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Wirtschaft

Forschungsfabrik für Batterien kommt doch nicht - die Reaktionen

Viele Bundesländer buhlten um die ausgelobten 500 Millionen Euro.  In Sachsen gab es schon einen Standort. Doch den Zuschlag bekamen andere.

Eine Zelle für eine Smart III-Batterie wird bearbeitet.
Eine Zelle für eine Smart III-Batterie wird bearbeitet. © dpa

Der Freistaat hatte sich schon ein Grundstück und Gebäudekomplex in Großröhrsdorf gesichert, wo die Forschungsfabrik für die Batteriezellenfertigung (FFB) entstehen sollte. Doch seit Freitagmorgen steht fest: Sie wird in Münster in Nordrhein-Westfalen gebaut werden. Bis Mitte 2022 ist vorgesehen, dass dort eine Forschungseinrichtung mit rund 150 Mitarbeitern entsteht, die unter den Bedingungen einer Massenfertigung Batteriezellen herstellen und verkaufen soll. Ziel ist, das Deutschland einen wettbewerbsfähigen Produktionsprozess für die nächste Generation innovativer und leistungsfähiger Batterien für Elektrofahrzeuge entwickelt. Es geht darum, nicht nur den asiatischen Vorsprung aufzuholen, sondern die Technologieführerschaft zu erreichen. Wenn das gelingt, könnte die Wertschöpfung der Batterieproduktion wieder im Hochlohnland Deutschland gehalten werden, was Arbeitsplätze in der Automobilindustrie und im Maschinen- und Anlagenbau sichert. Deshalb unterstützt die Bundesregierung den Aufbau der Forschungsfabrik mit 500 Millionen Euro.

Bundesforschungsministerin Anja Karliczek (CDU) hat die Entscheidung im Standortwettbewerb überraschend acht Tage vorgezogen. Eigentlich sollte sie am 8. Juli fallen. Doch im Rennen um die Forschungsfabrik, die auch gute Chancen für den Aufbau einer neuen Zulieferindustrie und Ansiedlung von Gigawattfabriken verspricht, hatte der politische Druck offenbar enorm zugenommen. „Es tut nicht not, die Diskussion über vierzehn Tage noch hinzuziehen, die alle Beteiligten nur beschädigen würde“, sagte Karliczek in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz früh um 8.45 Uhr, die außerhalb Berlins nur über einen Livestream auf Twitter zu verfolgen war. Bewerbungskonzepte waren aus Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Sachsen eingereicht worden. Der Antrag aus dem Freistaat war der einzige aus Ostdeutschland, wurde jedoch von der Ländern Brandenburg und Thüringen unterstützt. Als Favorit galt der Standort Ulm in Baden-Württemberg.

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Fachlich seien alle sechs eingereichten Konzepte gleichwertig, betonte Karliczek. Bei der Entscheidung hätten aber noch weitere Aspekte eine Rolle gespielt, etwa, ob die Konzepte in die Gesamtstrategie der Bundesregierung passen und welchen Beitrag sie zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz leisten würden. Der Antrag aus Nordrhein-Westfalen hätte am überzeugendsten nachhaltige Ansätze über den gesamten Lebenszyklus einer Batteriezelle hinweg aufgezeigt, von einer ressourcenschonenden Fertigung bis hin zu den Recyclingmöglichkeiten von Batteriezellen, ob sie nun verkauft werden können oder nicht. „Mit Blick auf den ökologischen Aspekt war das mit entscheidend. Die grüne Batterie kommt“, sagte die Ministerin. Die Wiederverwertung soll in Ibbenbüren in der Nähe von Münster aufgezogen werden, wo Karliczek ihren Wahlkreis hat. Sie habe sich deshalb bis zuletzt aus der Diskussion herausgehalten und den Auswahlprozess an das Bundeswirtschaftsministerium übergeben, betonte sie.

Eine Rolle dürfte auch gespielt haben, dass das Land Nordrhein-Westfalen 200 Millionen Euro für die „Forschungsfertigung Batteriezelle“ bereit stellt. Der Freistaat Sachsen hatte bis zu 100 Millionen Euro zugesichert, wenn Großröhrsdorf als Standort den Zuschlag bekommen hätte.

„Es gibt einen Standort, aber sechs Gewinner“, hieß es am Freitag in Berlin.  Denn alle Bewerber sollen an der „Innovatiionspipeline Batterie“, wie Karliczek die Forschungsfabrik nennt, beteiligt werden. Schon nächste Woche findet am 2. Juli ein Gespräch statt, um zu diskutieren, wie die vorhandenen Forschungsschwerpunkte der Antragsteller gestärkt werden können. So soll in Salzgitter ein Batterieausbildungskonzept umgesetzt werden, in Karlsruhe die Forschung an digitalen Industrieprozessen und in Augsburg die Entwicklungen von Automatisierungslösungen und Robotik intensiviert werden. Sachsen erwähnte Karliczek nicht.

„Wir werden uns die Begründung für die Vergabe der Batterieforschungsfabrik nach Münster und für die Nichtberücksichtigung der sächsischen Bewerbung genau ansehen“, kündigte Sachsens Wissenschaftsministerium Eva-Maria Stange an. Ungeachtet dessen werde der Freistaat die großen Bemühungen auf diesem Forschungsfeld fortsetzen, betonte Stange. Denn Sachsen verfügt über alle Voraussetzungen: Viele Forschungseinrichtungen und Unternehmen haben sich auf dieses Thema konzentriert und decken die Wertschöpfung vom Rohstoff über Materialien und Anlagentechnik bis hin zu Lösungen für digitalisierte Produktionsprozesse und Recycling ab. Deutschlands Autobauer produzieren fast alle in Sachsen und stellen die Standorte hier auf Elektromobilität um.

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„Nun haben wir zumindest Gewissheit und es ist gut, dass es mit der Forschungsfertigung endlich losgeht“, sagt Professor Alexander Michaelis, Mitautor des sächsischen Antrags und Leiter des Fraunhofer-Instituts für Keramische Technologien und Systeme (IKTS). Die Fraunhofer-Gesellschaft wird Betreiber der Forschungsfabrik sein. Unabhängig vom Standort ist das IKTS Bestandteil des Planungsteams. „Unsere Antragsinhalte stehen natürlich auch weiterhin. Wir haben konkrete Projektvorschläge ausgearbeitet, die wir weiter verfolgen werden“, versichert Michaelis. Und er sieht noch eine wichtige Aufgabe: „Wir werden uns mit aller Kraft dafür einsetzen, auch auf Bundesebene die Kompetenzen der neuen Länder auf der Gebiet der Speichertechnologien sichtbar zu machen.“

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