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Sachsen wird bunter

Zwei Künstler und eine Künstlerin radeln in diesem Sommer durchs Land. Wo sie Station machen, wird man sich noch lange an sie erinnern.

Der niederländische Illustrator Toon Hezemans war mit dem Lastenrad auf Sachsentour.
Der niederländische Illustrator Toon Hezemans war mit dem Lastenrad auf Sachsentour. © Nikolai Schmidt

Der ökologische Fußabdruck von Jens Besser ist vermutlich kleiner als sein Schuh. Der Mann hat nicht mal ein Auto. „Das habe ich zugunsten meines Lastenrads abgeschafft“, sagt er. Er und Cassedy Richter stehen am Elberadweg unter einer alten Weide. Irgendwo kurz vor Meißen öffnete der Himmel die Schleusen. „Wann ist Regen ein Schauer, wann ein Guss?“, will Cassedy wissen. Die Gepäcktaschen sind wasserdicht und Bessers Arbeitsmaterialien gut verstaut in der Kiste seines Lastenrades. Er holt die Regenjacke raus, nimmt einen Schluck aus der Trinkflasche und bleibt entspannt: „Irgendwann muss man ja sowieso mal Pause machen.“ Gleich der Start seiner Sommertour fiel ins Wasser, erzählt er. Das ist natürlich stark übertrieben. Gegossen hat es, als er vor ein paar Tagen in Görlitz anfangen wollte zu malen. Aber der Regen konnte den Streetartkünstler, der am liebsten draußen arbeitet, nicht stoppen. „Da kann man mehr rumsauen“, meint er und lacht.

Auch der Streetartkünstler Jens Besser radelte mit dem Lastenrad durch Sachsen.
Auch der Streetartkünstler Jens Besser radelte mit dem Lastenrad durch Sachsen. © PR

Gemeinsam mit dem niederländischen Illustrator Toon Hezemans gestaltete er in Görlitz die Schaufenster der Galerie Neun. Als die Sonne wieder rauskam, haben die beiden dann live und auf der Straße, aber ausnahmsweise auf Papier gezeichnet. Normalerweise sind es Fassaden und Mauern, die sie verschönern und Wände in Vereinshäusern und Clubs. Diese Kunst wird nie in einem Museum landen, und für die Ewigkeit ist sie auch nicht. „Das ist der Lauf der Dinge“, sagt Besser. „Verwittert ein Wandbild, hat es länger gehalten. Eher wird es beschmiert oder übermalt.“

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Trendmarken in der Centrum Galerie
Trendmarken in der Centrum Galerie

Auch die Centrum Galerie ist mit vielen internationalen Marken und lokalen Händlern bei der langen Nacht des Shoppings dabei.

Die Städte, in denen er schon aktiv war, verteilen sich über die halbe Welt. Dass er nun durch Sachsen tourt, hat nichts mit Corona zu tun. Bereits im vorigen Jahr führte ihn seine „Cargo Tour de Sax“ nach Görlitz und Bautzen, nach Chemnitz und Reichenbach im Vogtland. In diesem August radelte er mit Toon Hezemans wieder nach Görlitz, Löbau und Bautzen.

Wandbild in einem Löbauer Klub
Wandbild in einem Löbauer Klub © Nikolai Schmidt

Auf dem zweiten Teil der Tour begleitete ihn in dieser Woche die Romanistikstudentin und Künstlerin Cassedy Richter nach Oschatz und Leipzig. Im Oschatzer Kulturverein „Ab-artig“ gestalteten sie eine Wand, und Besser erzählte den Leuten von der Tour. Fünfzig bis sechzig Kilo hat er auf seinem Rad geladen – Farben, Spraydosen, Pinsel und Rollen, die er immer wieder auswäscht und nicht für jeden Auftrag neu kauft. So viel Nachhaltigkeit muss sein.

Der Künstler lobt die Vorzüge des Lastenrads: „Einmal habe ich auf dem Rad sogar eine Quadratmeter große Platte transportiert, die garantiert nicht in mein Auto gepasst hätte!“ Was ihm auffällt: Rad gefahren wird mehr in der Stadt als auf dem Land, wo es einfach weniger Radwege gibt. Wenn Besser mangels Radweg auf einer Landstraße fahren muss, findet er die Überholmanöver vieler Autofahrer grenzwertig: „Zwei Meter seitlichen Abstand hält fast keiner.“ Auch die Radwege könnten breiter sein, meint er. Dabei ist der 38-Jährige alles andere als ein Verkehrshindernis und zeigt manchem Genussradler das Rücklicht seines vollgepackten Lastenrads. Nur dem Sturm am Mittwoch war er nicht gewachsen. „Wir kamen überhaupt nicht mehr voran, schlichen mit 12 km/h und mussten in den Zug steigen, um rechtzeitig in Leipzig anzukommen.“

Wandbild in Dresden
Wandbild in Dresden © Nikolia Schmidt

Studiert hat Besser, der aus Freiberg stammt, an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste. Wenn er nicht auf dem Gerüst steht und malt, hält er Vorträge, veranstaltet Workshops und Festivals oder schreibt Projektanträge. Geld verdient er mit Murals, wie die Wandmalereien heißen, nur, wenn er einen Auftraggeber findet wie das Hotel an der Dresdner Marienbrücke. Dessen sechs Stockwerke hohe Giebelwand ziert seit vorigem Jahr eine blaue Verkehrs-Acht. Mobilität ist auch das Thema vieler Bilder seiner Sachsentour. Das sei nicht unbedingt geplant gewesen. „Wir malen spontan, was uns einfällt“, verrät er. Räder sind aber immer dabei.

Bessers Tour ist beste Werbung für mehr Kunst am Bau und fürs Radfahren. Im Gepäck hat er auch Flyer für das sechste „LackStreicheKleber“. Das Urban Art Festival, das er 2014 mit dem Kulturverein riesa efau gründete, findet vom 12. bis 20. September wieder in Dresden statt. Und in Bautzen, wo der Cargobike-Muralist 2019 eine Wand am Haus der „Insel für gemeinschaftliches Arbeiten“ namens Tagwerk gestaltete, bietet der Radverleih, der zum Tagwerk gehört, inzwischen auch ein Lastenrad an. Daran dürfte Jens Besser nicht ganz unschuldig sein.

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