sächsische Zeitung.

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Von 53 Stationen auf 40 verknappt

Ein Blick in die Statistik zeigt die Tendenz ganz deutlich: 53 Geburtsstationen gab es noch im Jahr 2001 in Sachsen, 2010 waren es schon drei weniger. In den darauffolgenden Jahren schlossen viele weitere die Pforten. 2019 standen werdenden Müttern in Sachsen nur noch 40 Geburtsstationen zur Auswahl. Die Konzentration der Kliniken auf Zentren – sie ist in den Zahlen ersichtlich. Im Gegenzug dazu: über Jahre hinweg steigende Geburtenzahlen. Im Jahr 2002 kamen in Sachsen 31.518 Kinder zur Welt, 2018 waren es 35.890.

Dennoch: „Der Trend, dass kleinere Stationen geschlossen werden, zieht sich durch ganz Sachsen – ja, eigentlich durch ganz Deutschland“, sagt Dr. med. Ulf Winkler, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin im Bautzener Krankenhaus. Er sitzt mit Dr. med. Petra Bießlich in einem Büro im Bautzener Krankenhaus – viel Abstand zueinander. Das Coronavirus zieht natürlich auch hier nicht spurlos vorbei. Bießlich und Winkler würden die Geburtsstation in Bautzen gerne zeigen - wegen der Pandemie können sie das aber nicht. Nur Väter dürfen hier bei der Geburt dabeisein, alle anderen sind tabu. Dabei sind die Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe und der Chefarzt in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin eigentlich stolz darauf.

An ihr Klinikum, die Oberlausitz-Kliniken, war auch die Geburtsstation im Bischofswerdaer Krankenhaus angegliedert. Was also bedeutet die Situation für werdende Mütter? Gibt es noch immer Frust? „Ich rede nicht mehr so gerne über die Schließung in Bischofswerda“, sagt Petra Bießlich. „Das ist Geschichte. Aber ich gehe davon aus, dass auch andere kleine Geburtsstationen früher oder später schließen müssen.“

Welche Strecke ist zumutbar?

Lieber mehr Intimität – oder lieber Sicherheit? – Das sei die Frage, die sich viele stellen, wenn sie sich entscheiden, ob sie eine kleine Geburtsklinik auswählen oder eben die Geburt in einem Krankenhaus, das auch eine Kinderklinik hat, erzählt Ulf Winkler. Für ihn ist die Sache klar: „Auch bei uns ist eine Geburt keine Massenabfertigung.“ Die Fahrtstrecken in die Klinik seien auch jetzt noch zumutbar. Vor allem aber zählt für Winkler das Argument der Sicherheit. „Wir erleben es täglich: Ein Kinderarzt ist bei einer Geburt oft ganz überraschend nötig.“ Die Geburt – sie sei der gefährlichste Lebenszeitpunkt eines jeden.

Dem größeren Krankenhaus in Bautzen sei es möglich, zu so gut wie jeder Zeit zwei Frauenärzte, einen Kinderarzt und zwei Hebammen bereitzuhalten. In Bischofswerda ging das so nicht – und „auch wir können das erst, seitdem wir das Personal aus Bischofswerda übernommen haben“, erzählt Petra Bießlich. Auch andere Krankenhäuser nennen diesen Vorteil. Der Konzentrationsprozess – aus Sicht der Ärzte zu Unrecht verschrien.

Zwei Frauenärzte, einen Kinderarzt und zwei Hebammen kann das Krankenhaus in Bautzen permanent bereit halten. Kleinere Geburtskliniken können das nicht, erzählen die Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. med. Petra Bießlich, und Dr. med. Ulf Wi
Zwei Frauenärzte, einen Kinderarzt und zwei Hebammen kann das Krankenhaus in Bautzen permanent bereit halten. Kleinere Geburtskliniken können das nicht, erzählen die Chefärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe, Dr. med. Petra Bießlich, und Dr. med. Ulf Wi © SZ/Uwe Soeder

Also ist alles gut? So einfach ist es dann auch nicht. „Die Schließung einer Geburtsstation im ländlichen Raum ist für die betroffenen Kliniken, aber vor allem für die werdenden Eltern, die dort entbinden wollten, nie einfach“, sagt Kristin Wollbrandt vom Pirnaer Helios Klinikum. In Pirna stiegen die Geburtenzahlen an, nachdem die Station in Sebnitz geschlossen wurde. Und auch Chefarzt Dr. Alexander Wagner vom St. Johannes Krankenhaus in Kamenz nimmt seit dem Schließen der Station in Bischofswerda wahr, dass in Kamenz mehr Kinder zur Welt kommen. Das Schließen der Geburtskliniken im ländlichen Raum – es ist ein schlechtes Zeichen für die Versorgung, sagt er. 

Noch deutlicher wird eine Hebamme aus Hoyerswerda. „Die Schließung von Geburtsstationen im ländlichen Raum ist problematisch“, sagt Sabine Waschulewski, leitende Hebamme am Lausitzer Seenland-Klinikum. Auch im Einzugsgebiet dieses Krankenhauses haben in den vergangenen Jahren zwei Geburtshäuser geschlossen. Das Recht der Mütter auf die freie Wahl des Geburtsortes werde stark eingeschränkt. „Wenn eine Frau 70 Kilometer zur Geburt fahren muss, kann man wohl nicht mehr von einer Wahl sprechen.“ Und auch Ulf Winkler sagt: „Neben der Frage, welche Fahrtstrecke zumutbar ist, kommt natürlich auch die Frage des Gefühls – was finden die Leute angemessen?“

Es mangelt an Personal

Außerdem hat die Geburtsstation in Bischofswerda auch eines deutlich gezeigt: Der Mangel an Personal ist ein Problem. „Die Fachkräftesituation hat sich in den letzten Jahren massiv verschärft“, erklärt auch Dr. Stephan Helm, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Sachsen. „Das betrifft Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen und Fachpflegekräfte.“ Gerade im ländlichen Raum müssten wegen der fehlenden personellen Ressourcen Abteilungen schließen.

Auch das Bautzener Krankenhaus, das erzählen Bießlich und Winkler, hat damit zu kämpfen. „Es gibt eine Flaute im Assistenzarztbereich“, sagt Petra Bießlich, „wir kriegen einfach keine Absolventen“. Vor allem mit zunehmender Entfernung von den Großstädten gebe es einen Ärztemangel – und auch einen an Hebammen. „Im Bereich der Frauenheilkunde und Geburtshilfe haben wir gerade drei offene Stellen“, sagt Bießlich. „Viele zieht es eben eher in die großen Städte.“ Maßnahmen gegen den Hebammenmangel, Landarztquote, Fördergelder – vieles wird jetzt ausprobiert, um die Lage zu bessern. Was es bringt? Noch zucken Winkler und Bießlich mit den Schultern.

Und was sagt die Politik? Wird sich die Lage bessern? Das sächsische Sozialministerium scheint sie Wogen glätten zu wollen, erklärt: „Die Schließung der wenigen Geburtshilfen in den ländlichen Gebieten in den vergangenen Jahren hat zu einem moderaten Aufwuchs an Geburten in anderen umliegenden Krankenhäusern geführt.“ Diese seien aber bezogen auf die einzelnen Krankenhäuser nicht so hoch gewesen, dass es dadurch zu Engpässen komme. Durch die Konzentration auf die 40 Standorte werde das Personal gebündelt. Durch die höheren Geburtenzahlen in den verbleibenden Stationen wachse die Routine – und Fehler und Komplikationen könnten vermieden werden.

Hier überall haben zwischen 2001 und 2019 Geburtsstationen geschlossen:

  • Hartmannsdorf
  • Rochlitz
  • Adorf
  • Reichenbach
  • Breitenbrunn
  • Bischofswerda
  • Großenhain
  • Sebnitz
  • Leipzig
  • Zwenkau
  • Oschatz

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