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Sachsen wollen E-Autos bauen, aber nicht fahren

Nur eins von 100 Fahrzeugen hat einen Batterieantrieb. Die Elektromobilität nimmt kaum Fahrt auf, wie aktuelle Untersuchungen zeigen.

VW baut in Zwickau den vollelektrischen ID3. Die Nullserie läuft bereits.
VW baut in Zwickau den vollelektrischen ID3. Die Nullserie läuft bereits. © Foto: Ralph Koehler/propicture

Elektromobilität ist in Sachsen ein großes Thema. Volkswagen baut in Zwickau sein vollelektrisches Modell ID.3, BMW in Leipzig den i3 und Porsche will die E-Variante des Macan ebenfalls in Leipzig vom Band laufen lassen. Die großen Autobauer schalten um auf den batteriegetriebenen Antrieb. Was das für Beschäftigte und Zulieferer bedeutet, darüber wird heute auf dem jährlichen Kongress der ostdeutschen Automobilindustrie in Dresden diskutiert werden. Doch reicht die Produktion von E-Autos allein aus, um eine Vorreiterrolle in der Elektromobilität zu übernehmen? Denn auf sächsischen Straßen ist der Umstieg auf neue Antriebsarten noch nicht sichtbar. Diesen Eindruck erweckt zumindest der Blick in die Statistik.

So sind 4,6 Prozent aller rund 48 Millionen Pkw in Deutschland im Freistaat zugelassen, aber nur 2,9 Prozent aller Elektroautos und 2,4 Prozent aller Plug-in-Hybride. Von den insgesamt 2,15 Millionen zugelassenen Fahrzeugen in Sachsen im Januar 2019 waren nur 2 430 Elektroautos, ein mickriger Anteil von 0,11 Prozent. 1 640 Fahrzeuge waren Plug-in-Hybride, 0,08 Prozent aller Pkw. Gerade einmal 2,7 Prozent aller Gelder aus dem Topf der Bundesregierung für die Kaufprämie für Elektroautos sind bislang nach Sachsen geflossen – etwa 4,9 Millionen Euro. Die Summe bezieht sich auf die schon ausgezahlten und die vorgemerkten Prämien. Damit konnten 3 283 Elektroautos, Plug-in-Hybride und Wasserstoffautos bezuschusst werden. Die meisten davon sind in Dresden, Leipzig und Zwickau unterwegs, die wenigsten im Landkreis Nordsachsen (146). Und es gibt genau zwei rein elektrische ÖPNV-Busse in Sachsen, einer fährt in Dresden, der andere in Leipzig.

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Stephan Kühn wird heute  als erster Bundestagsabgeordneter auf dem Auto-Kongress in Dresden sprechen.
Stephan Kühn wird heute  als erster Bundestagsabgeordneter auf dem Auto-Kongress in Dresden sprechen. © Foto: Stefan Kaminski/Bündnis 90

Das sind die Ergebnisse einer Anfrage zur „Entwicklung der Elektromobilität im Freistaat Sachsen“, die Stephan Kühn, Dresdner Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Grüne, an die Bundesregierung gestellt hat. Laut den Antworten kommt auch der Ausbau der staatlich geförderten Ladepunkte nur schleppend voran. Erst ein Drittel der 193 Ladepunkte, für die seit Februar 2017 Fördermittel vom Bund bereitstehen, wurde bislang in Betrieb genommen. Das Bundesprogramm „Ladeinfrastruktur“ wurde inzwischen wiederholt verlängert.

Bislang fließen 3,9 Prozent der bewilligten Fördermittel, also rund 3,1 Millionen Euro, nach Sachsen. Die fleißigsten Antragsteller sind die Energieversorger Envia Mitteldeutsche Energie AG und die Enso Netz GmbH. Beide zusammen sollen allein 194 Ladepunkte errichten.

Sachsen brauche Mobilitätsagentur

„Wenn in Sachsen nur E-Autos gebaut, aber nicht gefahren werden, wird Sachsen sein Ziel verfehlen, der Leitmarkt für die Elektromobilität zu sein“, bewertet Kühn die Ergebnisse. Der verkehrspolitische Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Grüne sieht die nächste Landesregierung in der Pflicht. Sie müsse für mehr Anträge sächsischer Unternehmen auf Zuschüsse für Ladestationen auf Firmengeländen sorgen. „Dafür brauchen wir eine Landesagentur für neue Mobilität, die die Kräfte bündelt“, fordert Kühn. Sachsen habe die Chance, sich zur Spitzenregion für Elektromobilität in Europa zu entwickeln. Doch dazu bedürfe es mehr E-Autos in den öffentlichen Flotten, mehr Investitionen in Ladesäulen und einen stärkeren Ausbau der erneuerbaren Energien, so Kühn.

Er fordert eigene Landesförderprogramme für gewerbliche Ladesäulen, um Lücken in den Bundesprogrammen zu schließen. In 13 Bundesländern gibt es entsprechende Förderrichtlinien, in Sachsen nicht. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags. Im Auftrag von Kühn hat er aufgelistet, welche landesspezifischen Programme es für die Anschaffung von Elektrofahrzeugen, den Aufbau der Ladeinfrastruktur, Forschungsförderung und den Wandel der Automobilindustrie gibt. Danach besitzt Baden-Württemberg die bislang umfassendste Förderkulisse einschließlich der finanziellen Unterstützung von Weiter- und Fortbildungskursen für Arbeitnehmer. Hamburg fördert Ladepunkte an und in Wohn- oder Gewerbeimmobilien. Sachsen-Anhalt und Thüringen gehören zu den Ländern, die den Kauf von Elektrobussen bezuschussen. In Sachsen hat allein die Förderrichtlinie für Stromspeicher einen Bezug zur Elektromobilität.

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Auch bei VW Sachsen findet man, dass der Freistaat im Vergleich zu anderen Bundesländern nicht sehr ambitioniert unterwegs ist. „Wir wünschen uns von einer neuen Landesregierung beim Thema Ladeinfrastruktur für Elektro-Fahrzeuge mehr Engagement – besonders bei der Unterstützung im Bereich der Ladeinfrastruktur am Arbeitsplatz und im ländlichen Raum“, sagt VW Sachsen-Sprecher Carsten Krebs.

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