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Sachsens Brauereien in der (Corona-)Krise

Die Biersteuer muss erst einmal nicht bezahlt werden. Doch vor allem Kleinbrauereien haben einen anderen Wunsch.

Die Flaschenverkäufe an private Verbraucher können den fehlenden Bierabsatz in den Gaststätten nicht kompensieren.
Die Flaschenverkäufe an private Verbraucher können den fehlenden Bierabsatz in den Gaststätten nicht kompensieren. © imago images

Dresden. Christian Schwingenheuer sitzt auf 12.000 Litern Bier. Vor drei Wochen hat er den letzten Sud angesetzt. Doch kein Gasthaus nimmt dem Dresdner Brauer nun noch seine Fässer zu 9,5 Liter oder gar 30 Liter ab. Alle Kneipen sind zu. Seine fünf Angestellten hat Schwingenheuer in Kurzarbeit geschickt, nur der Lehrling ist noch da. Bis das Kurzarbeitergeld von der Arbeitsagentur kommt, kann sich Schwingenheuer mit einem Kredit behelfen: Das Programm „Sachsen hilft sofort“ hat dafür gesorgt, dass er schon eine Woche nach seinem Antrag von der Sächsischen Aufbaubank zinslos Geld bewilligt bekam. „Das hat mir den A... gerettet“, sagt der Brauer, der weiterhin in der Schönbrunnstraße in der Dresdner Neustadt auf Kunden wartet. Doch gewöhnlich verkauft er 90 Prozent seiner Biere wie Elbhang-rot oder Bio-Neustadt hell an Kneipen, nur zehn Prozent in Flaschen.

Dass der Staat nun auf die Biersteuer erst einmal verzichtet und die Zahlung stundet, ist aus Sicht Schwingenheuers „eine nette Geste“. Das Bundesfinanzministerium teilte am Montag mit, nach Absprache mit den Ländern könne diese Steuerzahlung bis Jahresende aufgeschoben werden – nach einem Antrag an die Hauptzollämter. Das hilft laut Schwingenheuer allerdings nur „der Industrie“, nicht einem Kleinbrauer wie ihm. Kleine Brauereien zahlten ohnehin einen ermäßigten Satz auf verkauftes Bier – „aber dafür müsste ich ja erst mal Bier verkaufen“.

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Steuer-Aufschub hilft mittelgroßen Brauereien

Größeren Brauereien dagegen verschafft die Stundung dagegen erst einmal einen finanziellen Spielraum. Die Biersteuer steht den Ländern zu und betrug 2019 nach Angaben des Bundesfinanzministeriums insgesamt rund 650 Millionen Euro. Sachsens Finanzminister konnte bisher eine jährlich fällige Biersteuer in der Größenordnung von etwa 65 Millionen Euro einplanen. Barbara Sarx-Lohse, die Geschäftsführerin des Sächsischen Brauerbundes in Dresden, sieht darin ein mögliches Darlehen, das ein Teil der Brauereien in Anspruch nehmen wird. Schon vor einer Woche habe sie die Zusage dafür erhalten, nach Gesprächen mit Landesregierung und Hauptzollamt.

Der Steuer-Aufschub hilft den mittelgroßen Brauereien in Sachsen, die laut Sarx-Lohse sonst bisher wenig Chancen auf Staatshilfen haben. Während Kleinbrauer wie Schwingenheuer mit weniger als zehn Beschäftigten rasch zinslose Kredite bekommen konnten, sind die bekannten Brauereien dafür zu groß. In Bayern gebe es Zuschüsse auch für Brauereien mit bis zu 250 Beschäftigten, in Sachsen bisher nicht. Die größte Sorge des Brauerbundes sind aber die fehlenden Kunden.

Laut Verbandsgeschäftsführerin Sarx-Lohse sind nicht nur die rund 20 Prozent Fassbier-Anteil an der Produktion der sächsischen Brauereien weggefallen. Die Gastwirtschaften sind geschlossen, die Biergärten öffnen nicht, Fußball-Massenveranstaltungen fallen aus. Auch ein Erfolg der vergangenen Jahre wurde zunichte gemacht: der gewachsene Export. China, Italien und Spanien nahmen zuletzt rund 600.000 Hektoliter Bier aus Sachsen ab, nun erst einmal nicht. Bei acht Millionen Hektolitern liegt der gesamte Bierabsatz der sächsischen Brauereien, seit Jahren etwa gleichbleibend.

„Es gab kein Bier-Hamstern“

In Sachsen wird Bier in insgesamt 75 Braustätten gebraut, davon arbeitet die Hälfte laut Brauerbund industriell und die andere auf handwerklicher Basis. 1995 gab es in Sachsen nur noch 32 Brauereien, doch dann begannen Gastwirte und Freunde des Brauens zunehmend mit eigener Produktion in kleinerem Stil. Sarx-Lohse befürchtet nun, nach der Corona-Krise werde es „einige davon nicht mehr geben“. Wer erst vor kurzem Geld investiert und womöglich Schulden gemacht habe, könne eine solche Krise schwer durchstehen.

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Die Gasthäuser haben Kurzarbeit, die größeren Brauereien in Sachsen laut Brauerbund bisher nicht. Doch Geschäftsführerin Sarx-Lohse stellt auch fest: „Es gab kein Bier-Hamstern“. Während viele Menschen Vorräte aus Konserven und Nudeln anlegten, fanden sie ihre Flaschenvorräte anscheinend ausreichend – oder hatten nicht mehr Platz im Keller. Der Verkauf an sächsischen Flaschenbieren sei in der Krise um 40 Prozent eingebrochen, schätzt die Verbandsgeschäftsführerin.

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