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Wirtschaft

Sachsens Firmen stellen ihre Produktion auf Corona um

Statt Duschvorhänge Schutzmasken, statt Bioethanol Desinfektionsmittel – die Unternehmen helfen anderen und sich selbst.

Eine Mitarbeiterin des Textilunternehmens Brändl in Geyer näht Mundschutzmasken. Die Masken bestehen aus einem antibakteriellen Stoff, in dem Fäden aus reinem Silber eingewebt sind.
Eine Mitarbeiterin des Textilunternehmens Brändl in Geyer näht Mundschutzmasken. Die Masken bestehen aus einem antibakteriellen Stoff, in dem Fäden aus reinem Silber eingewebt sind. © Hendrik Schmidt/dpa

In Zeiten der Coronavirus-Krise haben Unternehmen mit Auftragseinbrüchen zu kämpfen. Was also tun mit den freien Kapazitäten? Einige Firmen stellen ihre Produktion auf Medizintechnik, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel um, denn die wird momentan dringend gebraucht. Ein Überblick:

So reagiert Sachsens Textilbranche

Laut dem Verband der ostdeutschen Textilindustrie (vti) haben die ersten Betriebe ihre Produktion auf Mundschutzmasken umgestellt. Statt Plauener Spitze fertige etwa die Stickerei Reuter aus dem vogtländischen Auerbach seit dieser Woche Masken. 

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Auch ein Anbieter eines neuartigen Anti-Keim-Stoffs aus dem erzgebirgischen Geyer bekommt nach eigenen Angaben viele Anfragen. „Bislang war das technische Textil vielen Krankenhäusern zu teuer. Doch jetzt wachen auf einmal alle auf“, sagt Jörg Brändl von Brändl Textil. Seit drei Jahren arbeitet der Unternehmer zusammen mit einem Traditionsunternehmen aus Crimmitschau an dem antibakteriellen Stoff, der unter anderem für Duschvorhänge eingesetzt wird. Im Kampf gegen Corona entwickle die Firma aus dem Material nun einen wiederverwendbaren Mundschutz und OP-Bekleidung. 

Das Familienunternehmen F.W. Kunath aus Großröhrsdorf hat eine 152-jährige Firmengeschichte hinter sich. „Was für meine Vorfahren der Erste und Zweite Weltkrieg sowie die Wendezeit an Herausforderungen mit sich brachte, die es zu meistern galt, wird für mich und mein Team die Corona-Krise“, sagt Geschäftsführerin Grit Hartmann. Normalerweise fertigt das Unternehmen mit derzeit 60 Mitarbeitern seine eigene Kollektion Berufskleidung für Medizin und Pflege. Vor 30 Jahren gehörten auch medizinischer Mundschutz und OP-Kleidung zum Sortiment. Darauf haben sich nun einige Kliniken besonnen. Seitdem gehen täglich Bestellungen aus dem ganzen Bundesgebiet ein. „Unsere Produktion hat sich verdoppelt, und wir konnten jetzt aufgrund der Bestellmengen einige Näherinnen aus benachbarten Firmen vor der Kurzarbeit retten“, berichtet Hartmann.

Nicht nur Textilfirmen stellen sich um. Die Diakonie Sachsen berichtet, dass Mitarbeitende der Migrationsberatung der Diakonie Riesa-Großenhain GmbH jetzt mit Migrantinnen und Migranten aus Syrien, Venezuela, Iran und Irak 1.500 Mundschutzmasken für die Elblandkliniken und das Gesundheitsamt nähen.

Jägermeister, Klosterfrau, Pernod Ricard und andere Alkoholanbieter helfen in der Corona-Krise bei Engpässen von Desinfektionsmittel aus.
Jägermeister, Klosterfrau, Pernod Ricard und andere Alkoholanbieter helfen in der Corona-Krise bei Engpässen von Desinfektionsmittel aus. © Archiv dpa

Alkoholproduzenten springen ein

Weil an manchen Stellen das Ethanol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln knapp geworden ist, springen weltweit Hersteller von alkoholischen Getränken ein. In Deutschland stellt Jägermeister 50.000 Liter Alkohol für die Apotheke des Braunschweiger Klinikums zur Verfügung. Die Beck’s Brauerei hat die Produktion umgestellt und produziert jetzt Desinfektionsmittel. 

Doch das können nicht alle Brauereien leisten. „Da wir kein alkoholfreies Radeberger Pilsner produzieren, besteht diese Option für uns hier vor Ort nicht“, betont Jana Kreuziger, Sprecherin der Radeberger Brauerei. Denn der eingesetzte Alkohol entsteht bei der Entalkoholisierung von Vollbier.

Desinfektionsmittel statt Kraftstoff

Die Vereinigte Bioenergie AG (Verbio) aus Leipzig hat am Standort Zörbig in Sachsen-Anhalt eine Produktionslinie zur Herstellung von Desinfektionsmittel für Krankenhäuser und Apotheken eingerichtet. Aus dem sonst als Biokraftstoff eingesetzten Bioethanol wird jetzt ein Mittel zur Händedesinfektion produziert. Was sich scheinbar einfach anhört, war eine echte Herausforderung: „Bioethanol, der als Biokraftstoff verwendet wird, ist nicht geschmacks- und geruchsneutral. Der gesamte Herstellungsprozess musste umgestellt werden“, erklärt Wolfram Klein, Geschäftsführer bei Verbio in Zörbig. 

© Verbio AG

Er setzte die Produktionsumstellung in nur wenigen Tagen um. Darüber hinaus musste der Biokraftstoff-Spezialist kurzfristig in eine neue 24-Stunden-Abfüllung und handelsübliche Verpackungen für Desinfektionsmittel investieren. „Normalerweise liefern wir unser Bioethanol in Tankzügen oder Tank-Lkws an unsere Kunden, die Mineralölunternehmen. Jetzt bieten wir Desinfektionsmittel in 10-Liter- und 20-Liter-Kanistern und 220-Liter-Fässern an. Das ist ein großer Unterschied“ , so Klein. Zurzeit werden 40.000 Liter Desinfektionsmittel pro Woche hergestellt.

Beatmungsgeräte aus dem Autowerk

Der VW-Konzern bereitet laut Medienberichten vor, mit 3D-Druckern Schläuche oder Gesichtsmasken für Beatmungsgeräte herzustellen. Im weltweiten Konzernverbund gibt es 150 moderne 3D-Drucker, die dafür genutzt werden könnten. In Sachsen sind es bislang vor allem wissenschaftliche Einrichtungen, die ihre 3D-Drucker einsetzen, um Engpässe zu beheben. 

Nach Angaben des sächsischen Verbandes für Biotechnologie und Medizintechnik (Biosaxony e.V.) druckt schon das Gründungsteam des Startup „Next3d“ in Leipzig für die Apotheke der Universitätsklinik Leipzig Probenahme-Röhrchen und Verschlusskappen, die ausgegangen waren. Seit dieser Woche wird auch versucht, über den Verein Dresden Concept 3D-Drucker und Kliniken in der Region zusammenzubringen. Biosaxony-Vorstand Andre Hofmann bemüht sich mit Ronny Grunert, Gründer von Next3d, darum, die 3D-Druck-Kapazitäten in Sachsen weiter auszubauen. „Perspektivisch müssen wir aber auch über Spritzguss und andere Fertigungstechnologien nachdenken, um auch größere Loszahlen abdecken zu können“, betont Hofmann.

>>> Aktuelle Entwicklungen zum Coronavirus in unserem Newsblog

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