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Fußballchef warnt vor Kunstrasen-Verbot

Hermann Winkler fordert eine lange Übergangsfrist für Kunstrasenplätze und warnt vor den finanziellen Folgen. 

Das Granulat spritzt auf, wenn Fußballspieler auf Kunstrasenplätzen gegen den Ball treten. Durch Wind und Regen gelangt die Mikroplastik in die Umwelt. Ein Verbot hätte jedoch gravierende Folgen für Vereine und Kommunen.
Das Granulat spritzt auf, wenn Fußballspieler auf Kunstrasenplätzen gegen den Ball treten. Durch Wind und Regen gelangt die Mikroplastik in die Umwelt. Ein Verbot hätte jedoch gravierende Folgen für Vereine und Kommunen. © imago/Ulmer

Es wirkte wie ein Thema aus dem Sommerloch. Doch die Sache ist ernst, findet Hermann Winkler. Der Präsident des Sächsischen Fußballverbandes will verhindern, dass Vereine und Gemeinden schon bald ihre Kunstrasenplätze kostspielig umrüsten oder gar schließen müssen. 

Die Europäische Chemikalienagentur wird im kommenden Frühjahr einen Bericht über Mikroplastik-Granulat vorlegen. Dieses wird häufig auf Kunstrasenplätzen als Füllmaterial verwendet, um die Dämpfung zu verbessern und damit Verletzungen vorzubeugen. Viele dieser Kunststoffteilchen landen im Boden, in Flüssen, Seen und Meeren und gelangen so in unsere Nahrungskette. Ein Verbot des Granulats ab 2021 ist daher möglich. Der Schaden für den Sport wäre groß, erklärt Winkler im SZ-Gespräch.

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Herr Winkler, in den vergangenen Tagen gab es viel Aufregung um ein mögliches Verbot von Granulat auf Kunstrasenplätzen. Wie groß ist die Aufregung bei den sächsischen Vereinen?

Die ist groß. Wir haben viele Anrufe und Mails bekommen, ich werde persönlich oft angesprochen. Die Frage ist fast immer die gleiche: Wie geht es nun weiter?

Was antworten Sie?

Dass wir das Thema sehr ernst nehmen müssen, andererseits aber nicht in Panik verfallen dürfen. Als Verband beteiligen wir uns an der öffentlichen Anhörung der Europäischen Union.

Hermann Winkler ist seit 2016 Präsident des Sächsischen Fußballverbandes. Bis zum Frühjahr saß er im Europäischen Parlament.
Hermann Winkler ist seit 2016 Präsident des Sächsischen Fußballverbandes. Bis zum Frühjahr saß er im Europäischen Parlament. © Ronald Bonß

Wie viele Vereine wären von einem Verbot betroffen?

Wir haben in Sachsen derzeit 230 Kunstrasenplätze. Wie viele davon Granulat als Füllmaterial einsetzen, kann ich derzeit noch nicht sagen. Teilweise sind die Plätze auch in kommunaler Hand, sie werden für den Schulsport genutzt. Es ist also nicht nur ein Problem der Fußballvereine.

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Granulat-Verbot ab 2021 oder 2022 erlassen wird?

Dass es irgendwann kommen wird, da bin ich mir sicher. Die Europäische Kommission hat eine klare Strategie und sich zum Ziel gesetzt, den Ausstoß von Mikroplastik zu verringern. Daran wird nicht gerüttelt, offen ist also nur der Zeitpunkt. Auf Bundesebene wurde eine Übergangsfrist von sechs Jahren gefordert. Das ist zu wenig. Kunstrasenplätze haben eine Lebensdauer von zehn bis zwölf Jahren, so lange sollte der Granulat-Einsatz auch erlaubt bleiben. Wenn ein Verein gerade erst neu gebaut und investiert hat, dann reichen sechs Jahre nicht aus. Wir brauchen den Bestandsschutz.

Ein Umrüsten auf andere Füllmaterialien wie Kork oder Quarzsand würde nach Schätzungen von Experten rund 75.000 Euro pro Platz kosten – für unterklassige Vereine eine Summe, die sie kaum stemmen können.

Um es klar zu sagen: Ein schnelles Verbot wäre eine Katastrophe und würde dem Vereins- wie Schulsport großen Schaden zufügen. Klubs und Kommunen wären damit komplett überfordert.

Gibt es neben einer langen Übergangsfrist noch andere Lösungen?

Für die Umrüstung auf alternative Füllmaterialien sollte es künftig Fördergelder geben, damit die finanzielle Belastung nicht so hoch ist. Und es sind nun auch Firmen und Forschungseinrichtungen gefordert, nach praktikablen Alternativen zum Granulat zu suchen.

Warum setzt man nicht einfach wie früher auf Naturrasen?

Diese Frage höre ich oft. Auch ich vermisse gelegentlich den typischen Grasgeruch. Doch Kunstrasen hat den großen Vorteil, dass er bei fast jeder Witterung und rund um die Uhr genutzt werden kann. Dies ist vor allem in Großstädten wie Leipzig, Chemnitz und Dresden wichtig, wo es Engpässe im Kinder- und Jugendbereich gibt. Zudem brauche ich keinen Platzwart, der den Rasen mäht, bewässert, ausbessert, düngt, sich also ständig kümmert. Kunstrasen ist etwas pflegeleichter, deshalb geht die Tendenz seit Jahren in diese Richtung.

Was unternimmt der Sächsische Fußballverband nun, um die – wie Sie es formulieren – Katastrophe noch abzuwenden?

Das schaffen wir nicht allein. Wir machen das gemeinsam mit dem Deutschen Fußballbund und dem Deutschen Olympischen Sportbund. Je größer und stärker, desto wirkungsvoller. Beim DFB läuft gerade eine Umfrage bei den Vereinen und Kommunen, wie viele Plätze in Deutschland betroffen wären. Dann gibt es verlässliche Zahlen und Fakten, und wir können zielgerichtet argumentieren. Unsere Stellungnahme geht an die EU-Institutionen und die Entscheider.

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In der Diskussion wurde zuletzt betont, dass es nicht um ein generelles Verbot von Kunstrasenplätzen gehe, sondern lediglich um ein Verbot des Granulats. Ist es also vielleicht gar nicht so schlimm?

Doch, weil es aufs Gleiche hinausläuft. Das wäre in etwa so, als würde man erklären, das Autofahren nicht zu verbieten, sondern lediglich die Tankstellen. Das eine funktioniert nicht ohne das andere.

Das Gespräch führte Daniel Klein

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