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Das Dorf, das der AfD widerstand

Im sorbischen Crostwitz erzielte die AfD eines ihrer schwächsten Ergebnisse in Sachsen. Woran das liegt? Eine Reportage aus einer kleinen Insel im blauen Meer.

© Robert Michael

Tobias Wolf

Majestätisch thront die 250 Jahre alte Barockkirche auf dem Hügel über dem historischen Dorfkern von Crostwitz mit dem Gebäude der Gemeindeverwaltung. Ein Synonym für das Selbstverständnis der Bewohner. Oben der Glaube, die christlichen Werte und die Tradition, unten die staatliche Institution, die alles Weltliche regelt. Auf dem katholischen Friedhof ist der sorbische Schriftsteller Jurij Brezan begraben.

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Crostwitz, historisches Kleinod im Sorbenland, ist für das traditionelle Osterreiten bekannt.
Crostwitz, historisches Kleinod im Sorbenland, ist für das traditionelle Osterreiten bekannt. © Robert Michael
Glaube und Tradition seien die moralischen Pfeiler der Sorben, sagt Marco Klimann, CDU-Bürgermeister von Crostwitz. „Insofern kann man denen von AfD und Pegida nur zurufen: Geht mal in die Kirche, dann gibt sich das schon mit eurem Werteverlust.“
Glaube und Tradition seien die moralischen Pfeiler der Sorben, sagt Marco Klimann, CDU-Bürgermeister von Crostwitz. „Insofern kann man denen von AfD und Pegida nur zurufen: Geht mal in die Kirche, dann gibt sich das schon mit eurem Werteverlust.“ © Robert Michael
Obwohl die AfD hier nicht stärkste Kraft wurde, sind viele Einwohner schockiert. Auch Christian Gärtner von der lokalen Bäckerfamilie ist ratlos über so viel Wut, Ängste und Hass auf alles Fremde.
Obwohl die AfD hier nicht stärkste Kraft wurde, sind viele Einwohner schockiert. Auch Christian Gärtner von der lokalen Bäckerfamilie ist ratlos über so viel Wut, Ängste und Hass auf alles Fremde. © Robert Michael

Die Häuser um die Kirche herum sind herausgeputzt, an wenigen bröckelt noch brauner Putz aus alten Zeiten. Feldkreuze mit Heiligenfiguren und Goldüberzug gibt es hier an jeder Ecke. Crostwitz, ein Kleinod im sorbischen Herzland, genau in der Mitte zwischen Bautzen und Kamenz, das einmal im Jahr massenhaft Touristen anzieht. Wenn an der Kirche die Osterreiterprozession zum Kloster St. Marienstern im benachbarten Panschwitz-Kuckau startet.

Ein Stück weiter sitzt Marco Klimann in der Verwaltung der 1 000-Seelen-Gemeinde. Der ehrenamtliche CDU-Bürgermeister hat heute Sprechstunde. Das Büro ist schlicht eingerichtet, Schränke in Holzoptik, beige Besucherstühle, ein Modell aus DDR-Zeiten. An der Wand ein gerahmter Lessing-Spruch: „Nur die Sache ist verloren, die man aufgibt.“ Er hat ihn vom Vorgänger übernommen. Im Hauptamt ist der dreifache Familienvater Pflegedienstleiter in einem Krankenhaus. „Wenn man hier mit manchen Leuten spricht, schlackern einem die Ohren“, sagt der 36-Jährige. „Vieles wird pauschalisiert wie die Flüchtlingsproblematik.“ Dabei tendiere der Ausländeranteil „krass gegen Null.“ Die Leute seien eben mit der Landespolitik unzufrieden. „Das liegt nicht nur an den Flüchtlingen.“

Jetzt wird sein Dorf vielleicht noch für etwas anderes berühmt. Es ist einer der wenigen Flecken in Sachsen, in dem die Wähler am Sonntag nicht die AfD zur stärksten Partei gemacht haben. Ja, auch hier stürzte die CDU bei der Bundestagswahl gegenüber 2013 am Sonntag von 65 auf 47,2 Prozent ab. In Panschwitz-Kuckau, wo bis vor Kurzem Sachsens ranghöchster Sorbe, Ministerpräsident Stanislaw Tillich lebte, holte seine CDU 47,4 Prozent. So viel Stimmen erhielt die AfD als landesweiten Spitzenwert in Dorfchemnitz im Erzgebirge.

Aber hier in Crostwitz gibt es anscheinend eine unsichtbare Brandmauer gegen Demokratieverdrossene und Nationalisten, die am Ende das schlimmste für die Christdemokraten verhinderte und der AfD ein vergleichsweise mageres Ergebnis von 20,3 Prozent bescherte.

Vor der Bäckerei Gärtner an der Hauptstraße ist am Dienstagvormittag einiges los. Autos rollen auf den Parkplatz, deren Fahrer mit vollen Brottüten ebenso schnell wieder verschwinden. Eine Seniorin packt vorsichtig ihren kleinen Enkel in den Kindersitz. Sie ist schockiert über den Wahlausgang. „Es ist schlimm, dass die AfD hier so viele Stimmen bekommen hat“, sagt die 65-Jährige. „Die reißen das Ruder doch auch nicht rum.“

Die Frau, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will, hat christdemokratisch gewählt. Wie immer. Sie sieht die Bundestagswahl als Weckruf an die Etablierten. „Die CDU muss sich langsam mal Mühe geben und sich um die Sorgen und Nöte der einfachen Menschen kümmern.“ Etwa bezahlbaren Wohnraum. „Meine Tochter lebt in Dresden, dort sind Wohnungen so teuer, dass man die kaum bezahlen kann.“ Sie ist nicht die Einzige, die dem Ministerpräsidenten seinen Wegzug ins ferne Dresden verübelt. In eine Wohnung in einem fein sanierten früheren Sanatorium im Edelviertel Weißer Hirsch. „Der kann sich das ja leisten, eine Wohnung zu kaufen“, sagt die Rentnerin erbost. „Das ist ja das Schlimme.“ 43 Jahre habe sie gearbeitet und komme nun gerade so über die Runden.

Ihr Kreuz würde sie dennoch nicht bei der AfD machen. Auch wegen der Flüchtlinge. Sie verstehe die ganze Hetze gegen Fremde nicht, die Vorwürfe, alle seien kriminell. „Meine Großeltern haben immer gesagt: Ihr wisst doch gar nicht, wie das ist, wenn man nirgends aufgenommen wird oder willkommen ist.“ Die Verbrecher unter den Migranten, ja, die solle man schon schnell abschieben.

Ein Mann, 78 Jahre alt, wartet in einer älteren grauen Mercedes-Limousine auf seine Frau, die bald darauf mit Eiern und Brötchen unter dem Arm aus der Bäckerei kommt. „Ich bin katholisch und habe CDU gewählt, das mache ich schon immer“, sagt er etwas mürrisch. „Aber die CDU hat viele Versprechen nicht gehalten.“ Und dann kommt etwas, dass in den Analysen nach der Wahl öfter durchscheint, die gefühlte Abwertung der Ostdeutschen durch Westdeutsche, die in Justiz, staatlicher Verwaltung oder Firmen Karriere machen.

„Das geht doch schon mit der Kirche los, die kommen auch alle aus dem Westen“, sagt er. Wie der letzte Bischof Heiner Koch, der nach zwei Jahren wieder weg war, „aber vorher alles durcheinander gewirbelt hat“, sagt der Rentner. „Und wo kommt der nächste her?“ Wieder aus dem Westen. „Sind unsere Leute hier wirklich so blöde, dass sie das nicht können?“ Er erzählt vom Sohn seiner Cousine, dem in einem Kloster in Magdeburg der Posten des Abts zugesagt worden sei, nachdem der Vorgänger in Pension gegangen ist. „Den Posten hat dann auch einer aus dem Westen bekommen.“ Es sei überall das Gleiche.

In der Bäckerei steht Raphaela Gärtner hinter dem Tresen. Sie packt Brötchen in Papiertüten, auf denen das Konterfei von Roland Ermer prangt, dem Landesobermeister der Bäcker. Der war im Wahlkreis Bautzen als CDU-Direktkandidat angetreten. Erfolglos. „Die Tüten brauchen wir aber noch auf“, sagt Gärtner. „Viele unserer Kunden sind schwer erschüttert über das Wahlergebnis der AfD.“ Dann ruft die 49-Jährige ihren Sohn Christian hinzu, der kenne sich besser mit Politik aus.

Die Familie ist gläubig und traditionsbewusst. Christian Gärtner ist einer der Osterreiter. Das Feldkreuz neben dem Laden haben sie vor ein paar Jahren aufgestellt. Zwei Figuren, Maria und Jesus am Kreuz, dazu auf sorbisch die Inschrift „Halleluja – läutet die Glocken“. Der Pfarrer hat es gesegnet. Ein Osterlied. Der 28-Jährige, der schon ein Ingenieursstudium hinter sich hatte, als er im elterlichen Geschäft eine Bäckerlehre absolvierte, studiert nun im neunten Semester Pädagogik in Dresden. Er will mal als Berufsschullehrer arbeiten. Am Liebsten in seiner Heimat. In Bautzen gibt es eine Berufsschule für Lebensmittelberufe.

Der junge Mann kann sich nicht erklären, warum so viele AfD wählen, warum so viele Menschen verbittert sind. Wirtschaftlich geht es den Menschen in der Region gut. „Die wollen der CDU eins auswischen“, sagt die Mutter. „Aber die Truppe ist einfach nur ein Witz, die lösen doch auch keine Probleme“, antwortet der Sohn. Es gehe um Wut, Ängste, um Hass auf Fremde. „Hier gibt es aber keine Asylbewerber, die Leute kommen mit denen gar nicht in Kontakt.“ Die Mutter erzählt, dass Stanislaw Tillich persönlich so manchen enttäuscht habe: „Als der Ministerpräsident umgezogen ist, haben viele gesagt: Der hat das hier nicht mehr nötig.“

Was die AfD mache, „ist blanker Populismus und das kann am Ende schief gehen“, sagt Christian Gärtner. Dennoch sind beide froh, dass in der Gemeinde deutlich weniger die AfD gewählt haben als sonst in Sachsen. Sie glauben, dass es daran liegt, dass in Crostwitz viele Sorben leben, dass der Glaube eine große Rolle spielt, das christliche Gebot der Nächstenliebe. Sie sind stolz hier in Crostwitz, auf ihre Arbeit, die Heimat, die katholische Tradition.

So erklärt sich auch der Bürgermeister das CDU-Ergebnis. Auch wenn die AfD „nur“ um die 20 Prozent in Crostwitz erhalten hat: Wenn man sich mit deren Anhängern unterhalte, werde einem ganz anders, sagt Marco Klimann. „Die sind schon sehr nationalistisch eingestellt.“ Er macht zwischen jedem Wort eine Pause. „Wir sind leider auch keine Insel der Glücksseligkeit.“ Aber die Sorben-Gemeinden im Verwaltungsverband „Am Klosterwasser“ sind eine schwarze CDU-Insel im blauen AfD-Meer. „Unser sorbisches katholisches Traditionsbewusstsein bewahrt uns vielleicht ein bisschen davor, jemandem anderen nach zu rennen, zumindest in dem Ausmaß.“ Das Abschneiden der AfD in seiner Gemeinde habe er genau so erwartet.

AfD und Pegida, das sei ja quasi häufig eins. „Die fordern die Revitalisierung oder Wiederauferstehung des christlichen Abendlandes, aber bei uns ist das nie verloren gegangen“, sagt Klimann. „Die haben anscheinend das Problem, dass die nicht wissen, wie eine Kirche von innen aussieht.“ Glaube und Tradition seien die moralischen Pfeiler der Sorben, eine Richtschnur, durch die sich die Leute nicht gleich verrückt machen lassen. „Insofern kann man denen von AfD und Pegida nur zurufen, geht mal in die Kirche, dann gibt sich das schon mit eurem Werteverlust.“

Er hat Humor. Vielleicht geht es auch nicht anders. „Wir sind ja Deutsche und Sorben und manchmal gibt es Situationen, da kann man sich mit dem Fremdsein identifizieren“, sagt er. „Als Jugendliche sind wir auch von Neonazis überfallen worden.“ Für einen Sorben seien Konflikte mit nationalistischen Menschen nichts Fremdes. „Schon von daher ist die Hemmung größer, so jemandem einfach nach zu rennen.“

Aber die Politik habe grundsätzlich etwas verkannt in der Kommunikation mit den Leuten, findet Klimann. Etwa in der Bildungspolitik. In vielen Orten sind Schulen geschlossen worden. Crostwitz hat noch eine. „Aber bei uns in der Grundschule ist ein Lehrer, den hatte man mit 58 Jahren erst in den Vorruhestand geschickt und nun mit über 70 wieder ausgegraben“, sagt der 36-Jährige. „Die holen jetzt die ganzen Rentner wieder.“ Die jüngste Lehrerin sei 50. Dann ist da die Turnhalle, für deren technische Überprüfung die Gemeinde jedes Jahr Tausende Euro bezahlen muss. Da könnte die Landesregierung schon mehr unterstützen, findet Klimann. „Sachsen ist ja auch stolz drauf, Technologieland zu sein.“

Das mit humanistischer Bildung zu ergänzen, schade gewiss nicht. Da seien auch die Eltern in der Verantwortung. „Wenn man durch die Stadt läuft und die Eltern sieht, das Kind an der einen, das Smartphone in der anderen Hand, da kann am Ende nicht viel rauskommen.“ Das könne die Schule auch nicht mehr retten.