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Sachsen trainieren Helfer in Marokko

Freiwillige vor Ort sollen für Naturkatastrophen besser gewappnet sein. Das soll am Ende auch dem Freistaat nützen. Vor allem beim Thema Flüchtlinge.

Freiwillige des Marokkanischen Roten Halbmonds trainieren mit DRK-Profis die Wasserrettung.
Freiwillige des Marokkanischen Roten Halbmonds trainieren mit DRK-Profis die Wasserrettung. © DRK/Kai Kranich

Wie rettet man im Dunklen einen Vermissten aus reißendem Strom? Mit einer menschlichen Suchkette aus Freiwilligen, die im Abstand von drei Metern am Seil hängen, damit niemand abgetrieben wird. Es ist nur eine Notsituation von vielen, die den Freiwilligen der Hilfsorganisation Roter Halbmond in Marokko drohen kann und auf die sie künftig besser vorbereitet sein sollen. 2020 soll die erste Ausbildungsmission des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Sachsen in den Hohen Atlas starten.

Naturkatastrophen stellen DRK-Krisenmanager Lars Werthmann zufolge das größte Risiko für die Bevölkerung dar. Überflutungen wie hierzulande 2002 und 2013 entlang der Elbe, aber auch Dürren und Erdbeben seien vor allem ein Problem für die örtliche Landwirtschaft. Der DRK-Einsatz soll vor allem die Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung vor Ort erhalten und stärken. Ländliche Gebiete und Dörfer sollen sich selbst helfen können.

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Im grünen Herzen des waldreichen Landschaftsschutzgebietes Oberlausitzer Bergland sprudelt ein ganz besonderer Schatz: Oppacher Mineralwasser, das überall dort zu Hause ist, wo Menschen ihre Heimat genießen.

Nicht ohne Hintergedanken dürfte die Staatsregierung solche Projekte in Marokko finanzieren, denn vielleicht lassen sich so auch größere Flüchtlingsbewegungen vermeiden, die vor allem Sachsen träfen. Der Freistaat ist innerhalb der Bundesrepublik hauptsächlich für Asylbewerber aus Nordafrika und eben Marokko zuständig.

Alles was sich vor Ort lösen lässt, entlastet am Ende hiesige Aufnahmeeinrichtungen und die Staatskasse. Mit rund 215.000 Euro fördert die Staatskanzlei den Einsatz sächsischer DRKler. Und ein zweites Resultat erhofft sich die DRK-Führung: Wer zur Ausbildung nach Marokko reist, entwickelt vielleicht ein besseres interkulturelles Verständnis und kann so Vorurteilen hierzulande entgegenwirken.

Marokkanische Katastrophenschützer üben die nächtliche Vermisstensuche in fließenden Gewässern.
Marokkanische Katastrophenschützer üben die nächtliche Vermisstensuche in fließenden Gewässern. © DRK/Kai Kranich

Bislang war vor allem das Bayerische Rote Kreuz vor Ort und bildet Fließwasserretter aus, die Königsdisziplin der Rettungsschwimmer, erklärt Werthmann. Die Sachsen wollen im April 2020 vor allem das Thema Bergrettung mit einheimischen Profis des Nationalen Krisenteams des Roten Halbmonds trainieren, die ihr Wissen dann an Freiwillige weitergeben sollen.

Dabei soll geübt werden, wie Menschen aus schwerem Gelände mit Sanitätstragen gerettet werden können, von steilen Bergen und aus Gebirgsschluchten. Oder wie sich von Erdrutschen verschüttete Schotterpisten umgehen lassen, um abgeschnittene Dörfer zu erreichen.

Auch der Aufbau von Biwaks soll geübt werden, um schnell Menschen unterbringen zu können. „Wir versuchen, Leute auszubilden, die dort zu Fuß hingehen und retten und helfen“, sagt Werthmann. Der 34-Jährige war für DRK und Technisches Hilfswerk schon auf Einsätzen in der ganzen Welt, hat etwa Taifunopfern auf den Philippinen und vom Erdbeben betroffenen Menschen in Haiti geholfen.

DRK-Krisenmanager Lars Werthmann zeigt an einer Übersichtskarte  das Einsatzgebiet der sächsischen Ausbilder im Hohen Atlas.
DRK-Krisenmanager Lars Werthmann zeigt an einer Übersichtskarte  das Einsatzgebiet der sächsischen Ausbilder im Hohen Atlas. © DRK/Kai Kranich

Als der Freistaat 2015 mit der nach seiner Einschätzung „wohl größten humanitäre Notlage, die Sachsen je erlebt hat“ konfrontiert war, wurde Werthmann kurzerhand zum Chef des Krisenmanagements und verantwortete auch den Aufbau der Dresdner Zeltstadt. Danach baute er ein nagelneues Krisenlager in der Landeshauptstadt mit auf, das nun ohne großen Vorlauf Hilfsgüter in alle Welt verschicken kann.

In den Bergregionen Marokkos sollen jetzt zusätzlich noch 3.500 Frauen und Männer in erster Hilfe geschult werden, um im Ernstfall Verletzte zu versorgen. Dazu werden Schulen und lokale Gesundheitsstationen modernisiert.

Für das bundesweit gesehen recht kleine DRK Sachsen wird es die fünfte Auslandsmission seit 2016. Auf einer Erkundungstour haben drei Mitarbeiter des DRK jetzt die Gegebenheiten des Einsatzlandes in Augenschein genommen. „Wir wollten sehen, wie die Bayern ausbilden und welche kulturellen Besonderheiten zu beachten sind“, sagt DRK-Sprecher Kai Kranich. „Unser Exportschlager ist auch das Ehrenamt mit seinem Teamgeist.“ Die DRK-Profis wollen die Auszubildenden in Situationen bringen, in denen sie aufeinander angewiesen sind und jeder jeden braucht. Das schweiße zusammen und gewährleiste im Ernstfall Schlagkraft.

Das DRK baute während der Flüchtlingskrise das Zeltlager an der Bremer Straße in Dresden auf.
Das DRK baute während der Flüchtlingskrise das Zeltlager an der Bremer Straße in Dresden auf. © DRK/Kai Kranich

Die Struktur der Freiwilligen im muslimischen Marokko habe ihn überrascht, sagt Krisenmanager Werthmann. „Da ist alles dabei, vom 16-Jährigen bis zum Senior und viele Frauen“, sagt er. Viele Gesellschaftsschichten seien vertreten: Lehrer, Dolmetscher, Surflehrer, Gelegenheitsarbeiter und Angestellte. Aus Sachsen sollen zehn ehrenamtliche Helfer kommen, die sich um den Ausbildungseinsatz bewerben können.

Am Ende, so das Kalkül, profitieren alle Seiten von der DRK-Mission. Deutschland muss vielleicht weniger Flüchtlinge aus der Region aufnehmen, der Gebirgstourismus in Marokko könnte sicherer werden und das Verständnis zwischen unterschiedlichen Kulturen könnte wachsen.

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