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Mit Kohle allein war’s noch nie getan

Wenn die Tagebaue schließen, werden Milliarden Euro in die Lausitz fließen. Genügen wird es dennoch nicht. Ein Leitartikel von Sebastian Beutler.

Der Kraftakt für die Lausitz beginnt jetzt erst richtig, meint Sebastian Beutler.
Der Kraftakt für die Lausitz beginnt jetzt erst richtig, meint Sebastian Beutler. © Thomas Kretschel

Es ist ein Moment zum Innehalten. Der Kohleausstieg, den Bundestag und Bundesrat am Freitag beschlossen, verändert dieses Land, wie wir wirtschaften, wie wir leben. Nach fast 200 Jahren trennt sich Deutschland von der Kohle und will künftig mit Öko-Energie, Wasserstoff und Erdgas leben. Das alles soll in 20 Jahren über die Bühne gehen.

Von diesem Wandel besonders betroffen ist die Lausitz – eine Region, die in den vergangenen Jahren zu wenig Berücksichtigung in der deutschen Politik fand, die die schlechtesten demografischen Prognosen aufweist, wo die AfD beste Wahlergebnisse einfuhr und selbst viele Einwohner ohne finanzielle Sorgen das Gefühl haben, vergessen worden zu sein. Jetzt stehen dieser Landstrich und seine Menschen erneut vor einem Umbruch.

Oppacher Mineralquellen
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!
Genieß‘ die Heimat mit Oppacher!

Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Der Erste in den 1990er-Jahren hinterließ zwiespältige Erfahrungen: Bestimmende Branchen wie die Glas- und Textilindustrie brachen weg, Massenarbeitslosigkeit vertrieb eine ganze Generation. Auf der anderen Seite investierten viele Tausende Einwohner in ihre Häuser und putzten die Städte und Dörfer so schick heraus wie wohl noch nie in ihrer jahrhundertelangen Geschichte, erlebte die Wirtschaft nach 2000 wieder einen Aufschwung, sieht eine neue Generation wieder Chancen in der Region.

Diese Erfahrungen nähren Zweifel, ob der neuerliche Strukturwandel besser gelingen kann. Doch haben Bundes- und Landespolitik durchaus ihre Lehren gezogen. Drei Jahre lang tagten Kommissionen, verhandelten Minister und Landesregierungschefs, rauften sich Fraktionen zusammen. Jetzt steht der Kompromiss. An dem gibt es noch immer Kritik: In den Augen mancher Umweltorganisationen kommen die Kohle-Konzerne zu gut weg, Landesregierungen wollen zu Recht noch geklärt haben, wer die Rekultivierung der Tagebaue bezahlt, und Wirtschaftsforscher finden 40 Milliarden Euro viel zu viel Geld. Doch erntet der Kohleausstieg ansonsten viel Anerkennung.

Es ist ein Kraftakt, der jetzt erst richtig beginnt. Für Deutschland muss die Energiewirtschaft einmal komplett umgestaltet, Windanlagen aufgebaut, Versorgungsstränge durchs Land gelegt und Wasserstoff-Technologien aufgebaut werden. Für die Lausitz geht es aber um mehr. Natürlich trifft der Ausstieg auch die anderen drei Braunkohlereviere, die jetzt umsteuern müssen. Aber nirgends spielt die Kohle eine so dominierende Rolle wie in der Lausitz, sind so viele Beschäftigte direkt von der Kohle abhängig, sind die gut bezahlten Jobs so wichtig fürs Steueraufkommen, kommen noch Tausende Arbeitsplätze bei Zulieferern hinzu. Da ist es verständlich, dass viele in Boxberg, wo am Ende 2038 der letzte deutsche Kohlemeiler vom Netz geht, fragen: Was kommt nach der Kohle?

Das ist im Detail noch nicht abzusehen. Mit dem gigantischen Konjunkturprogramm von 40 Milliarden Euro für alle Reviere – davon 18 Milliarden für die Lausitz – wird manches finanziert, worum sich Bundes- wie Landesregierungen schon seit Jahrzehnten gedrückt haben: Schnellere Eisenbahnverbindungen von Görlitz nach Dresden und Berlin, leistungsfähige Bundesstraßen von Zittau zur Autobahn A 4 und von Leipzig nach Cottbus, eine bessere Autobahn zwischen Görlitz und Dresden.

Für anderes aber sind die Gelder ein wirklicher Schub: Hochschulen wie Zittau/Görlitz forschen an neuen Werkstoffen und Fahrzeugen. Die Verkehrswissenschaftler der TU Dresden bauen auf dem Görlitzer Siemens-Gelände einen Zweig-Campus auf, am Casus-Institut in Görlitz denken bald über 100 Wissenschaftler über künstliche Intelligenz nach, an der Universität in Cottbus werden künftig Ärzte ausgebildet, in Schwarze Pumpe entsteht ein Wasserstoff-Kraftwerk, Weißwasser wird unterstützt, In Niesky entsteht ein Testzentrum für Züge. Hinter diesen Vorhaben ist ein Muster zu erkennen: Wirtschaft und Staat wollen durch neue Forschungsinstitute und Behörden Investitionen anschieben, zu denen die Region und ihre Unternehmen bislang allein nicht in der Lage waren.

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Doch das alles wäre umsonst ohne die Mitarbeit, die Ideen und die Zuversicht der Bürger. Wo das Zutrauen in die Zukunft fehlt, können noch so viele Milliarden fließen. Der nötige Mentalitäts- und Perspektivwechsel hat begonnen, er ist auch dringend nötig: Die Lausitz ist nicht abgeschrieben und liegt nicht am Rande von Deutschland, sondern mitten in Europa. Auch im Umbruch, der 40 Kohlereviere europaweit trifft. Jetzt hat die Lausitz das Signal zum Aufbruch. 

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